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Veröffentlicht: 24.12.2015, 10:02 Uhr

Reifendreher Der Herr der Rääfenviecher

Reifendrehen ist ein einzigartiges Handwerk. Es hat im erzgebirgischen Seiffen die DDR überlebt und war und ist eine vorindustrielle Form der Serienfertigung. Die Produkte erfreuen heute eher Sammler als Kinder.

von
© F.A.Z., Hans-Heinrich Pardey Reifendrehen: Der Herr der Rääfenviecher

Sie stehen, eins neben dem anderen, im Kreis mit Blickrichtung zur Mitte: lauter Spielzeugpferdchen. Aber für den Beobachter, der dem Reifendreher bei seiner Arbeit zuschaut, sind die Pferde noch nicht zu sehen. Er sieht bloß einen Holzklotz, den Christian Werner mit kräftigen Hammerschlägen auf die Spindel der Drehbank geschlagen hat, bevor er das Holz glatt und rund drechselt. Als Kunsthandwerker braucht Werner gleichermaßen Kraft und Genauigkeit. Am erstaunlichsten aber ist für den Betrachter wohl sein Vorstellungsvermögen. Denn der Reifendreher sieht im Holz schon die Konturen des Pferdes, von dem er gleich sechzig Stück fertigen wird.

Hans-Heinrich Pardey Folgen:

„Was immer schon ein Künstler in sich trägt / Es hält der Marmorblock in harter Hülle / Aus rohen Steines schwerer Überfülle / Löst es der Meißel, der zur Form es schlägt.“ Diese Zeilen von Michelangelo beschreiben, was in der Stube des alten Hauses in Seiffen geschieht: Der Reifendreher nimmt alles Holz weg, das nicht Pferd ist. Und zwar freihändig, ohne Schablonen. Dass Werner mehr sieht als unsereiner, wird klar, wenn er murmelt: „Hier, die Beine sind noch ein bissel zu dick“, um dann noch einmal den scharfgeschliffenen Drehstahl anzusetzen und Material abzutragen.

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Fangen wir mit dem an: Hochgebirgsfichten müssen es sein, langsam gewachsen auf schlechten Böden von Nordhängen. Der Reifendreher fällt sie selbst, im Februar bei Neumond. Das Holz soll astfrei und möglichst fein gemasert sein. Und die Stämme werden auch nicht maschinell gerückt, weil das Rohmaterial der Reifentiere nicht gequetscht werden darf. Der Stamm wird in handliche Stücke geschnitten und im Keller in Seiffen kühl und feucht eingelagert. Noch ganz frisch muss es sein, wenn Werner es verarbeitet.

Ein Abschnitt von knapp einem halben Meter ergibt je nach der Größe der Tiere mehrere Ringe. Kurz mal wieder das eigene Vorstellungsvermögen bemühen: Welche Tiere brauchen wohl besonders breite Ringe? Richtig, Giraffen - wegen ihres langen Halses. Die Ringbreite zeichnet sich Werner mit einer Lehre an, aber diese Markierung ist das einzige Hilfsmittel, alles Übrige ist Vorstellung.

37793556 © Pardey Vergrößern Der Reifendreher bei der Arbeit.

Der Reifendreher fängt an, den Ring, der eigentlich noch eine - nicht abgetrennte - Scheibe ist, von außen zu bearbeiten, und formt ein geschwungenes Profil. Diese Außenseite des Rings wird das Hinterteil des Pferdes. Das Holz aus dieser Richtung zu bearbeiten ist das übliche Drechseln. So entstehen, ob von Hand oder maschinell, die Kugeln, Zylinder und Kegel, aus denen sich die Figuren der erzgebirgischen Volkskunst zusammensetzen: diese Räuchermännchen, Bergknappen, Kurrendesänger, Nussknacker, Engelchöre. Was heute Weihnachtsdekoration ist, die Schwibbogen fürs Fensterbrett und die von der warmen Luft über den Kerzen angetriebenen Pyramiden, wo Maria und Josef und die Heiligen Drei Könige Karussell fahren, alle diese Figuren lassen sich auf einfachste Formen zurückführen, aus denen sie zusammengeleimt werden.

Das ist genauso bei den kleinen Interieurs, Werkstätten und Puppenstübchen, die in eine Streichholzschachtel passen. Aber auch die Holzgespanne und später die kleinen Autos mit ihren einfachen Scheibenrädern aus Ton, die ein feiner Nagel als Achse hält, waren einmal in Serie gefertigtes Spielzeug. Diese Volkskunst entwickelte sich aus der Not heraus im Erzgebirge während des 18. Jahrhunderts und überlebte die DDR in kleinen Handwerksbetrieben wie dem von Vater Walter K. Werner - als Devisenbringer.

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Die ältesten Schwibbogen, eine Umsetzung der verzierten Schachteingänge des Bergbaus und zugleich den im Dunklen zurückkehrenden Bergleuten so etwas wie ein Leuchtturm am heimischen Fenster, sollen von etwa 1740 stammen. Der Ertrag des Bergbaus war da bereits im Zurückgehen, zudem hatte die gefährliche Arbeit zu vielen Invaliden geführt, die nicht mehr in der Landwirtschaft arbeiten konnten. Und die war in der gebirgigen Landschaft mit harten Wintern ohnehin nie besonders ertragreich gewesen.

So versuchten komplette Familien vom Großvater bis zum Enkelkind vor allem im Winter sich ein Zubrot zu verschaffen, indem sie aus dem reichlich vorhandenen Rohstoff Holz Spielzeug herstellten. Einerseits war alles Handarbeit, andererseits musste besonders rationell und in Mengen gefertigt werden. Denn die Abnehmer, reisende Händler, die an Messen lieferten, zahlten miserabel. Um die ganze Familie bis hinunter zu den Kindern einspannen zu können, wurde die Fertigung in viele, einfach zu bewältigende Einzelschritte zerlegt. Das ist auch heute noch so bei den Tieren des Reifendrehers. Das Drehen eines Reifens ist zwar der anspruchsvollste Teil der Herstellung, aber nur ein Schritt von vielen im Reifendreherwerk, das sich in dem alten Haus, das Christian Werner andernorts abtragen und nach Seiffen versetzen ließ, über mehrere Stockwerke erstreckt.

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