10.04.2008 · Die glatte Haut im Gesicht des Mannes fordert viel Zuwendung. Ohne die Rasur wachsen Stoppeln, dann wuchert der Bart. Damit dieser komfortabel verhindert wird, betreibt Gillette Rasierforschung: „We're on the cutting edge of razor technology.“
Von Peter ThomasVor hundert Jahren kam der Rasierapparat mit einzelnen Wegwerfklingen, eine Erfindung von King C. Gillette, auf den deutschen Markt. Auf der Innovation bauen seither alle neuen Generationen von Nassrasierern der amerikanischen Marke auf. Das Herz der Entwicklung neuer Rasiertechnik für Kinn und Wange schlägt jedoch im britischen Reading nahe London.
Fusion Power Stealth. Das klingt - und sieht auch so aus - wie ein Requisit der nächsten Episode von „Star Wars“. Bekämpft wird mit dem futuristischen Handwerkszeug jedoch nicht die dunkle Seite der Macht, sondern der über Nacht gewachsene Stoppelrasen auf Männerwangen. Fusion Power Stealth, das ist Gillettes aktueller Nassrasierer - der jüngste Spross einer langen Produktgeschichte. Den Anfang machte 1903 die einfache Wegwerfklinge. 1971 kam der erste starre Wechselkopf mit zwei Klingen auf. Und heute sind fünf Klingen samt einer elektrisch erzeugten Vibration Stand der Technik.
Kompetenzzentrum für scharfe Sachen
Das fünffache Messerpaket im Wechselkopf und andere Produkteigenschaften sind das Ergebnis grundsolider Forschungen im britischen Gillette Technology Centre (GTC). Dieses Kompetenzzentrum für scharfe Sachen liegt hinter einer denkmalgeschützten Fassade aus Backsteinen in Reading bei London. Spezialisten verschiedener Disziplinen haben hier in den vergangenen 40 Jahren alle Rasiersysteme entwickelt, die Gillette auf den internationalen Markt gebracht hat - neben den Rasierern für Männerbärte auch jene für Frauenbeine. Im Durchschnitt alle acht Jahre entwickelt die zu Procter & Gamble gehörende Marke ein solches System bis zur Serienreife, dazwischen gibt es eine kontinuierliche Modellpflege.
Zu den Mitarbeitern der Labors, Werkstätten und Studios gehören ernste Ingenieure und lebhafte Designer, Fachleute für Ergonomie und ausgefuchste Produktionstechniker. Dazu kommen täglich noch hundert Männer durch ihren eigenen Eingang auf das Fabrikgebäude. Diese stoppelbärtigen Gäste rasieren sich in kleinen Kabinen im Dienste der Feldforschung. Ihre eigenen Erfahrungen im Umgang mit den Prototypen der nächsten Rasierergeneration und die Beobachtungen der Forscher dazu sind Bausteine in der Entwicklung neuer Systemrasierer.
Hochgeschwindigkeitskameras für Crashversuche
Rasurforscher wie Darren Howell setzen aber auch Hochgeschwindigkeitskameras ein, wie man sie von den Crashversuchen der Autoindustrie kennt. Statt die Kaltverformung von Blech zu dokumentieren, rücken diese Kameras jedoch mit ihren Makroobjektiven der Haut unter der Klinge ganz nahe. So erfahren die Forscher zum Beispiel, dass die Haut bei der Rasur ein Wellenprofil bildet, dessen Kämme die Klingen nicht anschneiden dürfen. Selbst das Paket aus fünf Messern müsse deshalb der Haut eine vermeintlich glatte Oberfläche bieten, sagt Anne Stewart. Die Chemikerin ist wissenschaftliche Leiterin des GTC und sichtlich stolz auf die extradünnen Klingen, die Gillette im Fusion-System einsetzt: Gerade einmal 250 Angström stark sind die Spitzen der Klingen. Eine Beschichtung mit Niodium, Chrom und DLC (diamantenähnlichem Kohlenstoff) sorgt für die notwendige Stabilität des Stahls. Unter dem Elektronenmikroskop von Oliver Oglesby zeigt sich die Fusion-Schneide mit dem Querschnitt eines gotischen Spitzbogens. Ein medizinisches Skalpell ist dagegen fast dreieckig, an der Schneide weniger gleichmäßig geschärft und stumpfer. Ein gutes Küchenmesser ist bei dieser Vergrößerung extrem schartig, eine Haushaltsschere scheint einfach nur stumpf.
Aber Schärfe ist nicht alles. Die Messerpakete dürfen nicht durch die Mischung aus Seifenschaum, Bartstoppeln und Wasser verstopfen. Und die Beweglichkeit des Rasierkopfes muss der Ergonomie des Benutzers entsprechen. Gerade da machen die Männer der Welt Gillette das Leben schwer: Einer drückt seinen Rasierer vielleicht mit 100 Gramm Kraft an die Wange, der Nächste mit einem Kilogramm. Dieser braucht 40 Streiche mit der Klinge für eine Rasur, jener dagegen gleich mehr als 200. Deshalb zeichnet Dan Coe im „Motion Capture Laboratory“ nicht nur die Rasur von Testpersonen als ergonomisches Profil aus Bewegungen im dreidimensionalen Raum auf, er misst auch den Anpressdruck und registriert Probleme beim Rasieren von schwierigen Stellen. Aus solchen Beobachtungen ist zum Beispiel die sechste Klinge des Fusion Power Stealth entstanden, die auf der Rückseite des Kopfes sitzt. Wird damit rasiert, blockiert der flexibel gelagerte Kopf. So lassen sich mit der einzelnen Klinge stark konturierte Bärte präzise trimmen.
Selbstverpflichtung zur innovativen Technik
„We're on the cutting edge of razor technology“, grinst Werksdirektor Kevin Powell und meint dabei die Schärfe der Klingen ebenso wie die Selbstverpflichtung zur innovativen Technik. Wie der nächste Innovationssprung aussieht, davon erzählt der Materialwissenschaftler aber nichts: Beim Besuch im März sind die Labors blitzsauber aufgeräumt, von der nächsten Rasierergeneration ist keine Spur zu sehen. Die Zukunft gilt im GTC als Geheimsache, schließlich will Gillette seine Position auf dem Weltmarkt mit gut zwei Drittel Marktanteil vor dem wichtigsten Wettbewerber Wilkinson auch in Zukunft halten. Intensive Marktforschung und innovative Technik gelten Kevin Powell und Anne Stewart dafür als beste Voraussetzungen.
Das Streben nach dem perfekten Schnitt hat bei Gillette um 1900 begonnen, als der Firmengründer an seinem ersten Rasierhobel für Wegwerfklingen arbeitete. Die Geschichte der Rasur (dokumentiert zum Beispiel in dem nur noch antiquarisch erhältlichen Buch „Bart ab. Zur Geschichte der Selbstrasur“ von Frank Gnegel) dagegen ist viel älter. Ob bartlose Gesichter auf Höhlenzeichnungen nun künstlerische Freiheit waren oder prähistorisches Dokument sind, ist offen. Aber die Entfernung des Gesichtshaares durch Depilation (Kürzen bis auf einen nicht mehr fühlbaren Haarrest in der Haut), seltener durch Epilation (das Ausreißen des Haares samt der Wurzel) mit verschiedenen Methoden ist bereits aus der späten Steinzeit durch archäologische Funde belegt.
Eigene Kulturtechnik
Was als Prävention gegen den Befall durch Parasiten begonnen haben mag, entwickelte sich über die Generationen zur eigenen Kulturtechnik. Spätestens in den Zivilisationen des Zweistromlandes und im Alten Ägypten hatten sich Bartmoden etabliert, die durch Rasur geformt und erhalten wurden. Seitdem sind zahllose Bartformen (dazu zählt auch das bartlose Gesicht) vom preußischen Schnurrbart über Koteletten und rauschende Vollbärte bis zum Spitzbärtchen aufgekommen und wieder verschwunden. Sie wurden nicht nur zum Ausdruck von ethnischer Zugehörigkeit und Mode, sondern gaben auch über soziale und politische Überzeugungen des Trägers Auskunft.
Technisch hatte sich die Rasur bis zum 20. Jahrhundert dagegen kaum verändert: Dann entwickelte um 1895 der Amerikaner King Camp Gillette den 1901 patentierten Rasierhobel mit Wegwerfklinge. Als das Gerät nach zahlreichen Verbesserungen endlich 1903 auf den Markt kam, revolutionierte es die Nassrasur. Ähnliche Rasierhobel hatte es zwar schon vorher gegeben, aber sie waren noch mit kurzen Klingen aus geschmiedetem Messerstahl bestückt, die mit dem traditionellen Hohlschliff versehen waren und regelmäßig geschärft werden mussten. Der neue Rasierhobel setzte sich schnell auf dem Weltmarkt durch, vor hundert Jahren kamen die Klingen nach Deutschland.
Erster Rasierer mit zwei Klingen in einem Wechselkopf
Das System wurde mehrfach verbessert, doch Einzelklingen waren noch bis ins Jahr 1971 Standard, als Gillette Trac II vorstellte, den ersten Rasierer mit zwei Klingen in einem Wechselkopf. Seitdem hat die Suche nach dem schärfsten Schnitt in Reading nicht mehr nachgelassen. Jeder Schritt hat entweder zu einer größeren Zahl von Klingen geführt oder zu einer noch flexibleren Aufhängung des Rasierkopfes am Griff oder zu Maßnahmen, die das Messerpaket leichter über die Haut gleiten lassen. Zeitgenössische Rasierer verschwenken sich mittlerweile in einer Quer- und Längsachse, um den Konturen des Gesichts möglichst gut folgen zu können, während Gummilippen die Haut straffen. Und sogar ein elektrischer Motor samt Steuerelektronik hat mittlerweile Einzug gehalten in den Nassrasierer: Die milde Vibration des Schwingkopfs von Fusion Power soll für eine sanftere Rasur und ein samtweiches Gesicht sorgen.
Während die flexible Aufhängung die Klingen immer in eine möglichst gute Position zum Barthaar bringen soll, dient die Vielzahl der Messer dem besseren Schnitt. Dabei nutzen Mehrklingenrasierer die Biologie des Haares aus. Dessen widerstandsfähiger Schaft wird beim Schneiden durch die Kraft der Klinge aus der Haut emporgezogen, bevor der Schnitt erfolgt. Weil die Haarwurzel die Stoppel nicht sofort in die Haut zurückziehen kann, hat eine sehr dicht auf das erste Messer folgende zweite Klinge nun gute Chancen, das Haar erneut zu schneiden.
Datensätze der Designer als Modelle
Weil solche Maßnahmen zur Aufrüstung nicht einfach durch die bloße Addition einer weiteren Klinge gelingen, arbeitet den Entwicklern am GTL eine ganze Reihe von Spezialwerkstätten zu. Fachleute für Rapid Prototyping setzen die Datensätze der Designer als Modelle im vergrößerten Maßstab um. Das Verfahren, eine Art dreidimensionaler Drucktechnik, arbeitet mit einer höheren Auflösung als in der Automobilindustrie, wie die Modelle auch bewegliche Details haben. Modellcharakter hat anschließend auch die Fertigung der ersten Prototypen: In Kleinstserie erfolgt der Spritzguss von Kunststoffteilen, die Werkzeuge dafür werden im Electric Discharge Manufacturing (EDM) hergestellt. So können Modifikationen zeitnah erprobt werden.
Während die Entwickler so mit einer ganzen Palette von Maßnahmen jonglieren, geben die Tester täglich Rückmeldung über die jüngsten Veränderungen der Prototypen. Je weiter sich die Entwicklung der Serienreife nähert, desto größer werden die Testgruppen. Allein in die Entwicklung der Fusion-Baureihe waren mehr als zehntausend Versuchspersonen eingebunden. Am Ende entschied sich die Mehrzahl der Tester für den Einbau eines kleinen Motors mit elektronischer Steuerung, der den Rasierkopf in Vibration versetzt. Damit kommen sich auch die beiden Welten der mechanischen Nassrasur und der elektrischen Trockenrasur näher. Vielleicht bringt das sanfte Brummen des Fusion Power ja manch konsequenten Trockenrasierer dazu, einmal die Nassrasur mit Schaum und Klinge auszuprobieren.