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Veröffentlicht: 27.09.2012, 12:14 Uhr

Putins Prestige-Brücke Die Einsamkeit der Russki-Insel

Die Russki-Brücke ist neuer Rekordhalter unter den Schrägseilbrücken. Um die herben Witterungsverhältnisse zu beherrschen, musste tief in die Techniktickkiste gegriffen werden.

© picture alliance / dpa Knapp 600 Meter messen die längsten Seile der Russki-Brücke

Sie hält den Weltrekord: Mit einer Spannweite von 1104 Meter ist die vor wenigen Wochen vom russischen Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew feierlich eingeweihte Schrägseilbrücke von Wladiwostok über den Ost-Bosporus auf die vorgelagerte Russki-Insel die größte ihrer Art. Nur rund ein Dutzend Hängebrücken (vom Typ Golden Gate in San Francisco) können mit größeren Abständen zwischen den Pylonen aufwarten. Zum Beispiel bringt es die vor Kobe in Japan gelegene - 1998 eröffnete - Akashi-Kaikyo-Brücke auf eine Spannweite von recht genau 1991 Meter, wobei die über die 1990-Meter-Marke hinausgehenden 100 Zentimeter dem Erdbeben vom Januar 1995 geschuldet sind. Damals haben sich die westlich von Japan aneinander stoßenden Erdplatten gegeneinander verschoben und die bereits aus dem Meer ragenden Brückenpfeiler um gut einen Meter auseinander gedrückt.

Georg Küffner Folgen:

Der neue „schräge“ Brückenrekordhalter ist gleich aus mehreren Gesichtspunkten bemerkenswert. So hat man dieser rund eine Milliarde Dollar teuren Brücke das Attribut angehängt, vollkommen überflüssig zu sein und als reines Repräsentationsobjekt gebaut worden zu sein: Auf der ehemals, weil Militärgebiet, als Sperrzone ausgewiesenen Russki-Insel, die in etwa die Größe von Sylt hat, wohnen lediglich einige tausend Menschen, die im Sommer Pilze und Kräuter sammeln. Im Winter schlagen sie gern Löcher ins Eis der zugefrorenen Bucht und warten stundenlang, dass ein Fisch anbeißt.

Rauhes Klima mit blizzardartigen Stürmen

Das Verkehrsaufkommen zur Insel hält sich also in Grenzen, soll sich aber künftig steigern, hängt der Bau der Superbrücke doch eng mit dem vor wenigen Tagen in Wladiwostok zu Ende gegangenen Gipfeltreffen der Apec-Staaten (Asia Pacific Economic Cooperation) zusammen, für das Russland erstmals als Gastgeber auftrat. Stattliche 20 Milliarden Dollar sollen im Vorfeld dieser Veranstaltung in der Region ausgegeben worden sein, damit diese für die Gäste als „San Francisco des Ostens“ erscheine. Mehrere Luxushotels, ein völlig neuer Stadtteil und ein Kongresszentrum wurden auf der Insel gebaut. Künftig soll hier eine Universität untergebracht werden.

Die alles in allem 1872 Meter lange Russki-Brücke (einschließlich der an das Bauwerk heranführenden Vorlandbrücken sind es sogar rund drei Kilometer) ist nicht allein wegen ihrer Größe ein technischer Leckerbissen. Um dem rauhen Pazifikklima mit blizzardartigen Stürmen und raschen sowie extrem großen Temperaturdifferenzen zu trotzen und außerdem die in der Region herrschende Erdbebengefahr mit möglichen Magnituden von bis zu 8,1 auf der Richterskala sicher kontrollieren zu können, wurde alles eingebaut, was der moderne Brückenbau hergibt. Zudem hat man konstruktiv vorgesorgt. So bestehen die beiden „landseitigen“ Brückendecks aus Beton, während man das längere Stück zwischen den Pylonen aus „leichtem“ Stahl gefertigt hat. Und anders als bei „normalen“ Brücken ist das Brückendeck nicht zwischen den beiden Widerlagern fest eingespannt. Es hängt vielmehr wie ein großes Pendel an den von den 320 Meter hohen Pylonen fächerförmig herabhängenden Seilen, was den Vorteil hat, dass eventuell auftretende Erdstöße „verzehrt“ und erst gar nicht in das Bauwerk eingeleitet werden.

Russky Island bridge Ein patriotischer Gag sind die Farben der russischen Nationalflagge Weiß, Blau, Rot, in denen die Seile erstrahlen. © picture alliance / dpa Bilderstrecke 

Damit hat die Russki-Brücke große Ähnlichkeit mit der 2004 eröffneten Rion-Antirion-Brücke über den Golf von Korinth, wo man wegen der auch dort gegebenen Erdbebengefahr das Schaukelkonzept realisiert - und, das ist die zweite Parallele, wie für die Russki-Brücke kamen auch für die griechische Großbrücke alle „beweglichen“ Teile von dem Münchner Unternehmen Maurer Söhne, das seit Jahren mit seinen Brückenübergängen auf kaum einer Baustelle fehlt.

Zwei solcher Teile finden sich an den Enden des Russki-Pendels. Doch sie können mehr als nur die üblichen Längsbewegungen aufnehmen, vielmehr hat man sie so gebaut, dass sie sich bei einem Erdbeben um bis zu 2,40 Meter (in Längsrichtung) bewegen können, ohne Schaden zu nehmen. Mit einer Breite von 23,50 Meter sind sie die größten Dehnfugen, die bisher im Brückenbau eingesetzt wurden. Rautenbleche auf der gesamten Oberfläche mindern die Rutschgefahr für die über diese stählernen Stoßnähte rollenden Fahrzeuge.

Anders als die Dehnfugen können unterhalb des Fahrbahnträgers sitzende, gut sechs Meter lange Dämpfer, von denen drei an jedem Pendelende installiert sind, sowohl Erdbebenimpulse als auch windinduzierte Schwingungen klein halten. Die maximale Auslenkung beträgt 35 Zentimeter. Dabei sind die Systeme so aufgebaut, dass sie langsame Bewegungen, ohne zu reagieren, über sich ergehen lassen. Erst bei schnellen Bewegungen, die zwei Meter je Sekunde überschreiten, beginnt ihre Verzögerungswirkung.

Dämpfer an den Seilen

Diese Fahrbahndämpfer sind Standardware. Deutlich mehr „Intelligenz“ steckt in den Dämpfern, die man an den unteren Enden der bis zu 578 Meter langen und maximal 65 Tonnen schweren Seile der Russki-Brücke eingebaut hat. Ihnen fällt die Aufgabe zu, die Bewegungen der sehr weich und elastisch konstruierten riesigen Schrägseilbrücke zu zügeln. Vor allem gilt es, gefährliche Schwingungen zu vereiteln, die von böigen Winden und im Windschatten der Seile angefrorenen Eispaketen ausgelöst werden können.

Genau 224 Seildämpfer sollen diese Aufgabe übernehmen. Davon arbeitet das Gros passiv, was bedeutet, dass ihre Dämpfungswirkung einer vorgegebenen Kennlinie entspricht. Doch 40 davon - sie sitzen an den längsten und schwersten Seilen - sind adaptive oder anpassbare Dämpfer. Sie können in Abhängigkeit von den auf sie wirkenden Kräften ihr Verhalten verändern. Dazu greifen Sensoren die Schwingungen ab und geben die Information an eine Elektronik weiter. Die steuert entsprechend der gemessenen Kräfte die Stärke eines elektromagnetischen Felds, das im Dämpfer um die Hydraulikflüssigkeit herum aufgebaut wird. Und da dem Öl „Metallpulver“ beigemengt ist, lässt sich dessen Viskosität gezielt verändern.

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Quelle: F.A.Z.

 

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