Nach den 17 Stufen geht der Atem deutlich schwerer. Es sind 17 Stufen von der ersten zur zweiten Ebene des Cafés 3440. Der Gast wird sie in der Regel einmal hochsteigen, die Bedienung den ganzen Tag, immer wieder. Man sollte das beim Trinkgeld berücksichtigen.
Dass die Arbeitsbedingungen dort oben besondere sind, wird durchaus anerkannt. Das Personal bekommt einen Höhenzuschlag: 0,59 Euro. Je Stunde, leider nicht für jedes Treppensteigen. Hoffentlich finden sich genügend Bereitwillige.
Das Café 3440 ist nicht irgendein Café. Es handelt sich um das neue Markenzeichen des Pitztaler Gletscherskigebiets, vielleicht die künftige Attraktion des gesamten Tiroler Pitztals mit seinen rund 8000 Gästebetten. Es wird in diesen Tagen eröffnet, thront, wie der Name schon sagt, auf 3440 Metern, ist somit das höchstgelegene Café Österreichs und Wirkungsstätte des obersten Konditors der Alpenrepublik - gemessen an Höhenmetern. Außer Süßem wird er auch Herzhaftes anbieten sowie ein anständiges Weißbier.
Die Welt liegt dem Urlauber zu Füßen
Normalerweise müsste man Bergsteiger sein, um einen Ort mit solch überragender Aussicht zu erreichen. Hier fährt man einfach hin, sitzt im Warmen und lässt sich bedienen. Das Café ist integriert in die Bergstation der ebenfalls neuen Wildspitzbahn auf dem Gipfel des Hinteren Brunnenkogels. Das ist eine Lage, wie sie spektakulärer kaum sein könnte, umgeben von atemraubender Schönheit. Man blickt auf lauter Dreitausender, angeblich mehr als 50. Mittendrin die Wildspitze, mit 3774 Metern Tirols höchster Berg, was besser klingt als zweithöchster Berg Österreichs. Von manchen Punkten im Skigebiet aus betrachtet, sieht es aus, als sei die kühne Konstruktion hoch droben auf viel zu schmaler Fläche errichtet, als sei der Absturz unvermeidlich. Über Hunderte Meter tiefem Abgrund schwebt frei eine Terrasse. Ein Tässchen Melange, während sich jenseits der weitläufigen Glasfronten des Gebäudes ein Panorama aus Himmel, Fels, Gletscherspalten, Schnee und ewigem Eis ausbreitet.
Hier liegt dem Urlauber die Welt zu Füßen, doch wird er auch Zeuge, dass nichts für die Ewigkeit ist, schon gar nicht das Eis. Ein Stück weiter unten, wo früher ein mittlerweile weggeräumter Schlepplift Skifahrer zog, bildet der Gletscher jetzt eine tiefe Senke. Noch weiter talwärts wird mit Abdeckplanen um Gletscherzungen gekämpft, wird flockiges Weiß aus einer Schneefabrik, die auch bei niedrigen Plusgraden produzieren kann, per Förderband zu skiverkehrstechnisch wichtigen Pistenabschnitten transportiert, die keinesfalls braun sein dürfen. An der Bergstation der Wildspitzbahn befindet sich nun Österreichs höchste Wasserzapfstelle zur Beschneiung - Maschinenschnee in 3400 Meter Höhe.
Die alte Pitz-Panoramabahn von 1989, Vorgängerin der Wildspitzbahn, machte noch einen Knick, um mit ihren Stützen dem Gletscher auszuweichen. Inzwischen hat sich das Eis dort so weit zurückgezogen, dass die Trasse der Nachfolgerin schnurstracks verlaufen kann und dennoch die Fundamente sämtlicher Pfeiler auf Fels stehen.
Mit Sahne und Gratis-W-Lan
Die Pitz-Panoramabahn wurde demontiert - 360 Tonnen Eisenschrott sowie 16 Kabinen, die für je 350 Euro netto verkauft wurden, überwiegend an Liebhaber aus dem Pitztal. Jetzt trägt die ultramoderne Wildspitzbahn den Titel der höchsten Seilbahn Österreichs. Superlative helfen im Tourismusgeschäft, die Konkurrenz der Skigebiete untereinander ist heftig, allerorten werden alte Anlagen ersetzt durch leistungsfähigere, komfortablere. Der Gast wünscht „Schneesicherheit“, am besten „hundertprozentig“, er mag nicht mehr Schlange stehen, will geschützt nach oben schweben, sich dabei von der Sitzheizung das Gesäß verwöhnen lassen, beklagt aber im Gegenzug, dass die Skipässe so teuer geworden sind.
61 Acht-Personen-Kabinen hängen jetzt am Stahlseil, sie sind 30 Zentimeter breiter und einen halben Meter höher als üblich. Der Grund: Die Wintersportler sollen ihre Bretter mit hineinnehmen und nicht mehr in Köcher an der Außenseite stecken. Es heißt, das Ein- und Aussteigen gestalte sich damit bequemer und vor allem stressfrei. Als Novum gibt es Vertiefungen im Kabinenboden, in die gängige Skier während der Fahrt hineingesteckt werden können. Breite Tiefschneelatten und Snowboards passen nicht hinein, die müssen festgehalten werden. Mit etwa sechs Meter in der Sekunde (22 km/h) geht’s aufwärts. Gerade einmal sechs Minuten dauert die zwei Kilometer weite Reise mit der Einseil-Umlaufbahn zwischen der unteren Station auf 2840 und dem Ausstieg auf 3440 Meter.
Der Fortschritt ist mess- und erlebbar. In den alten Kabinen mussten die Fahrgäste manchmal noch stehen. Das will heute keiner. Die Förderleistung der Anlage hat sich auf gut 2000 Personen je Richtung in der Stunde mehr als verdoppelt. Wartezeiten von 20 Minuten bei Hochbetrieb sollen passé sein, das Stop and go an der ehemaligen Mittelstation entfällt, und als Sahnehäubchen wartet ganz oben, wo früher bloß ein Ausstieg war, Café 3440. Mit Sahne und Gratis-W-Lan. Der Gipfel ist nun per Glasfaserkabel erschlossen.
Der Bau war ein einziges Abenteuer
Rund 50 Millionen Euro hat innerhalb der vergangenen sieben Jahre die Pitztaler Gletscherbahn-Gesellschaft investiert: in Bahnen, Beschneiungsanlagen, Infrastruktur. „Die Leute fahren dorthin, wo sie Neues erleben können“, sagt Marketingleiter Stefan Richter. „Gerade in Tirol ist der Wettbewerb extrem. Mit der Wildspitzbahn und dem Café haben wir ein Highlight gesetzt.“
Zwei Jahre hat der Bau gedauert, genaugenommen zweimal fünf Monate, weil in dieser extremen Höhe nur von Mai bis September gearbeitet werden kann. Es war, so sind die Schilderungen von Betriebsleiter Reinhold Streng zu deuten, ein einziges Abenteuer, das Nerven und 20 Millionen Euro gekostet hat: Platznot am Gipfel, steil abfallende Bergseiten, Getümmel aus Maschinen und bis zu 60 Menschen gleichzeitig, stete Zeitnot trotz des Versuchs minutiöser Planung, die von Wetterstürzen, Gewitterfronten, Sturm, Schneefall immer wieder über den Haufen geworfen wurde.
Eine Herausforderung für sich: der Materialtransport. 250 Lastwagenladungen machten allein die Seilbahnteile aus. 120 Tonnen Stahl mussten auf den Gipfel. Vom Tal aus ging es von 1740 Meter über einen befahrbaren, sechs Kilometer langen Notweg - ein Drittel davon über Gletschereis - bis auf 2840 Meter zur Baustelle der unteren Station. Was bis auf 3440 Meter sollte, wurde umgeladen in eine provisorische Materialseilbahn, auf Pistenraupen oder Schneemobile. 5000 Kubikmeter Kies und Schotter wurden für beide Stationen benötigt, 3500 Kubikmeter Beton, davon 1300 für die Bergstation. Ganze drei Kubikmeter in der Stunde betrug die Kapazität der Materialseilbahn. Streng: „Die Leute haben Tag und Nacht durchbetoniert.
„So etwas wie wir hat keiner“
Die obersten acht Stützen wurden mit Hilfe von Hubschraubern gestellt, deren Tragkraft mit zunehmender Höhe abnimmt, so dass es ganz oben gerade noch für die bis zu drei Tonnen schweren Segmente der Pfeiler reichte. Das 45 Tonnen schwere, 4260 Meter lange Seil wurde auf zwei Trommeln gewickelt und auf zwei per Stahlstange gekoppelten Lastwagen über den Notweg ins Gletschergebiet transportiert. Mehr als 1000 Fahrten der Pistenbullys zählte Streng, zwei von ihnen wurden für die tägliche Beförderung der Arbeiter umgebaut und mit Passagierkabinen ausgestattet. Strom- und Datenkabel wurden entlang der Seilbahntrasse verlegt, Wasser- und Fäkalienleitungen in den Berg gesprengt, an Felsgraten montiert und mit Spritzbeton verkleidet, damit die Ver- und Entsorgung des Cafés nicht mit Seilbahn oder Raupenfahrzeugen erfolgen muss.
Mit der Entscheidung für höchst außergewöhnlich aussehende Stationen in aufwendiger Bauweise hat man ein ohnehin schwieriges Projekt zusätzlich erschwert. Die geschwungene Gestalt der Gebäudehüllen orientiert sich nach Angaben des Architekturbüros Baumschlager Hutter Partners aus Dornbirn „an der Formensprache der Gletscherwelt“. Die Bergstation soll sich auf „spannende, aber zurückhaltende Art in die Landschaft einfügen“. Sie nehme die Form einer Schneewechte auf. Nebenbei ergibt sich daraus nach den Worten des Architekten Oliver Baldauf „eine strömungsgünstige Form, weil der Schnee ja in der Natur so liegenbleibt, wie es am strömungsgünstigsten ist“.
Die Außenhaut von Berg- und Talstation besteht aus jeweils etwa 450 dreiachsig gekrümmten, drei Millimeter starken Alublechteilen, von denen kaum eines einem anderen gleicht. Weitere 110 dieser Paneele wurden für die Terrassenunterseite der Bergstation benötigt - jedes mit einer anderen Form. „Wir hätten es uns viel einfacher machen können - und billiger“, sagt Streng. „Doch Bahnen und Berge haben alle. So etwas wie wir hat keiner.“ Nicht nur wegen der 17 Stufen: atemraubend.
Gipfelerschließung
Erwin Löffler (turbooeko)
- 12.11.2012, 09:13 Uhr
Die werden sich sicher schwer beeindrucken lassen
Dietmar Fleischhauer (dfleischhauer)
- 11.11.2012, 18:12 Uhr
nicht mal am Gipfel ist Ruh ...
Gert Muz (HerrOber)
- 11.11.2012, 18:07 Uhr
"Der Fortschritt ist mess- und erlebbar": Die
Umweltzerstörung auch
Marcus Fronto (MarcusLFronto)
- 11.11.2012, 16:40 Uhr
Deutsche Melange
Sven Molberg (wayne64)
- 11.11.2012, 12:54 Uhr
