Home
http://www.faz.net/-gyg-12don
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Passivhäuser Heizen mit der Abwärme

02.05.2009 ·  Das herausstechende Merkmal eines Passivhauses ist der Verzicht auf ein aktives Heizsystem. Den Löwenanteil des Wärmebedarfs holen sie aus der passiven Nutzung der Sonneneinstrahlung und durch Wärmerückgewinnung.

Von Georg Küffner
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Das Passivhaus wird volljährig. Nur noch wenige Monate, und für das erste in Deutschland gebaute Sparhaus wird Jubiläum gefeiert. Vor 18 Jahren wurde es vom Darmstädter Institut für Wohnen und Umwelt geplant und dann im Stadtteil Kranichstein als Experimentiergebäude errichtet. Man wollte herausfinden, ob sich die am Computer errechneten Werte als realistisch herausstellen oder ob man möglicherweise einem Hirngespinst folge.

Heute weiß man durch den Härtetest eines ganz normalen Familienlebens, dass die Annahmen richtig waren. Das Passivhaus kommt mit einem Heizbedarf von 15 Kilowattstunden je Quadratmeter Wohnfläche und Jahr aus, womit man deutlich unter den heute für Neubauten vorgesehenen Werten liegt. Noch größer ist der Unterschied beim Wärmebedarf im Vergleich zu Altbauten, die, schlecht isoliert, gerne schon mal auf Heizverbräuche von bis zu 300 Kilowattstunden je Quadratmeter im Jahr kommen.

Mit möglichst wenig Aufwand zum Erfolg

Passivhäuser sind keine Hightech-Einrichtungen. Ganz im Gegenteil versucht man, mit möglichst wenig Aufwand zum Erfolg zu kommen. Das ist notwendig, um die Baukosten für ein solches Niedrigenergiehaus nicht ausufern zu lassen, die zwischen vier und acht Prozent über denen „normaler“ Neubauten liegen. Dass man für ein Passivhaus mehr ausgeben muss, liegt an der deutlich stärkeren Fassadendämmung und an den in die Sparhäuser eingebauten Drei-Scheiben-Fenstern, deren Profile an hochkomplizierte Maschinenbauteile erinnern.

Das herausstechende Merkmal eines Passivhauses ist der Verzicht auf ein aktives Heizsystem, das aus einem Wärmeerzeuger (Kessel), Umwälzpumpen und den die Wärme in die Räume transportierenden Radiatoren besteht. Vielmehr übernehmen bei Sparhäusern das konsequente Ausnutzen der Sonneneinstrahlung und die von den Bewohnern abgegebene „Strahlungswärme“ von rund 50 Watt je Person die Wärmeversorgung. Auch die beim Duschen und Kochen an die Raumluft abgegebene Wärme wird genutzt. Damit sie nicht verlorengeht, bleiben in Passivhäusern die Fenster durchgängig geschlossen, was allein aus Hygienegründen eine leistungsfähige Lüftungsanlage erforderlich macht.

An kalten Tagen reicht der Tauschprozess nicht aus

Die aus der Dusche und den Kochtöpfen entweichenden, mit Shampooduft und Blumenkohlaromen angereicherten Dämpfe müssen neutralisiert werden. Dazu wird in Passivhäusern die verbrauchte Luft in den Badezimmern und in der Küche mit elektrisch betriebenen Ventilatoren abgesaugt, um anschließend über einen (Platten-)Wärmetauscher geführt und erst danach ins Freie entlassen zu werden. Im Gegenzug führt man die zugeführte Frischluft durch den Wärmetauscher und bringt sie so auf Temperatur. Eingeblasen wird sie in die Wohn- und Schlafräume.

Da an kalten Tagen dieser Tauschprozess mitunter nicht ausreicht, um komfortable Wohnverhältnisse zu erzeugen, muss zugeheizt werden. Dazu wird entweder (mit geringer Anschlussleistung) die Frischluft elektrisch beziehungsweise mit einem kleinen Gasbrenner nachgewärmt, oder ein im Mittelpunkt des Hauses stehender Festbrennstoffofen wird angeworfen. Dass der seine Verbrennungsluft über einen nach außen geführten Luftkanal zugeführt bekommt, versteht sich von selbst. Dazu warme Raumluft zu verwenden wäre Energieverschwendung. Zudem würde der Sauerstoffgehalt der Atemluft gefährlich reduziert.

Bei 18 Grad den Geldbeutel und die Umwelt entlasten

Wer in einem Passivhaus wohnt, muss sich mit der Lüftungsautomatisierung anfreunden, was, wie die Erfahrungen mit mittlerweile 12.500 in Deutschland bewohnten Passivhäusern zeigen, in den meisten Fällen gelingt. Vor allem die Fakten wirken überzeugend. So fächeln die im Keller oder im Dachboden installierten zentralen Lüftungszentralen den Bewohnern eines durchschnittlich großen Passivhauses in der Stunde zwischen 80 und 120 Kubikmeter von Blütenpollen befreite Frischluft zu, ohne dass dabei lästige Zugerscheinungen auftreten. Das entspricht einer Luftwechselrate von etwa 0,4, einem Wert, der in normalen Bauten nur durch regelmäßiges (Quer-)Lüften erreicht wird.

Und auch das ist wichtig: Längst haben Messungen gezeigt, dass spontane Lüftungsaktionen den Energiehaushalt eines Passivhauses nicht entscheidend durcheinanderbringen. So steigen die Heizkosten, die für gut gedämmte und geschickt nach Westen ausgerichtete Sparhäuser mit 100 bis 200 Euro im Jahr angegeben werden, nur geringfügig, wenn man ab und an mit dem Briefträger bei geöffneter Haustüre verhandelt. Den eindeutig größten Einfluss auf den Heizenergieverbrauch hat die gewünschte Raumtemperatur: Wer sich bei 18 Grad wohl fühlt, entlastet seinen Geldbeutel und damit die Umwelt stärker als jemand, bei dem es 21 Grad oder sogar wärmer sein soll.

Eine stromfressende Kühlung hat in einem Passivhaus nichts zu suchen

Passivhäuser sind den Kinderschuhen längst entwachsen. Für alle wichtigen Bauteile, von den Fenstern über die Fassadensysteme bis hin zu den isolierenden Fundamentdämmungen, kann man heute auf erprobte und zertifizierte Produkte zurückgreifen. Auch für das Herz eines Passivhauses, die für die Wärmerückführung, das Zuheizen, das Lüften und für die Badewassererwärmung zuständige „Zentraleinheit“, gibt es mehrere Anbieter. Doch auch das sollte man wissen: Nur wenn die Sparhäuser mit leicht zu bedienenden und gut funktionierenden Verschattungssystemen ausgestattet sind, heizen sie sich im Sommer nicht übermäßig auf. Eine stromfressende Kühlung hat in einem Passivhaus nichts zu suchen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1947, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

Jüngste Beiträge

Mit Mazda ein Romeo

Von Wolfgang Peters

Wenn sich zwei leidlich gesunde Automarken, ohne eine Hochzeit im Himmel zu zelebrieren, miteinander ins Bett legen, dann kommt ein Roadster dabei heraus. Alfa Romeo und Mazda haben genau diese Autoform im Sinn. Mehr