Auch an einem winterlichen Samstagmorgen, wenn sich kein Pendlerstrom durch die Borsigallee im Frankfurter Osten quält, erscheint die Gegend kaum besonders attraktiv für eine Fahrradtour: ein eher ödes Industriegebiet, dominiert von Märkten, Burger-Bratern, Tankstellen, einem Autobahn-Anschluss. Genau die richtige Gegend, um eine große Fahrrad-Verkaufsmaschine zu installieren.
Zweirad-Center Stadler: Der größte Fahrrad-Händler Deutschlands nennt diese eine und nicht einmal die größte von seinen 15 Filialen zwischen Bremen und Hammerau bei Freilassing eine „Zweiradwelt auf über 10.000 Quadratmeter“. Die Adjektive, mit denen auf Abteilungen wie Fahrradbekleidung, Zubehör, Fitnessprodukte, Heimtrainer oder Elektroräder hingewiesen wird, lauten durchgängig: groß, riesig oder gigantisch. Und das ist nicht einmal übertrieben.
Höchste Zeit, dass es wieder Frühling wird
Ein Oval durch die ganze Verkaufshalle bietet sich als 500 Meter lange Teststrecke an, und wenn man die separat mit Bodenwellen gewürzte Asphaltstrecke dazunimmt, sind es 600 Meter. Anders ausgedrückt: Die statistische Tagesetappe eines Durchschnittsrades - Laufleistung per annum zwischen drei- und vierhundert Kilometer - lässt sich hier locker mit zwei Runden absolvieren. In der draußen frösteligen Vorsaison ist das auch kein Problem: Noch sind die Podeste nicht mit fahrfertig montierten Rädern brechend voll geräumt, noch drängen sich auf der Teststrecke nicht die Kunden wie hypnotisiert mit starrem Blick auf Stadlers „Streichpreise“: Die sind die durchgängige Praxis, dass ein höherer Preis durch einen niedrigeren ersetzt wird, der jedes Rad wenigstens optisch zum Sonderangebot macht.
Zum Testfahrer wird man ganz einfach: Man schnappt sich ein - elektronisch gesichertes - Rad und fährt los. Um Teufel, Teufel, festzustellen, dass man mit dem hübschen Pinarello-Teil nicht nur eins mit starrem Gang erwischt hat, sondern auch, dass die Schuhe nichts für diese Art von Pedalen sind. Dass bei der Selbstbedienung sich jemand auf ein zu großes oder zu niedrig eingestelltes Rad zwängt, mag vorkommen, ist aber kein großes Malheur. Ein Mitarbeiter ist schnell mit einem Inbus-Schlüssel zur Hand oder schiebt einem einen passenderen Rahmen unter. Und wie ist das, wenn der Laden brummt? „Dann rotieren wir hier.“
Ob Starrgang oder vollgefedertes Mountainbike, die Fahrt durch den Laden erfordert fast so viel Konzentration wie das, was Saalsport bei den Radsportlern heißt. Und manche Kringel und Kreise, die es dabei um fußläufige Kundschaft zu zirkeln gilt, sind nicht weit von Kunstradfahren entfernt. Höchste Zeit, dass es wieder Frühling wird: Dann kann man mit dem Proberad hinaus aufs Freigelände, oder man unternimmt die Probefahrt auf dem Weg der Ausleihe eines Rades unter realistischen Bedingungen.
Große und kleine Abenteuer antizipieren
Ganz andere Baustelle: Der Olivandenhof im Zentrum von Köln war bis 2006 eine Mall mit vier Ebenen, zahlreichen einzelnen Geschäften, Rolltreppen und dem unvermeidlichen Bistro mittendrin. Dann zog nach einem gründlichen Umbau hier Europas größter Outdoor-Händler ein. Mit 7000 Quadratmeter beherbergt der Olivandenhof heute die größte Globetrotter-Filiale des Landes. Die Rolltreppen gibt es nicht mehr, und das zentral unten gelegene Bistro ist verschwunden. Stattdessen befindet sich dort jetzt ein Wasserbecken von 80 Quadratmeter, groß genug für Paddelboote und mit bis zu 4,50 Meter tief genug für Tauchgänge. Wer hochsieht, erblickt über dem Glasdach nicht mehr die bauliche Konstruktion des Dachs, sondern es sieht durch ein abgehängtes bedrucktes Sonnensegel so aus, als stehe man im Wald. Von irgendwoher zwitschert es auch, und ehe man sich’s versieht, steht man an einem Tresen, in dem es unablässig krabbelt. Der Verkaufstisch ist eigentlich ein Terrarium mit Blattschneider-Ameisen, die unter der Glasplatte in durchsichtigen Röhren munter hin und her marschieren - von der Stelle, wo sie Blätter zersäbeln, zu den Pilzkulturen, von denen sie sich ernähren, und zurück.
„Träume leben“ steht als Motto auf den Visitenkarten der Globetrotter-Mitarbeiter. Filialleiter Klaus-Dieter Weichbrodt, der aus Hamburg gekommene Chef von 150 Mitarbeitern, kann sich noch daran erinnern, dass Globetrotter vor Jahrzehnten auch Reiseräder mit zerlegbaren Rahmen im Angebot hatte. Aber das ist Vergangenheit. „Andere können das besser.“ Andere mit unter das Globetrotter-Dach zu nehmen ist für den Outdoor-Riesen kein Thema, und das gilt nicht nur für Shop-in-Shop-Konzepte, wie sie in Köln etwa mit Jack Wolfskin oder The North Face praktiziert werden. In der Filiale gibt es einen Tauchshop, ein Reisebüro und eine medizinische Reisepraxis, in der man sich über Risiken beraten oder gleich gegen Gelbfieber impfen lassen kann. Ein Fahrradladen mit mehr als Zubehör wäre denkbar gewesen; bloß fand sich keiner.
Dass Kunden ganze Tage bei Globetrotter im Olivandenhof verbringen, und das, ohne etwas zu kaufen, erscheint nachvollziehbar. Man kann lesend und herumguckend ein wenig vom Reisen träumen, muss zweimal hinschauen, ob der Vogel dort zwischen den Blättern echt ist oder nicht (er ist virtuell), man lässt sich informieren, stößt auf beschlagene Spezialisten unter den Verkäuferinnen und Verkäufern, man kommt ins Fachsimpeln über GPS und Geocaching oder Wanderski, man kann Interessantes und Schickes angucken, aber eben auch anfassen oder summarisch gesagt: Große und kleine Abenteuer antizipierend darf man einfach jede Menge Spaß haben.
Das Restaurant als Beispiel gelegentlichen Scheiterns
Dieser Riesenladen ist nicht so tierisch ernst wie die Wassersäulen-Messungen der Fachmagazine. Er bietet aber instruktive Möglichkeiten des Ausprobierens. Schon mal eine Bootstoilette benutzt? Vor dem Bullauge: virtueller Seegang. Geht es sich in den Wanderschuhen bequem auf Holpersteinen? Leuchtet die Taschenlampe ordentlich ins Dunkel? Die Kältekammer entwickelt sich mit starken Minusgraden im Sommer zum Besuchermagnet. Die wenigsten testen dann mit Windmaschine und Wärmebildkamera warme Jacken auf Kältebrücken. Der Klettertunnel? Häufig genutzt als Kinderaufbewahrung: Der kleine Marc hangelt in der Wand und vermisst seine Mama überhaupt nicht. Die Regenkammer mit Gebläse - echt ekelhaft.
Dass der Versuch, das Draußen nach drinnen und die Ferne in die Nähe zu holen, gelegentlich scheitert, dafür ist das Restaurant ein Beispiel. Hochfliegende kulinarische Zielsetzungen haben sich nur schwer verwirklichen lassen. Besser als Satay, die indonesischen Grillspießchen, gehen dort Currywurst und Fischstäbchen.
Das Globetrotter-Ding in Köln ...
René Artois (Rene_Artois)
- 12.02.2013, 00:02 Uhr
