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Nähmaschinen Stich für Stich

Nähmaschinen stecken bis heute voller komplizierter Mechanik. Seit sie elektronisch programmiert werden können, beherrschen sie außer nähen auch kunstvolle Stickereien.

© Patrice Heilmann Vergrößern Die Bernina 830, ein europäisches Spitzenmodell, kann außer nähen auch mit 1000 Zierstichen sticken und Knopflöcher umsäumen

Im 19. Jahrhundert haben Nähmaschinen Emanzipation und industrielle Revolution geprägt: Ein neues Kleid brauchte plötzlich nur eine Stunde statt zehn. Ihren Fortbestand verdanken wir der Tatsache, dass beim Nähen Stoffe und Fäden gegenständlich bewegt werden müssen (geklebt wird in der Textilindustrie höchstens bei Hemdkragen, beim Aufbügeln von Flicken und für wasserdichte Verbindungen).

Zum Nähen von Hand genügen eine Nadel und ein Stück Faden. Die Haushaltsnähmaschine näht mit zwei Fäden, einem sichtbaren Oberfaden und einem versteckten Unterfaden. In der Naht umschlingen sich dann die Fäden, ketten sich umeinander, was für den Unterfaden topologisch eine spannende Sache ist. Er muss nämlich bei jedem Stich einmal durch die Schlinge des Oberfadens geführt werden, als sei es ein Wollknäuel, das man frei über die Schlinge des Oberfadens wirft und dahinter wieder auffängt. Bis man das um 1850 überhaupt konnte, hat es 50 Jahre gedauert.

Welche Naht darf es sein?

Nähmaschinen sind industrielle Spezialmaschinen. Der Nähte sind Legion, DIN-genormt: DIN 61400 ISO 4915 regelt Nähte, DIN 5300 Begriffe der Nähtechnik, Säume gibt’s bei ISO 4916. Die einfachste Naht Nummer 301 sieht oben und unten gleich aus. Die Verschlingung soll mitten im Stoff liegen. Doch schon diese Naht heißt Doppelsteppstich - nicht zu verwechseln mit einer Doppelnaht, wo nun wirklich zwei Nähte nebeneinander laufen. Sieht die Unterseite anders aus und liegt die Verknüpfung asymmetrisch unten, dann ist es ein Doppelkettenstich Typ 401 mit drei Unterfadenverbindungen von Stich zu Stich. Das braucht fast doppelt so viel Unterfaden, und man ist froh, wenn man dünne Fäden und große Unterspulen hat. Die nötigen Schlingen und ihr Zuziehen führen dazu, dass der Oberfaden immer wieder durch das Nadelöhr hin und her gezogen wird, besonders bei kleinen, sparsamen Stichen: jede Fadenstelle bis zu 60 Mal, beim 401er-Doppelkettenstich nur bis zu acht Mal, was den Faden schont und die Naht fester macht. Man sieht: Schon unter einer einfachen Naht verbirgt sich Raffinesse.

25461207 © F.A.Z. Vergrößern Wie auch diese ist die nächste...

Mit nur einem Faden nähen Kettenstichmaschinen (Stichtyp 101). Bis die Nadel beim nächsten Stich wieder von oben durch den Stoff herunterkommt, wartet unten eine Fadenschlinge. Ein rotierender Kettenstichgreifer hält sie zurück. Die Nadel muss dann in die Schlinge stechen, nicht daneben, gar nicht so einfach. Einfaden-Kettennähte lassen sich vom Ende her leicht aufziehen und werden deshalb professionell nur in Sonderfällen eingesetzt: bei Tierfutter- und Holzkohlesäcken; gelegentlich auch unprofessionell bei Hemdknöpfen - man kennt das; und bei alten Spielzeugnähmaschinen. Soll mit nur einem Faden fest und sicher maschinell genäht werden, so muss eine beidseitig spitze Nadel, mit Öhr in der Mitte, von oben und unten mit Zangen gegriffen geführt werden, eine Spezialität, die nur mit Fadenstücken gelingt.

Also zurück zum klassischen Zweifadensystem. Nehmen wir Stichtyp 301, den simplen Doppelsteppstich. Was tut sich da unter der Oberfläche? Wieder muss der Oberfaden unten warten, bis der Unterfaden sicher durch seine Schlinge geführt ist, und der Unterfaden muss diese Bewegung mitmachen - den „Wurf des Knäuels“, genauer der Unterfadenspule im Schiffchen. Schaut man bei langsamer Bewegung hin, so sieht man, wie die Nadel etwas länger unten bleibt und erst wieder schnell und straff nach oben gezogen wird, wenn unten das „Schiffchen“ mit der Unterfadenspule durchgelaufen ist und die Umschlingung stattgefunden hat. Dazu läuft der Oberfaden vorn durch einen Fadengeberhebel, früher auch über einen rotierenden Fadengeber (Singer und Phoenix).

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Veröffentlicht: 10.08.2013, 08:00 Uhr

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