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Modelleisenbahn Ein Zug allein ist ziemlich langweilig

30.11.2006 ·  Analoge Modelleisenbahnen sind nicht nur günstiger als digitale, der heimische Zugchef lernt auch mehr. Für Einsteiger und die lieben Kleinen sind sie deshalb genau das Richtige. Trotzdem will der Erstkauf gut überlegt sein.

Von John Waltman
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Alle Jahre wieder rechnet die Modellbahnbranche mit Erwachsenen, die Kindern einen Einblick in die Wunderwelt der Elektrizität bieten wollen oder selbst (wieder) als heimischer Lokführer einsteigen. Mit einem unübersichtlichen Angebot an stark verbilligten Startpackungen, die im Gegensatz zu den sogenannten Zugpackungen auch Gleise und einen Netzanschluß enthalten, versprechen die Anbieter, ohne weitere Zutaten mit der Zugwelt en miniature spielen zu können.

Einen kurzen Zug allein im Kreise fahren zu lassen wird allerdings bald langweilig. Deshalb braucht man eine Strategie, um bei minimalen Ausgaben zu zwei unabhängig regelbaren Zügen mit maximalem Spielspaß zu gelangen. Denn wenn gleich zwei Lokführer aktiv werden können, hat man den doppelten Spaß.

Zwei unabhängige Lokführer

Die Gretchenfrage heute lautet, ob man analog anfangen soll, also per Drehknopf-Regeltrafo dosierbarem Strom, oder gleich digital mit Stromimpulsen aus einer regelbaren Digitalstation. Letztere verspricht, daß man zwei und mehr Züge unabhängig auf demselben Gleis steuern und zugleich noch mehr Loks auf dem Gleis abstellen kann. Die digitale Lösung ist allerdings etwas teurer - und genau deshalb die Hoffnung der Modellbranche.

Doch zwei unabhängige Lokführer sind auch im Analogbetrieb zu schaffen, mit einem zweiten Trafo sowie einer Oberleitung oder mittels voneinander isolierter Gleisabschnitte. Abgestellte Loks warten so lange hinter Weichen etwa der Firma Fleischmann oder hinter Drehscheiben, bis diese den Fahrstrom zur jeweiligen Lok leiten.

Wo Strom, da Aktion

Der Lerneffekt bei der analogen Modellbahn-Welt ist garantiert besser. Denn hier kann man lernen: „Wo metallische Verbindung, da Strom und Aktion.“ Bei der digitalen Lösung ist dieser elementare Lernprozeß hingegen unmöglich. Hier die Funktionsweise zu verstehen, statt die Bahn bloß zu bedienen, setzt einen Leistungskurs Elektronik voraus. Deshalb sollte man für ganz junge Spieler die analogen Startpackungen mit Drehknopftrafo für den Einstieg favorisieren. Später kann der Nachwuchs dann digital umgerüstet werden, zum Beispiel mit dem „Compact“-Startset von Lenz Elektronik.

Um möglichst kostengünstig zu zwei unabhängigen Zügen mit maximalen Spielmöglichkeiten zu kommen, sollte man bei analogen Startpackungen beladbare Güterzüge statt Personenzüge wählen, auf eine Option für die Oberleitung achten und mit einer umschaltbaren E-Lok starten. Deshalb ist es wichtig, auf das Piktogramm „Stromabnehmer“ zu achten, das die Umschaltbarkeit anzeigt. Damit die Bahn später bequem digital umzurüsten ist, sollte in der Lok eine Dekoder-Schnittstelle vorhanden sein.

Schonung fürs Parkett

Die Packungen für Einsteiger werden durch schwächere Trafos billiger. Diese schalten sich schon bei einem beleuchteten Personenzug wegen Überlast ab und müssen erst abkühlen, bevor sie die Fahrt wiederaufnehmen können. Da alle Gleichstrombahnen die gleichen Trafos benutzen, sind bei Fachhändlern und auf Modellbörsen meist günstige gebrauchte Modelle erhältlich. Man sollte also am besten von Anfang an einen solch stärkeren, mehr würfelförmigen Trafo verwenden.

Filigrane Oberleitungen sind zwar für den Anfang eigentlich zu empfindlich, aber die realitätsnahe Stromzufuhr für die elektrische Modellbahn. Gerade bei Startpackungen fehlt jedoch oft die Umschaltmöglichkeit auf Oberleitungsstrom: Dann hilft nur ein Lötexperte in der Nachbarschaft. Eine robuste und billige Alternative für H0 und N ist die Herei-Tunneloberleitung (Startset 20 Euro bei Conrad). Statt auf die Unterlage kann man deren Masten auch auf Sockel (20 Stück Märklin 74109, 10 Euro) schrauben und diese unter den Gleiskörper schieben. So wird die Unterlage geschont, wohingegen die übrigen Oberleitungsmasten auf die Unterlage geschraubt werden müssen. Das mag allerdings so manches Parkett gar nicht.

Erstlok, Zweitlok, Drittlok

Für die Erweiterung der analogen Startpackung auf zwei Züge ist es ratsam, den Zweittrafo gebraucht zu kaufen, etwa auf einer Modellbörse, und dazu eine Herei-Oberleitung und einen Märklin-Sockel zu erwerben. Zudem sollte man ein Zweit-Oval mit mindestens zwei Weichen oder wenigstens einem Ausweichgleis bauen und als Zweitlok beispielsweise eine Lenz-Rangierlok mit fernsteuerbaren Kupplungen erstehen - das ermöglicht bestes Spielen. Die Lok gibt es allerdings nur für Spur H0 und Gleichstrom. Aber dafür funktioniert sie analog und digital.

Die hinter all dem liegende Strategie: Um die fernkuppelbare Lok als Zweitlok für einen Zweizugbetrieb mit Oberleitung kaufen zu können, muß man eine Startpackung mit E-Lok wählen. Fängt man dagegen mit einer Dampf- oder Diesellok an, muß man für die Oberleitung erst noch eine E-Lok als Zweitlok zukaufen und dann die fernsteuerbare Rangierlok als Drittlok. Das ist unnötig.

Kein Regler für einen zweiten Spieler

Der Digitalbetrieb hat die Oberleitung zu einer funktionslosen Attrappe degradiert, denn dort können auch alle E-Loks mit Stromimpulsen aus dem Gleis betrieben werden. Viele preiswerte E-Loks haben Attrappen nur als Stromabnehmer, nicht umschaltbar und daher ohne entsprechendes Piktogramm im Katalog. Die Maxime, eine Startpackung nur mit E-Lok zu kaufen, erübrigt sich hier also. Dennoch sollte man keine Gleichstrom-Startpackung mit zwei Zügen nehmen, denn als Zweitlok will man ja eine fernkuppelbare Rangierlok von Lenz oder in diesem Fall auch von Roco (63954, kuppelt nur digital). Aber Achtung: Die digitalen Startpackungen haben noch keinen Regler für einen zweiten Spieler. Mit der mitgelieferten Digitalstation kann man zwar zwei Züge abwechselnd steuern, aber das ist für zwei Spieler viel zu umständlich. Also muß man sich vorher erkundigen, wie teuer einen der Zweitregler zu stehen kommt.

Auch Spielwarenhändler überfordert

All dies gilt auch für die Wechselstrom-Startpackungen von Märklin, deren 3-Leiter-Gleise in der Digitalversion einen Vorteil gegenüber den 2-Leiter-Gleisen haben: Sie sind nicht so staubempfindlich. Die einfachste Märklin-Rangierlok mit Telex-Kupplung funktioniert wie die übrigen nur noch digital. Es gibt sogar eine digitale Startpackung 29533 mit fernkuppelnder Dampflok und Güterwagen.

Darüber hinaus gibt es Startpackungen für alle anderen Spuren Z, N, TT (Tillig), 0 (Lehnhardt), I, IIm. Aber außer für Spur 0 sind keine fernkuppelnden Rangierloks erhältlich.

Angesichts dieser Vielfalt beginnt man zu begreifen, warum so mancher Spielwarenhändler aus dem Geschäft ausstieg und dies lieber dem Modellbahnhändler überließ.

Beispiele:

Analoge Gleichstrom-Startpackung
Spur H0 bis Zweizugbetrieb für zwei Spieler und mit fernkuppelbarer Lok. TRIX 21503 E-Lok BR 185 (nicht umschaltbar, muß gelötet werden) mit digitaler Schnittstelle und zwei Güterwagen sowie Gleisoval und Fahrtregler 119 Euro; Herei-Tunneloberleitung 20 Euro; 20 Märklin-Mastensockel 10 Euro; zwei Weichen und Ausweichgleis 58 Euro; zweiter Fahrregler Fleischmann 51 Euro; Zweitlok Lenz V36 fernkuppelbar (hat schon Dekoder) 139 Euro.
Gesamt: 397 Euro

Digitale Wechselstrom-Startpackung
Spur H0 bis Zweizugbetrieb für zwei Spieler mit fernkuppelbaren Loks (beide) Märklin 29533 Dampflok 239 Euro; BR86 fernkuppelbar mit fünf Güterwagen, Oval mit zwei Weichen und Ausweichgleis, zweite Mobile Station 149 Euro; Rangierlok 362 fernkuppelbar 239 Euro.
Gesamt: 627 Euro

Quelle: F.A.Z., 28.11.2006, Nr. 277 / Seite T6
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