Home
http://www.faz.net/-gyg-z4es
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Modelleisenbahn Climax Auf dem Gipfel des Lokbaus

 ·  Die amerikanische Holzindustrie trieb die Entwicklung moderner Lokomotiven entscheidend voran. Bachmann bringt nun ein spannendes Modell der berühmten Climax im Maßstab 1:20,3. Ein Schmuckstück für jede Gartenbahn.

Artikel Bilder (9) Video (1) Lesermeinungen (0)

Holz war bei der Erschließung der Vereinigten Staaten der wichtigste Rohstoff. Von Maine aus bewegte sich die Holzindustrie nach Westen und produzierte 1840 schon 136 Millionen Quadratmeter Bretter, ein Zoll dick. 1860 hatte sich die Produktion verfünffacht. 1899 stellte die Holzindustrie allein im produktionsstärksten Bundesstaat Wisconsin acht Millionen Festmeter in Form von Eisenbahnschwellen, Brettern und Balken her.

Pferde- und Ochsenkräfte reichten lange aus, um Baumstämme über petroleumgetränkte Holzwege bis zu Flüssen und Sägewerken oder der nächsten Eisenbahnstrecke zu schleppen. Doch je mehr die Holzindustrie in den Westen vorstieß und zuletzt an der Westküste Mammutbäume fällte, umso wichtiger wurde die Dampfmaschine. Bis hoch in die Berge sollten Waldbahnen fahren, auf rasch angelegten hölzernen Brücken und Gleisen, die manchmal nur aus rohen Baumstämmen oder Vierkanthölzern bestanden. Gleise mit unpräzise verlegten Schienen und starken Steigungen waren für gewöhnliche Dampflokomotiven ungeeignet. Denn die über Kuppelstangen verbundenen Radsätze benötigten ordentlich verlegte Gleise, sanfte Übergänge in Gefälle und Steigungen und weite Radien.

An verschiedenen Orten der Vereinigten Staaten tüftelten mechanisch begabte Erfinder und kamen auf Lösungen, die noch heute Bewunderung auslösen. Wichtiger noch: Sie erfanden mit den Waldbahnlok-Getrieben technische Lösungen, welche die Automobilindustrie erst Jahrzehnte später zu nutzen wusste. Kurbelwellen aus dem Dampfschiffbau hielten bei den Getriebeloks seit etwa 1880 ebenso Einzug wie neuartige Kardanwellen, Dampfmotoren und schrägverzahnte Kegelradgetriebe.

Vorweggenommenes Lastwagen- und Diesellokdesign

Die bekanntesten Konstruktionen waren die von Shay, Heisler und Scott. Ephraim Shay setzte einen zwei- oder dreizylindrigen Dampfmotor rechts vor das Führerhaus, der eine Kurbelwelle antrieb, die mit verlängerbaren Kardanwellen auf die beiden zweiachsigen Drehgestelle wirkte. Die Kegelzahnräder an den rechten Seiten der Radsätze wurden von Zahnrädern auf den Kardanwellen in Bewegung versetzt. Wegen der einseitigen Belastung musste der Kessel nach links verschoben werden. Das asymmetrische Erscheinungsbild machte die fast 2800 Mal gebaute Shay bei Eisenbahnfans aus aller Welt beliebt.

Charles Heisler hielt nichts von derlei Exzentrik und versah seine Konstruktion mit einem V-förmigen Dampfmotor mit zwei Zylindern, der über mittig angeordnete teleskopartige Kardanwellen und Kugelgelenke die beiden Drehgestelle antrieb. Die wuchtigen Zylinder beschränkten allerdings die Größe des Kessels. Mehr als 600 Stück wurden gebaut.

Der Holzfäller Charles Darwin Scott ahnte sicherlich nicht, dass er das Lastwagen- und Diesellokdesign des 20. Jahrhunderts vorwegnahm, als er 1888 seinen teilweise ähnlich aufgebauten Antrieb patentieren ließ. Weil die Zeichnungen ein cleverer Verwandter namens Gilbert angefertigt hatte, der auch an der Verfeinerung der Konstruktion beteiligt war, wurde die Erfindung unter Gilbert registriert und Scott um seinen Ruhm gebracht. Die nach dem Hersteller Climax Locomotive Works in Corry, Philadelphia, benannte Climax des Typs A bestand aus einem Rahmen, der wie ein Güterwagen auf zwei Drehgestellen ruhte.

Etwa zwei Dutzend blieben erhalten

Eine aufrecht stehende Zwei-Zylinder-Dampfmaschine bewegte über ein Getriebe, das anfangs sogar zwei Gänge hatte, die Kardanwellen zu den Drehgestellen, die innen beide Radsätze über Kegelräder antrieben. So bewältigten die Drehgestelle problemlos schlecht verlegte Schienen und abrupte Knicke im Gleis. So gut, dass man es wagte, die Lokomotiven mit Hohlkehlrädern, die wie riesige Garnrollen aussahen, auszurüsten. Sie fuhren mit geriffelten Laufflächen auf Schienen aus rohen Baumstämmen oder Balken. Die schnell laufende Dampfmaschine und die Übersetzung sorgten wie bei allen Getriebelokomotiven für eine enorme Zugkraft bei allerdings geringen Geschwindigkeiten von 10 bis 16 km/h.

Erst die Class B, wie ihn das neue Bachmann-Modell im Maßstab 1:20,3 repräsentiert, verhalf der Climax zum Durchbruch. Bis 1928 wurden etwa 1100 Stück gebaut. Und weil in Amerika der technische Fortschritt von reisenden Fotografen akribisch dokumentiert wurden, finden sich in Fachliteratur wie „The Climax Locomotive“ (ISBN 9647521-6-6) Hunderte von Fotos seit 1890, die nicht nur die Typen- und Größenvielfalt zeigen, sondern auch die primitiven Arbeitsbedingungen in amerikanischen und kanadischen Wäldern und Sägewerken. Auch anderswo machten die Climax-Loks wie in Nordamerika bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts Karriere, in Neuseeland, Australien und den Philippinen. Etwa zwei Dutzend blieben erhalten, vier Exemplare sind in Kanada und den Vereinigten Staaten in Betrieb zu sehen. Einen Überblick über alle Getriebelokomotiven gibt die Website Geared Steam.

Das Climax-Modell ist für die Gartenbahn geeignet und könnte der Ausgangspunkt für eine Waldbahn sein, die zwar auf das Abholzen von Minikoniferen verzichtet, aber viele Aspekte des Vorbilds ins Modell umsetzt: transportable Hütten für die Waldarbeiter, auf hölzernen Kufen installierte Dampfmaschinen, die die geteilten Stämme über Seilbahnen zum Verladeplatz ziehen, Fachwerkbrücken und Dampfkräne. Wer sich erstmals mit Büchern über „Logging“ beschäftigt, kommt aus dem Staunen nicht heraus, zumal die primitiven Arbeitsbedingungen die Fantasie der Holzarbeiter erkennbar herausforderten und für manche kuriose Lösung sorgten. Modellbauer lieben ja das Ungewöhnliche, technisch Kuriose. Und das bieten Waldbahnen im Überfluss.

Im Tender ist Platz für Lautsprecher und Dekoder

Bachmann bildete das Schmalspurmodell für die 45-Millimeter-Spur einem der letzten Exemplare von 1929 nach, das auf drei Fuß breiten Gleisen fuhr und etwa 22,5 Tonnen wog. Es ist eine kompakte Ausführung mit der funktionsfähigen Innensteuerung der Zylinder unter dem Kessel. Rahmen, Antrieb und Drehgestelle des 3,6 Kilogramm schweren Modells sind aus Metall. Viele Ausstattungsteile wurden beigepackt. Tauscht man den Öltank im Tender gegen einen Kohle-Einsatz aus, kann die ölgefeuerte Lok in eine kohlegefeuerte verwandelt werden.

Gleich drei Schornsteine liegen bei, vom schlanken Schlot für Öl und Kohle bis zu zwiebel- und diamantförmigen Schornsteinen mit Funkenfänger. Dazu ein Schlauch zum Ansaugen des Wassers aus dem Bach, auch wenn die notwendige Dampfpumpe ebenso fehlt wie der Dynamo für die elektrischen Scheinwerfer. Ihre Kraft bezieht die 41 Zentimeter lange Lok aus beiden Elektromotoren in den Drehgestellen. Der vordere treibt die Mimik zwischen Zylinder und Schwungrad an, die sich schon bei langsamer Fahrt schnell bewegt. So gleitet die kleine Lok fast lautlos dahin.

Wer mit einer Digitalsteuerung fährt, kann einen Sounddekoder leicht nachrüsten. Im Tender ist Platz für Lautsprecher und Dekoder, der nur eingesteckt werden muss, wenn man ihn bei QSI oder Soundtraxx kauft. Für hiesige Fabrikate liegt eine verkabelte Platine bei, die man mit dem Dekoder verbinden kann. Leider konnte sich die zersplitterte europäische Modellbahnindustrie noch immer nicht zu einem einheitlichen Stecker-Standard für Gartenbahnen durchringen.

Jede Waldbahn war individuell

Der Soundbaustein erweckt die schnell laufende Dampfmaschine akustisch zum Leben. Die Impulse bezieht die Elektronik aus einem optischen Sensor im Zylinder. Der Raucherzeuger ist leider nicht der Rede wert und taugt immer noch nichts, obwohl das Modell ein elektrisch aufgefrischtes Remake einer etwa zehn Jahre alten Ausführung ist.

Es macht trotzdem Freude, diese ausgefallene Dampflokomotive im Garten oder auf einer Innenanlage zu beobachten. Bei den Waldbahnen waren es seltener gewaltige Mammutbäume, welche die Climax transportierte. So eine kleine Maschine schleppte auf Flachwagen und Loren eher Baumstämme von europäischem Format oder fertige Bretter und Schnittholz. Der Waldbahn-Kenner weiß: Jede Waldbahn war individuell und immer etwas zurechtgeschustert. Das macht sie so interessant.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Implodierte News

Von Hans-Heinrich Pardey

Nicht jede Nachricht eignet sich zur Werbung dafür, dass mehr Testen, Prüfen und Zertifizieren auch beim Elektrorad nottue. Mehr 2

Hinweis
Die Redaktion