24.09.2008 · Die Weltformel im Modellbau heißt 1:X. Denn der Maßstab mobiler und statischer Miniaturen gibt den Rahmen vor für die Schöpfung im Kleinformat. Eine aktuelle Ausstellung im Spielzeugmuseum in Nürnberg erzählt mehr dazu.
Von Peter ThomasMiniaturen werden in definierten Maßstäben gemessen. Das ist für Bastler und Sammler heute eine Art Naturkonstante, die für bewegte Modelle genauso gilt wie für statische Exponate. Diese Angabe, wie sich die Größe der Nachbildung zum Original verhält, gibt Sicherheit bei der Konstruktion der eigenen Welt im Kleinformat und sorgt für Kompatibilität zwischen den Produkten verschiedener Marken: Eine Eisenbahn von Märklin verträgt sich deshalb so gut mit den Gebäuden von Faller, den Autos von Wiking und den Minimenschen von Preiser, weil sich alle Hersteller auf den Maßstab 1:87 (HO) geeinigt haben.
Der Weg zu solchen Normen für das realitätsnahe Spiel mit der Welt im Kleinformat war weit: Am Anfang stand nicht etwa eine mathematische Formel, in welcher der Teiler das Größenverhältnis zwischen Vorbild und Modell beschreibt. Die erste Norm für maßstäbliches Spielzeug orientierte sich vielmehr grob an der Größe des Menschen: Mitte des 19. Jahrhunderts legte Ernst Heinrichsen für seine Flachrelief-Figuren aus Zinn 30 Millimeter als ideales Höhenmaß fest. So ließen sich große Tableaus mit weitgehend maßstabsgetreuen Gruppen auch dann zusammenstellen, wenn die Figuren über eine längere Zeitspanne einzeln gekauft wurden.
Realistischer, präziser, genauer
Vom soldatischen Gardemaß als Richtwert zum Maßstab, der auf alle Motive von der Eisenbahn bis zum Haus angewendet werden kann, war es da nur noch ein kleiner Schritt. Dennoch sind Modellmaßstäbe mehr als eine spielerisch eingesetzte Variante der Metrologie. Sie erzählen ebenso eine Geschichte von Technikkultur und Industrialisierung, von Soziologie und Historie, von Psychologie und Pädagogik. Einen Überblick dieser Beziehung von Spiel und Norm gibt die aktuelle Sonderausstellung "Maßstab 1:X", die das Nürnberger Spielzeugmuseum noch bis zum 12. Oktober 2008 zeigt.
Immer realistischer, präziser, genauer: Das ist das Motto, dem die meisten Spielzeughersteller seit der Industrialisierung folgen. Schon die Ausschneidebögen aus Papier widmeten sich vor fast 200 Jahren mit zunehmender Detailtreue Themen wie Architektur und Maschinen. Märklin führte Ende des 19. Jahrhunderts die erste einheitliche Spurweite für Modelleisenbahnen ein (Spur 1) und legte damit einen Grundstein für das heutige, ausdifferenzierte System der Schienenminiaturen.
Ausgestanzt und tiefgezogen
Zur selben Zeit begann auch eine Demokratisierung des maßstäblichen Spielzeugs. Denn extrem detaillierte Nachbildungen von Menschen, Bauwerken und Fahrzeugen waren als handwerkliche Einzelanfertigungen lange Zeit entweder dem Adel und der bürgerlichen Oberschicht vorbehalten, oder sie dienten überhaupt nicht dem Spiel. Dafür sind die legendär detailreichen Admiralsmodelle der Marinegeschichte gute Beispiele.
Erst neue Produktionsverfahren erlaubten es, standardisiertes Spielzeug mit dem Anspruch der Realitätsnähe in hohen Auflagen herzustellen. Bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts kam diese Rolle insbesondere dem Blechspielzeug zu. Diese Modelle entstanden aus lithographiertem Weißblech, das ausgestanzt und tiefgezogen wurde. Die so entstandenen Reliefs ließen sich zu plastischen Vollmodellen zusammensetzen, als Verbindungselement dienten Metallzungen.
Standmodell, Bausatz, Eisenbahn oder Automodell
Den Schritt zur heutigen Qualität von Fertigmodellen oder Bausätzen schaffte schließlich der Spritzguss: Vorbei war die Zeit der flächigen Bleche, die bei Modellautos viele Karosseriedetails eher grafisch denn plastisch darstellten. Zinkdruckguss oder Kunststoffspritzguss erlaubten eine bisher unerreichte Detailtreue. Davon profitierten nicht nur Kinder, die mit Modellautos in Maßstäben zwischen 1:50 und 1:32 in Sandkasten und Wohnzimmer spielten. Auch der Kunststoffmodellbau als anspruchsvolles Hobby für Jugendliche und Erwachsene ist ohne die Spritzgusstechnik kaum denkbar. Als Pionier dieser Sparte gilt der amerikanische Hersteller Revell, dessen erste Baukästen mit aus Kunststoff gespritzten Teilen 1947 auf den Markt kamen.
Ob Standmodell oder Bausatz, ob Eisenbahn im Kleinstformat oder Automodell, das die Vitrine ausfüllt: Die Ansprüche des Modellbaus an sich selbst steigen bis heute mit den Möglichkeiten der immer genaueren Reproduktion. Wobei allerdings der Begriff des Maßstäblichen relativ zu sehen ist: Gemeint sind hier vor allem präzise Abbildungen der äußeren Form und einiger mechanischer Details im Kleinen. Niemand käme aber auf die Idee, den Maßstab auch auf die Materialstärke der Karosserie eines Siku- oder Matchbox-Autos anzuwenden. Dann nämlich würden die robusten kleinen Flitzer zu empfindlichen Preziosen, deren Dach und Motorhaube sich schon beim ersten Fingerkontakt wie Alufolie verbeulten.
Nur Lego mischt die Größenverhältnisse
Ein Blick auf das Angebot des Spielwarenhandels zeigt außerdem, dass nicht für alle Liebhaber von Technikmodellen die höchstmögliche Detailtreue oberstes Ziel ist. Einige Hersteller setzen ganz bewusst auf die nostalgische Abstraktion. Das gilt für aktuelle Blechspielzeuge und Neuauflagen alter Modelle von Kovap (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 23. September 2007) genauso wie für die massiven Modellautos aus Schucos "Piccolo"-Serie. Hier, wo die Handschrift des Modellbauers noch am fertigen Produkt abzulesen ist, leuchtet die Faszination der Manufaktur wieder auf. Wiking-Modellautos pflegten diese erfreulich reduzierte Formensprache immerhin noch bis vor ein paar Jahren.
Und Lego ignoriert die Maßstabstreue seit der Einführung der Minifiguren vor 30 Jahren sowieso: Fröhlich mischen die Dänen die Größenverhältnisse von Mensch und Maschine so zusammen, dass alle Bestandteile eines Bausatzes kompatibel für Kinderhände sind. Im Fall des Space-Shuttle-Transports aus Set 6346 haben deshalb Motorrad, Tieflader und Raumfähre zwar verschiedene Maßstäbe, trotzdem lässt sich damit hervorragend spielen.
Und wer schließlich mit den Teilen eines Metallbaukastens mechanischen Prinzipien auf den Grund gehen will, wird sich sowieso bald von der Prämisse maßstäblicher Genauigkeit verabschieden: Bei der Achsschenkellenkung eines Ackerschleppers, zusammengeschraubt aus Trix-Teilen, ist die Funktion eben doch wichtiger als die lebensechte Nachbildung der Form eines Lanz Bulldog.