Die neu glänzende Messingplakette im Führerstand, Dokument der erfolgreich absolvierten Kesselhauptuntersuchung, trägt das Datum vom Vortag. Heute spannt sich Lok 01 118 bereits wieder schnaufend, rauchend und zischend vor ihren Zug - scheinbar ungeduldig, die frisch bestätigte Tauglichkeit für den Fernverkehr zu beweisen. Die Zuschauer jubeln, als Lokführer Klaus Mühleisen den mehr als 100 Tonnen schweren Champion der Historischen Eisenbahn Frankfurt aus dem Meininger Dampflokwerk auf das Streckengleis bugsiert.
Der zweijährige Werkstattaufenthalt, während dem die Thüringer Experten der Lok unter anderem eine neue Feuerbüchse eingebaut haben, ist der schwarzen Schönheit offensichtlich gut bekommen. Solche Momente prägen die Meininger Dampfloktage, die das Werk zusammen mit dem Meininger Damplokverein ausrichtet. Jedes Jahr lockt die Veranstaltung mehrere Tausend Besucher in das letzte Betriebswerk der Deutschen Bahn, das sich noch um Dampftechnik kümmert.
Den Regeldienst 1977 eingestellt
Das Dampflokwerk, 1914 von den Preußischen Staatseisenbahnen eröffnet, ist ein Ort wie aus einer anderen Zeit: Backsteinmauern umhüllen große, vom Staub der Geschichte und einer feinen Rußschicht patinierte Hallen, in denen dicht an dicht die Schienen-Oldtimer parken. Dazwischen warten archaisch anmutende Maschinen neben moderner Technik mit CNC-Steuerung auf ihren Einsatz. Denn die museale Anmutung täuscht, hier wird in täglicher Betriebsamkeit alten Dampflokomotiven wieder neues Leben eingehaucht.
Neben Reparaturen, Wartungen und Hauptuntersuchungen an bestehenden Fahrzeugen konstruieren die Mitarbeiter des Dampflokwerks auch komplette Neubauten oder bauen zentrale Komponenten dafür. Die Kunden kommen nicht nur aus Deutschland, sondern ebenso aus dem europäischen Ausland: Das Dampflokwerk liefert Radsätze für Frankreich, baut Kessel für Großbritannien, repariert Loks aus der Schweiz - gerade hat man sogar einen Kessel für eine Lok aus Australien geschweißt. „Die Auftragslage ist gut“, sagt denn auch Vertriebsleiter Eberhard Grimm zufrieden.
Lebendige Dampfloktechnik ausgerechnet bei der Deutschen Bahn - das hätte vor 35 Jahre niemand geglaubt. 1977 stellte die Deutsche Bundesbahn die Dampftraktion im Regeldienst ein. „Unsere Loks gewöhnen sich das Rauchen ab“, tönte der Slogan der entsprechenden Werbekampagne fortschrittlich.
Am 26. Oktober 1977 zogen Maschinen der Baureihe 44 noch einmal schwere Güterzüge durch das Ruhrgebiet. Einen Tag später wurden auch sie offiziell außer Dienst gestellt. Kurz zuvor legte Klaus Mühleisen noch die offizielle Verwendungsprüfung für den Dienst als Lokführer auf Dampfloks im Betriebswerk Rheine ab. Erst 1985, zum 150-jährigen Eisenbahngeburtstag in Deutschland, durften Dampfloks dann wieder Sonderzüge ziehen. Daraus hat sich längst eine lebendige technikhistorische Kultur entwickelt, die insbesondere von zahlreichen Vereinen und Museumsbahnen getragen wird. Das Dampflokwerk in Meiningen ist für die meisten von ihnen eine regelmäßige Anlaufstelle.
Keine entscheidende, konstruktive Veränderung
Für die 1934 gebaute Frankfurter 01 118 ist das Dampflokwerk sowieso eine Art zweite Heimat, denn die Lok wurde hier immer wieder gewartet - und das seit ihrer Indienststellung im Januar 1935. Lange Pausen gibt es in der Biographie der Lokomotive dabei nicht, sagt Klaus Mühleisen stolz: „Keine andere Lokomotive dieser Baureihe ist 77 Jahre lang kontinuierlich im Einsatz gewesen.“
Diese Kontinuität wurde möglich, weil Dampfloks bei der Reichsbahn der DDR länger aktiv blieben als in der Bundesrepublik: Wo die Bundesbahn bereits 1973 ihre letzte 01 auf das Abstellgleis schob, liefen diese Schnellzugdampfloks bei der Reichsbahn noch bis 1982. Bereits 1981 kaufte die Historische Eisenbahn Frankfurt die 01 118, und zwar fahrfähig mit noch laufenden Fristen. 1985 war die Lok dann beim Bahn-Jubiläum dabei.
Die von Krupp in Essen gebaute Frankfurter Dampflok wurde in ihrem langen Leben nie entscheidend konstruktiv verändert, während die Reichsbahn viele ihrer Geschwister in den 1960er-Jahren ertüchtigte. Diese insgesamt 35 Loks, von Eisenbahnern als „Reko-01“ bezeichnet, erhielten neue Kessel und wurden zumeist auch von Kohle- auf Ölfeuerung umgestellt. Die Ausführung der Arbeiten übernahm das Reichsbahn-Ausbesserungswerk Meiningen, aus dem 1995 das Dampflokwerk hervorging.
Loderndes Feuer ständig füttern
Vor 50 Jahren begann dieses Rekonstruktionsprogramm, sagt Jürgen Eichhorn, Leiter des Dampflokwerks. Anlässlich des Jubiläums holte das Werk zu den Dampfloktagen 2012 drei der insgesamt vier in Deutschland erhalten gebliebenen Reko-01-Loks nach Meiningen, nämlich 01509, 01522 und 01531. Die riesigen Maschinen sind lebendiges Zeugnis der Geschichte des Bahn-Standorts, wo in Spitzenzeiten bis zu 3000 Menschen arbeiteten. Heute sind es noch 130 Spezialisten, die sich neben Dampfloks auch um historische Waggons sowie um Spezialmaschinen wie Schienenkrane und Schneeräumtechnik kümmern. Vor allem rund um die historische Dampftechnik bündelt sich in Meiningen außergewöhnliche Kompetenz.
Dieses Wissen an künftige Fachleute zu vermitteln sei ein wichtiges Anliegen der Ausbildung, sagt Eichhorn. Wissen zu bewahren, das ist auch für die Arbeit auf dem Führerstand von Dampfloks gefragt. Dafür braucht es eine im Wortsinn glühende Leidenschaft. Denn wer hier als Heizer schippt und schuftet, muss das lodernde Feuer unter dem Kessel ständig füttern, muss Schaufel um Schaufel fettglänzender Kohlen in die Glut werfen: 15 Kilogramm Brennstoff verbraucht die 01 118 bei guter Fahrt je Kilometer, dazu kommen rund 85 Liter Wasser.
Für die Fahrt des Sonderzuges mit historischen Wagen aus Meiningen nach Frankfurt hat die vierköpfige Mannschaft auf dem Führerstand bereits am Tag zuvor mit den Vorbereitungen begonnen. Auch das Feuer wurde schon lange vor der Abfahrt angeheizt - es braucht schließlich seine Zeit, um 18 Kubikmeter Wasser auf mehr als 200 Grad Celsius zu erhitzen. Am Nachmittag verabschiedet sich 01 118 dann mit Dampf und Rauch aus Thüringen.
Moderne Interpretation der Dampfgeschichte
Das Dampflokwerk hat in den vergangenen Jahren unter anderem die Rekonstruktion des „Adler“ übernommen, einer 1935 entstandenen Replika der ersten deutschen Lokomotive aus dem Jahr 1835. Hier wurde die berühmte Lok 01 150 fahrfertig restauriert, die zusammen mit vielen anderen Fahrzeugen (auch dem „Adler“-
Nachbau) einem Großbrand im Depot des Nürnberger Verkehrsmuseums zum Opfer fiel. Mittlerweile hat die 01 150, für deren Restaurierung der ehemalige Lokführer Olaf Teubert unermüdlich Spenden gesammelt hat, die Zulassung des Eisenbahnbundesamtes erhalten. Künftig wird sie von der Traditionsgemeinschaft des Bahnbetriebswerks Halle eingesetzt.
Aber nicht nur für den historischen Verkehr ist das Dampflokwerk Anlaufstelle. 2009 entstand hier zum ersten Mal seit 50 Jahren in Deutschland der Neubau einer Dampflokomotive für den Regeldienst, Kunde war die Mecklenburgische Bäderbahn Molli. Die Schmalspurlok wird als 99 2324-4 auf der Strecke von Bad Doberan über Heiligendamm nach Kühlungsborn eingesetzt. Die Passagiere sind Feuer und Flamme für diese moderne Interpretation der Dampfgeschichte.
Die Meininger Dampfloktage finden jährlich am ersten Wochenende im September statt, 2013 fällt der Termin auf den 7. und 8. September. Außerdem gibt es an jedem 1. und 3. Samstag im Monat um 10 Uhr eine anderthalbstündige Führung durch das Werk, bei der die Lokhalle, das Anheizhaus und die Kesselschmiede besichtigt werden. Die Teilnahme kostet 5 Euro, weitere Informationen gibt es unter www.dampflokwerk.de
