29.07.2005 · Zwei Bürogebäude am Lehrter Bahnhof werden auf ungewöhnliche Weise gebaut. Vier 70 Meter hohe Stahltürme werden dafür wie Zugbrücken heruntergelassen. Das Schauspiel ist am Wochenende zu sehen.
Während das 321 Meter lange gläserne Ost-West-Dach des künftigen Berliner Hauptbahnhofs schon seit einiger Zeit besteht, geht der Bau der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden zwei Bürogebäude jetzt in die Endphase. Hier kreuzen sich künftig eine West-Ost- sowie eine Nord-Süd-Strecke für den ICE-Verkehr, wobei die Nord-Süd-Trasse 15 Meter unter der Erde in einem die Spree und den Tiergarten unterquerenden Tunnel verlaufen wird. Für einen Abschnitt dieses Nord-Süd-Tunnels erhielt die Spree vorübergehend ein neues Flußbett.
Die zwei Bürogebäude in Nord-Süd-Richtung werden auf ungewöhnliche Weise gebaut. Die vom Darmstädter Stahlbauunternehmen Donges errichteten vier 70 Meter hohen Stahltürme, die man auch als Bügelbrücken bezeichnet, werden wie eine Zugbrücke heruntergelassen. Dazu werden seit Freitag die Zugbrücken, also die Stahltürme, in 23 Metern Höhe gekippt und anschließend miteinander zu einem Bügel verschweißt. Der Spielraum zwischen den beiden heruntergelassenen Bügelbrücken beträgt nur zwei Zentimeter.
Stadtbahn teilweise gesperrt
Dieses Montagekonzept wurde gewählt, um die Berliner Stadtbahn nicht über Wochen stillzulegen. Statt dessen behindert diese Bauweise nun den Berliner Schienenverkehr an zwei Wochenenden jeweils 54 Stunden lang. Die Berliner Stadtbahn ist an diesem Wochenende von Freitag nacht bis Montag morgen zwischen den S-Bahn-Stationen Friedrichstraße und Schloß Bellevue gesperrt, um die Westbrücke zu errichten. Zwei Wochen später wird die Ostbrücke nach dem gleichen Verfahren errichtet.
Zunächst heben vier 30 Zentimeter dicke Stahltrossen mit einer Zugkraft von 650 Tonnen die Brückenhälften an und kippen sie um neun Grad. Dann werden die vier Senkanlagen eingebaut, und der eigentliche Klappvorgang beginnt: Die Zugbrücken werden heruntergelassen. Dafür ist das Schweizer Unternehmen VSL zuständig. Von diesem Zeitpunkt an ist der gesamte Zugverkehr der Berliner Stadtbahn gesperrt.
Überragen Kanzleramt um zehn Meter
Die jeweils 1.250 Tonnen schweren Brückenhälften werden mit einer Geschwindigkeit von sechs Metern je Stunde gesenkt. Der kritische Punkt besteht bei einem Neigungswinkel von 37 Grad. Von diesem Winkel an verlagert sich der Schwerpunkt der Türme. Mußten sie bisher angehoben werden, senken sie sich nun von selbst. Acht Stahltrossen müssen dafür sorgen, daß sich die Bügelbrücken langsam in die Horizontale senken und nicht in das Bahnhofsgebäude fallen.
Zwischen die beiden heruntergelassenen Bügel wird anschließend das 210 Meter lange und 42 Meter breite Nord-Süd-Dach eingeschoben. Im Schnittpunkt zwischen dem Ost-West- und dem Nord-Süd-Dach wird eine flache Kuppel entstehen.Wenn beide Türme sich in der Waagerechten befinden, die Zugbrücken also mit einer Gesamtlänge von jeweils 87 Metern heruntergelassen und miteinander verschweißt sind, beginnt der Ausbau der Fassaden und der Bügelgebäude. In den Bügeln mit jeweils zwölf Geschossen und einer Höhe von 46 Metern sollen 42.000 Quadratmeter Büroflächen entstehen. Sie sind damit zehn Meter höher als das Bundeskanzleramt.