02.05.2007 · Die Lego-Welt ist längst nicht mehr nur von stummelbeinigen Männchen bevölkert. Die Techno-Monster der Bionicle-Serie bedienen sich einer technoiden Ästhetik und der Symbolik des Artifiziellen. Sie sind auch ein Paradigma der Moderne.
Von Peter ThomasLego-Figuren, das waren für uns stets diese kurzbeinigen, unerschütterlich freundlichen Bewohner einer sauberen Bausteinwelt mit Noppenmuster: Ritter, Retter und Räuber als kunststoffene Däumlinge zwischen Burg, Feuerwehrstation und Piratenschiff. Dann sind wir vor einigen Jahren zum ersten Mal den Techno-Monstren von Lego Bionicle begegnet: Statt stabiler Stummelfüße gibt es hier lange Insektenbeine mit Kugelgelenk und Klauenzehen. Darauf steht ein Körper, der eher in einen „Alien“-Film passt denn in die schöne brave Welt von Lego City. Da blitzen Reißzähne, Augen und archaische Waffen um die Wette, leuchten Laserschwerter und schauen grimmige Masken in die Runde.
Die klassischen Noppensteine, deren Raster mit acht Millimeter Abstand die Maßeinheit der Spielwelten ganzer Generationen waren, fehlen diesen Wesen zwar fast vollständig. Dafür zeigen aber viele Bauteile eine enge Verwandtschaft zu Lego Technic. Diese Erweiterung des dänischen Spielsystems verband vor 30 Jahren den Plastikbaustein zum ersten Mal einträchtig mit der Faszination der klassischen Mechanik. Bionicle hat sich von diesen Genen längst etabliert. Die Industrie-Ästhetik der Gelenke, Steckverbindungen und Achsen hat sich in der Evolution der phantastischen Kreaturen vom ursprünglichen Zweck gelöst. Was einst zum Nachbau von Motoren und Eisenskelettbauten diente, wird bei Bionicle - ergänzt um zahlreiche neue Teile - zum mechanischen Organ eines Maschinenwesens.
Furchterregende Tiefseebewohner
Dass Bionicle bei aller Kompatibilität längst kein Teil von Lego Technic mehr ist, bestätigt Lego-Sprecherin Katharina Sutch: „Bionicle fokussiert auf Fantasy, Rollenspiel und die Geschichte hinter den Produkten.“ Lego Technic dagegen fährt schwere Mobilkräne auf, hat detailgetreue Abschleppwagen und einen Traktor mit Anbaugeräten im Programm - klassisches Konstruktionsspielzeug eben. Dagegen verortet der dänische Hersteller Bionicle im Bereich „constraction“. Das Kunstwort hat sich das Lego-Marketing eigens für die Bionicle-Welt einfallen lassen, als Komposition aus „construction“ und „action“. Geblieben ist dabei die stoffliche Anmutung der Bauteile, die gewohnt robust und präzise aus Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymerisat (ABS) gegossen sind.
Angefangen hat die Bionicle-Geschichte bereits 2001 mit sechs mythischen Roboterwesen, den Toa. Viele verschiedene gute und böse Figuren haben diese Fantasy-Welt seither betreten und teils auch wieder verlassen. Aktuell umfasst Bionicle rund 30 verschiedene Artikel von der kleinen Einzelfigur (5,30 Euro) bis zur großen Festung der Piraka (95 Euro). Das bläuliche Monster Takadox (11 Euro) mit den leuchtendroten Augen gehört zur Riege der Barraki, furchterregenden Tiefseebewohnern aus dem Universum der Klötzchenkrieger. Die Meereskreaturen sind der jüngste Zuwachs von Bionicle.
Der freien Improvisation sind Grenzen gesetzt
In diesem Markennamen schwingt der Bionik-Begriff mit, die Nachahmung konstruktiver Prinzipien der Natur mit den Mitteln von Technik und Design. Das wissenschaftliche Verfahren bleibt allerdings eher Nebensache, nur manchmal nehmen die Monster wirklich Maß an der Natur: So macht zum Beispiel die Kombination aus Hüft-, Knie- und Fußgelenken die Toa, Barraki und Piraka hoch beweglich. Zugleich werden die Kreaturen damit aber auch anfällig für die Tücken der Schwerkraft. So müssen sie im Kinderzimmer erst einmal das Stehen und Laufen lernen, sonst kommen sie vor lauter Kugelschleudern, Tintenfischwerfern und Flammenschwertern in der Faust schnell aus dem Gleichgewicht und fallen kräftig auf die Maske.
In der orthodoxen und gut organisierten Lego-Gemeinde der erwachsenen Sammler, Bastler und Architekten (der Fachbegriff dafür heißt „adult fan of Lego“ oder AFOL) findet Bionicle auch im siebten Jahr noch wenig Echo. Bausteinkonstrukteure jenseits des 30. Geburtstags spielen eben lieber mit dem pneumatisch betriebenen Kranwagen (140 Euro) oder stellen sich den kaiserlichen Sternenzerstörer aus George Lucas' großem Leinwandepos „Star Wars“ (150 Euro) neben die alten Astronautensets ihrer eigenen Lego-Jugend in die Vitrine. Den Bausätzen im scharfkantigen Robocop-Design mit dicken Waffen können die wenigsten dieser Lego-Connaisseure etwas abgewinnen. Grund dafür ist einerseits der ästhetische Bruch mit den schön inszenierten Spielwelten der Minifiguren und der Zahnradwelt des alten Lego Technic. Vor allem aber sind die Bionicle-Figuren konstruktiv sehr simpel ausgelegt und lassen sich obendrein nicht mit dem zeitlosen Raster der Lego-Noppen verbinden. Das setzt der freien Improvisation mit den Bausätzen ungewohnte Grenzen.
Geschichte hinter dem Spielzeug
Doch bei Jungs im Alter zwischen sieben und zehn Jahren, der eigentlichen Zielgruppe, kommt Bionicle umso besser an: Alle fünf Sekunden geht ein Artikel der Serie in Deutschland über den Ladentisch. So besitzt mittlerweile mehr als die Hälfte aller Buben im Alter zwischen sechs und elf Jahren wenigstens eine Bionicle-Figur. In anderen Märkten kommen die Techno-Krieger aus Billund ebenso gut an, und entsprechend zufrieden blickt Lego auf seine Bionicle-Familie.
Um dieses Erfolgsphänomen zu erfassen, muss der Blick über die Monster aus Klötzchen und Steckverbindungen hinausgehen. Denn Lego hat sich mit Bionicle gegen die bewährte Adaption populärer Stoffe aus Comic (Batman), Film (Star Wars) und Literatur (Harry Potter) für das Baustein-Universum entschieden. Stattdessen schreibt seit 2001 der Fantasy-Autor Gregory Farshtey als Story-Writer bei Lego an der Geschichte hinter dem Spielzeug.
Vergangenheit und Zukunft, Tiefsee und Weltraum
Der langjährige Verfasser von Rollenspiel-Büchern verwob unter anderem Elemente polynesischer Mystik mit der Grals-Legende, kombinierte klassische Fantasy mit Science-Fiction und mischte Manga-Comics mit der reduzierten Sprache der Superhelden. Daraus entstand eine Legende, die seither als kompletter Medienverbund zum Bionicle-Thema umgesetzt wird. Neben den Figuren gehören dazu Zeitschriften, Comics und Computerspiele, aber auch Filme und Internetseiten. Lizenznehmer liefern außerdem Fanartikel von der Armbanduhr bis zum Schulranzen.
Das verflixte siebte Jahr hat bei den Bionicle-Kämpfern keine Spuren hinterlassen. Und die Evolution der Techno-Figuren wird weitergehen. Vielleicht entdeckt Bionicle ja nach der Eroberung von Inselwelten und Unterwasserreich in der nächsten Generation die Luft als neues Spielfeld. Die freundlichen kleinen Lego-Männchen der klassischen Serie haben seit ihrer Premiere 1978 schließlich gleichermaßen Vergangenheit und Zukunft, Tiefsee wie Weltraum für sich eingenommen.