Nicht jeder Modelleisenbahner leidet unter dem Image, ein Peter Pan, ein Spielkind zu sein. Doch es ist riskant, sich öffentlich zu diesem Hobby zu bekennen. Gilt es doch als etwas kindisch. Eine gern verbreitete Fehleinschätzung, gepaart mit Berichten vom 50-Jährigen, der noch bei Mutti wohnt und die Wohnung für die H0-Modellbahn zweckentfremdet hat.
Wer in die Welt der 2,7-mal so großen Spur 1 eintaucht, trifft auf Bankvorstände, Ärzte, Unternehmer, pensionierte Spitzenbeamte und Vorstände. Nur fünf bis sechs Prozent des Modellbahnmarkts, der immer noch als „Spielzeug“ subsumiert wird, macht die von Märklin erfundene „Königsspur“ aus. Was im Maßstab 1:32 auf 45 mm Spurweite rollt oder in Vitrinen und Regalen gehortet wird, ist vom Spielzeug so weit entfernt wie ein SLK vom Wiking-Auto und so handwerklich kunstvoll und selten wie eine Glashütte-Uhr.
Die Spur 1 wurde von Märklin Ende des 19. Jahrhunderts definiert und geriet nach dem Zweiten Weltkrieg fast in Vergessenheit. Als 1968 LGB mit derselben Spurweite, aber größeren Schmalspurmodellen, auf den Markt kam, wagte Märklin die Wiederbelebung. Der spätere Versuch, sich mit einfachen Blechmodellen neben LGB zu positionieren, schlug fehl, das hohe Potential der 2009 erworbenen Edelmarke Hübner weiß Märklin bis heute nicht zu nutzen. Technisch hinken die älteren Märklin-Modelle den Produkten der hochspezialisierten Mitbewerber hinterher.
Die Lok sondert realitätsnahe Dampfwolken ab
Nun schickt sich ein kleiner Mittelständler aus dem bayerisch-schwäbischen Lauingen an, Märklins Rolle als Vollsortimenter der großen Spur zu übernehmen. Mit hochwertigen Eisenbahnmodellen aus Messing und Stahl zu Preisen, die nicht weit über den Märklin-Modellen liegen, eroberte KM1 Modellbau in wenigen Jahren die Herzen und Geldbörsen der anspruchsvollen Spur-Einser. Noch 2009 stellte das 2003 gegründete Unternehmen in einem zugigen Vorraum der Spielwarenmesse-Halle 7 in Nürnberg aus. Zwei Jahre später war der Eckstand mit der Bundesbahn-Dampflokomotive, die mit dem Auspuffschlag rhythmisch künstlichen Dampf aus Schornstein und Zylindern ausstößt, eine ständig umlagerte Attraktion.
Seit Jahren von diesen vorbildnahen Modellen fasziniert, haben wir eines gekauft. Schon das Auspacken dieser Lok der Baureihe 50 steigert die Vorfreude. Das sieben Kilogramm schwere Fahrzeug wird von mehreren Verpackungsschichten befreit, mit den mitgelieferten weißen Handschuhen angefasst und dann, zur Seite gelegt, von den beiden stabilen Brettern abgeschraubt. Wenn die Hürden genommen sind, einen 16-Pol-Stecker auf engstem Raum in die Buchse unter dem Führerhaus zu pressen und den Tender anzukuppeln, ist der nostalgische Sprung in die eigene Jugendzeit nicht mehr fern. Denn die Lok sondert nicht nur realitätsnahe Dampfwolken ab. Wenn sie sich zischend in Bewegung setzt und nach einem Impuls von der Digitalzentrale mit kräftigem Auspuffschlag beschleunigt, sagt auch die Erinnerung ja.
Produktionszahlen oft Geschäftsgeheimnis
Den Ton hat KM1-Chef Andreas Krug, ein gelernter Musiker, selbst aufgenommen und in seinem Tonstudio für den Ulmer Decoder-Hersteller ESU aufbereitet. Der Decoder unter der aufgeklebten Kohle im Kabinentender steuert 15 Funktionen und Geräusche, vom Licht bis zum Kurvenquietschen. Die Kabine sollte von 1958 an den Güterzugführer beherbergen, für den die Bundesbahn keinen Packwagen mehr mitschleppen wollte. Das Personal mied jedoch die staubige, klamme Kabine zwischen Kohle und Wasservorrat und fuhr lieber auf der Lok mit. Die Zugführer wurden bald eingespart, die Kabinentender blieben bis zur Ausmusterung der letzten Dampfloks Mitte der 1970er Jahre.
Produktionszahlen sind in der Spur-1-Branche oft ein Geschäftsgeheimnis. Das Modell dürfte gut tausendmal gefertigt worden sein. Zinkdruckguss-Teile machten die Lok preiswerter als andere Modelle, bei denen der Kessel aus Stahl und Messing besteht. Wer die Baureihe 50 nicht mit Rabatt vorbestellt hatte, bezahlte etwa 2300 Euro für das hochpräzise Schmuckstück. Exklusivere Dampflok-Modelle kosten auch bei KM1 mehr als 3000 Euro, der nur 100 Mal gefertigte TEE-Zug VT 11.5 liegt bei 8000 Euro und wird im Wert steigen, weil es immer Nachzügler gibt, die den Zug unbedingt haben wollen. Auch Erben haben Grund, sich über die teuren Modelle zu freuen. Im Gegensatz zur industriell hergestellten H0-Massenware von Märklin, Fleischmann und Roco ist der Wertverlust gering. Exklusive Lokomotivmodelle, die nur sieben- bis fünfzigmal gebaut wurden, dürfen getrost als Wertanlage betrachtet werden. Beim Familienunternehmen Bockholt kann man dafür mehr als 15.000 Euro anlegen. Fine Models bietet die bildschöne bayerische Schnellzugdampflok S 3/6 für 7000 Euro an. Günstiger und lange Zeit dominierend im Spur-1-Markt war Kiss. Wunder landete mit Rungenwagen für knapp 400 Euro einen Verkaufserfolg, der schon in wenigen hundert Stück gesehen wird. Demko verlangt für seine modernen Dieselloks rund 3000 Euro.
Gedeckte Tische im „Rheingold“-Speisewagen
Nur wenige Kleinserienhersteller, um die sich geniale Feinstmechaniker und Gleisspezialisten scharen, beherrschen die Kundenkommunikation. Mehrjährige Lieferverzögerungen sind nicht ungewöhnlich, es fehlt an Kapital und Produktionskapazitäten. Persönliche Kontakte werden auf Messen und Vereinsveranstaltungen aufgebaut, wo die Züge endlich einmal Auslauf bekommen, weil Radien von 2,3 Meter in bescheideneren Wohnräumen nicht machbar sind.
Weil Feinmechanik und Masse der Spur-1-Fahrzeuge das große Vorbild nahezu perfekt nachahmen und jedes Detail stimmt, faszinieren diese Nachbildungen. Wer durchs Fenster des „Rheingold“-Speisewagens die gedeckten Tische mit Tischlampen betrachtet und im Postwagen Briefsortierfächer entdeckt, erliegt der Ausstrahlung der Eisenbahnmodelle. Viele Geschäfte basieren auf langjährigen Bekanntschaften und Vertrauen. Zeichnungen und Fotos reizen zum Vorbestellen, Prototypen werden erst später gezeigt. Die Kunden wissen, dass sie in der Regel nahezu perfekte Modelle und ordentlichen Service erhalten.
Hobby ist wie slow food
Gefertigt werden die wertvollen Sammlerstücke in Südkorea. Während Lionel und Co. in den Vereinigten Staaten noch simple Spielzeugzüge für den obligatorischen Kreis unter dem Weihnachtsbaum produzierten, ließen anspruchsvollere Eisenbahnfreunde bereits in Südkorea hochwertige Modelle bauen. Deutsche Unternehmen kamen später hinzu. In Korea habe man die Erfahrung und es bestehe keine Plagiatsgefahr wie in China, verrät ein Hersteller.
Vier Produktionsunternehmen beschäftigt allein KM1. Die schweren Metallmodelle werden in aufwendiger Handarbeit verlötet. Messing-Feingussteile entstehen nach einem Muster in Silikonformen. Wachsteile bilden die Platzhalter in einer feuerfesten Form, die durch flüssiges Metall ersetzt werden. Bleche werden gestanzt, geätzt und präzise gebogen. Dazu kommen Drähte für die unzähligen Leitungen einer Dampflok, gedrehte Räder aus Edelstahl, gefräste und gelaserte Teile; manchmal auch Kunststoff, Holz, Stoff und Papier. Sensoren für den Auspuffschlag, Leuchtdioden, Motoren und Raucherzeuger, Lautsprecher und Elektronikplatinen vervollständigen die Modelle, die lackiert, individuell bedruckt und mit geätzten Schildern versehen werden. In hochwertiger Verpackung, die Exklusivität ausstrahlt, reisen die Modelle nach Deutschland.
Der Spur-1-Sammler weiß: Sein Hobby ist wie slow food. Er hat gewartet, viel Geld investiert und einen hohen Gegenwert erworben. Nun will er jedes Detail genießen, mit Fotos und Zeichnungen vergleichen. Ein Genuss wie ein guter Wein, das Essen beim Sternekoch oder der alte Whisky, nur nicht so flüchtig. Es ist nicht so wichtig, damit auf der kleinen Anlage zu fahren. Das Anschauen und Träumen tun der Seele gut. Weihnachten kann auch im Sommer sein.
