31.10.2011 · Die individuelle Zusammenstellung von Medikamenten können Maschinen übernehmen. Die machen zudem weniger Fehler, hygienischer ist es auch.
Von Nils SchiffhauerDie 400 Jahre alte Raths-Apotheke im Zentrum von Hameln bietet Platz für Träume wie für Realitäten. Friedrich Sertürner, Entdecker des Morphins, lebte und wirkte dort von 1820 bis zu seinem Tode 1841; gestorben an Gicht, sagen die einen, zugrunde gegangen an seiner Opiumsucht, sagen die anderen.
Einen Traum hatte auch das Ehepaar Ulrike und Marc Berz, sie heute Leiterin der Offizin, er Gesundheitsökonom. Vor fünf Jahren stellten sie sich eine Verblisterungsmaschine in die Apotheke. Diese rund 165.000 Euro teure Investition soll sich für viele lohnen, denn sie löst ein Problem von Heimverwaltungen bei der Versorgung von Patienten ebenso wie von vielen chronisch Kranken zu Hause. Alle benötigen sie Arzneimittel. Oft müssen sie zu bestimmten Uhrzeiten verschiedene davon einnehmen. In Krankenhäusern oder Heimen stellen examinierte Pflegekräfte Tages- und Wochenrationen in kleinen Boxen zusammen. Das kostet Zeit, ist nicht immer hygienisch und lässt einigen Raum für menschliche Fehler. Zu Hause wiederum ist beispielsweise ein Parkinson-Patient oder ein an Rheumatiker schnell mit so scheinbar einfachen Dingen wie dem Herausdrücken von Tabletten aus der Verpackung oder der zwingenden Logik der Medikationszeitpunkte überfordert.
Dienstleister lösen dieses Problem für jene Mittel, die sich blistern lassen; Flüssigkeiten und Arzneien nach dem Betäubungsmittelgesetz zählen nicht dazu. Die Tabletten werden für jeden Einnahmezeitpunkt in einer kleinen Packung - dem Blister - zusammengestellt. Dafür gibt es verschiedene Methoden, Marcus Berz hat sich für Schlauchblister und deren automatische Befüllung entschieden. Der Patient bekommt seine Wochenration in einem aufgewickelten Schlauch, der in einem Dispenser genannten Spender steckt. Daraus zieht er die erste Packung, reißt sie ab und auf, entnimmt und nimmt die Pillen. Das Aufreißen der innen beschichteten Polyäthylentütchen geht ohne Fummeln, die Entnahme ist ebenfalls kein Problem - bei stärker eingeschränkten Patienten übernimmt das ohnehin die Pflegekraft. Ist das erste Tagestütchen gezogen, erscheint das nächste mit groß aufgedruckter Einnahmezeit.
Was so einfach klingt, erfordert einigen Aufwand bei der Realisierung. „Solange wir in der Apotheke verblisterten, war der Aufwand etwas geringer“, erinnert sich Marcus Berz. Doch als er diese Arbeit in einen Neubau vor den Toren Hamelns auslagerte, wurde aus der Apotheke plötzlich ein Herstellerbetrieb, für den dieselben aufwendigen Vorschriften wie für die Produktion von Arzneimitteln gelten. So muss die Maschine in einem klimatisierten Reinraum stehen, und allein die Klimaanlage kostete rund 100.000 Euro. Betreten können wir ihn nur im „Tatort“-Overall mit Kapuze, übergestreiften OP-Schuhen (doppelt!) und Mundschutz. Die Maschine selbst ist eher unspektakulär. 400 an Zuckerschütten erinnernde Behälter nehmen chargenrein die häufigsten der rund 1500 verschriebenen Medikamente auf. „Jeder Behälter ist genau so einzustellen, dass er nur jeweils eine einzige der in Form wie Größe unterschiedlichen Tabletten in den Beutel befördert“, erläutert der Gesundheitsökonom. Dieser Schlauchbeutel ist nicht nur mit kryptischen Dingen wie der Chargennummer bedruckt, sondern führt den Inhalt zudem im Klartext nach Form, Farbe und Wirkung auf. Zudem sind Patientendaten bis hin zu Wohnbereich und Zimmer sowie groß und deutlich Tag und Zeit der Einnahme vermerkt.
„Die Maschine arbeitet mit einer Fehlerquote von lediglich 0,03 Prozent“, sagt Berz und zeigt auf einen Hochgeschwindigkeitsscanner, der bisher noch jeden dieser drei Fehler unter 10.000 Blistern vor ihrer Auslieferung gefunden habe. Dafür wird der zu prüfende Schlauchblister zunächst geschüttelt, so dass alle Tabletten nebeneinander zu liegen kommen. Dann schießt eine Hochgeschwindigkeitskamera ein Foto, und eine Software vergleicht jede einzelne Tablette mit dem Referenzfoto des jeweiligen Medikaments. Bei Abweichungen stoppt die Maschine und alarmiert die Mitarbeiter. Die Datensätze bewahrt das Unternehmen Blistercare fünf Jahre lang auf. Abschließend erfolgt noch eine manuelle Kontrolle. Überhaupt geht bei weitem nicht alles automatisch. Schon gleich gar nicht am Start. Denn die Tabletten erhält das Unternehmen nicht etwa lose in großen Trommeln (“Das würde auch zu sehr stauben“, sagt Berz), sondern mehrheitlich in handelsüblichen Großpackungen, wie sie auch über die Apothekertheke gehen. Darin: Tabletten im - Blister! Die müssen die Mitarbeiter - unter einem Abzug, mit Mundschutz und Handschuhen bewehrt - Stück für Stück vorsichtig herausdrücken, um die Behälter für die Maschinen zu füttern.
So anachronistisch, wie das gesamte Gesundheitswesen vor kostenträchtigen Widersinnigkeiten starrt, wo es weniger Gesundheit als Einkommen produziert. Doch des einen Kosten, des anderen Einnahmen. Wenn also etwa Professor Neubauer bei einem Modellprojekt der AOK Bayern bei der patientenindividuellen Arzneimittel-Verblisterung für Bewohner von Pflegeheimen auf eine Ersparnis von fast 31 Euro je Patient und Woche kommt, dann hat das eben zwei Seiten - Ausgaben und Einnahmen. Zumal den Löwenanteil der Ausgaben Krankenhauskosten ausmachen, die bei Fehlern der Zuordnung von Tabletten entstehen oder wenn Patienten mangels Übersicht über den Schachtelberg gänzlich auf die Einnahme verzichten: Das kann ebenso zu stationär behandlungsbedürftigen Erkrankungen führen wie die Einnahme falscher Medikamente.
Berz, der sein Unternehmen im Rahmen der Deutschen Blister Union nach gemeinsam mit deren anderen Mitgliedern festgelegten Arbeitsprozessen und als ausfallsicheres Netzwerk betreibt, spricht von möglichen Einsparungen von bis zu zehn Milliarden Euro durch die verbesserte Therapietreue, zu der wiederum allein die Verblisterung führe. Doch angesichts solcher Summen, die vor allem Krankenhäuser als Minus zu verbuchen hätten, gibt es zweite Meinungen, dritte gar. Sie bewerten zum einen die Effekte deutlich geringer und bezweifeln zum anderen, dass sich dieses „margenschwache Geschäft“ (Marcus Berz) für die Verblisterer überhaupt jemals rechnet. Für die „Pharmazeutische Zeitung“ addieren sich Herstellungskosten der Blister von 1,60 Euro und Mehraufwand von Dienstleistungen durch Apotheken und Ärzte auf eine „kostendeckende Abgabe eines Blisters erst ab 3 Euro“. Dem stünden keine 10 Euro Ersparnis je Woche und Patient gegenüber, die sich direkt dem Verblistern zurechnen lasse. Hauptsächlich profitieren davon die Heime, die sich als Großnachfrager das kostenintensive „Stellen“ der Arzneimittel durch eigene Kräfte ersparen. Derzeit teilen sich Heime, Apotheker, Großhandel und Kassen die Kosten in jeweils individuell ausgehandelten Verträgen. Die „Deutsche Apothekerzeitung“ spricht dabei gar von „Blisterkämpfen“, die schon erste Opfer forderten. Wieviel sich zwischen den Grenzen von knapp 10 und gut 30 Euro je Patient und Woche tatsächlich sparen lässt und auf welchen Seiten Ausgaben wie Einkommen zu buchen sind, kann nur die Praxis zeigen. In jedem Fall wird es allein die Masse machen, und die ist nur durch Automatisierung zu bewältigen. 2500 Patienten kann eine Maschine wöchentlich mit individualisierten Schlauchblistern versorgen. Die erste von Marcus Benz rechnet sich nach seinen Angaben schon. „Und wir haben Platz für sechs weitere.“