Manche Erfahrungen sind erschütternd. Das spürt zum Beispiel, wer mit der Spitzhacke schwungvoll in Erdreich zielt, aber auf Granit trifft. Die hochfrequenten Schwingungen ziehen über Stiel und Arm bis in die Haarwurzeln, der nächste Streich wird dann vorsichtiger ausgeführt. Gesund ist so etwas auf die Dauer nicht.
Warum sollte es den Pferden anders gehen? Seit sie zum Transport verwendet werden, sinnt der Mensch darüber nach, wie er die Hufe vor übermäßigem Abrieb schützen kann, denn militärisch waren Pferde mit platten Füßen nicht zu gebrauchen. Die Ursprünge des Hufeisens liegen im Dunkeln, vermutlich haben es die Kelten erfunden. Das Eisen wird in der Form dem Huf angepasst und von unten befestigt. Dazu verwendet man Nägel, die an der Spitze einseitig angeschrägt sind, damit sie durch die Hufwand nach außen dringen und dort vernietet werden können. Daran hat sich seit 2000 Jahren nichts geändert, und so sind auch die Nachteile geblieben, mit denen der Verschleißschutz erkauft wird. Kein Fachmann bestreitet ernstlich, dass die Erschütterungen auf hartem Boden Gelenke und Sehnen belasten; tatsächlich endet die Arbeitstauglichkeit vieler Pferde vorzeitig wegen Erkrankungen des Bewegungsapparats.
Das ist ein guter Grund, das Ende der Eisenzeit auszurufen und nach Alternativen zu suchen. Unsere Versuchsträger heißen Sómi und Gráni, es sind zwei Islandpferde im besten Alter. Seit 15 Jahren sind sie weg vom Eisen und tragen Hufschutz aus modernem Material. Auf der Suche nach dem optimalen Beschlag haben wir ihnen Produkte von rund einem Dutzend Anbietern aufgenagelt.
Auswahl gibt es genug. Weil die Probleme des Eisens bekannt sind, hat es frühzeitig Versuche gegeben, anderes Material zu verwenden, von Leder über Holz bis hin zu Profilplatten aus Autoreifen. Ein kleiner Durchbruch ist erst in den siebziger Jahren mit den ersten „Hufeisen“ aus Polyurethan (PU) gelungen, einem Thermoplast, das für diese Verwendung einige Vorzüge hat: Es ist mit 100 bis 150 Gramm in kleinen Größen sehr leicht, ein „Eisen“ wiegt etwa 300 Gramm. PU lässt sich in beliebige Formen gießen, mit Heißluft verschweißen, bohren und schneiden. Vor allem aber ähnelt es in seinen Eigenschaften dem Hufhorn und schont deshalb die Gelenke.
Das Interesse der Hufschmiede war freilich anfangs gering; sie waren es gewohnt, Eisen zu erhitzen und mit dem Hammer zu formen. Die jüngere Generation ist da aufgeschlossener. Die Hersteller machen sich aber auf dem noch kleinen Markt gegenseitig die Kunden abspenstig; mit den Jahren sind viele gekommen und wieder verschwunden. Ihre Produkte sind im Grundsatz ähnlich, unterscheiden sich aber in Details. Nach unseren Erfahrungen haben sie die meisten Vorzüge und Nachteile gemein.
So sind sie alle hinten durch einen Steg geschlossen. Das ist für die Stabilität notwendig und willkommen, denn der Steg wirkt wie der Absatz am Stiefel. Am Rand überstehender Kunststoff wird abgeschnitten oder geraspelt. Die Eisen hingegen sind hinten offen, da die Enden nach der Form des Hufes gebogen werden. Falls ein Steg gewünscht wird, muss er angeschweißt werden. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit liefen die Pferde problemlos mit dem Kunststoff, vor allem auf hartem Boden war ihnen das Material spürbar angenehm. Am Ende der Beschlagsperiode von etwa sechs Wochen (dann ist es Zeit für eine Pediküre) hatte sich bei allen Modellen der Huf im hinteren Teil kaum abgenutzt. Das ist ein großer Vorteil gegenüber Eisen, das den Winkel des Hufes zum Boden mit der Zeit spitzer werden lässt; die vom Schmied vorgesehene optimale Stellung geht dabei verloren. Grund ist die Konstruktion des Hufes: Vorn ist er starr, in diesem Bereich wird genagelt. Hinten bewegt sich der Huf beim Aufsetzen auseinander und dämpft so den Stoß. Die Enden rubbeln dabei über das Eisen und nutzen sich viel stärker ab als auf Kunststoff.
Ganz überzeugen konnte uns indessen keines der Modelle. PU ist als Granulat in verschiedenen Härtegraden erhältlich. Wird vom Hersteller eine relativ harte Mischung gewählt, ist es schwierig, die Hufe zu reinigen, außerdem ist die Haftung auf manchen Böden nicht gut. Wenn der Kunststoff weich ist, halten die Nägel schlecht, und das Teil verformt sich mit der Zeit unter dem Huf. Falls das Pferd dazu neigt, sich beim Laufen mit den Hinterhufen den Beschlag vorn abzutreten, ist die weiche Ausführung wiederum im Vorteil, sie gibt nach wie ein Badezimmerschlappen. Hartes PU hält fast so lange wie ein Eisenbeschlag.
Viele PU-Beschläge haben keine Löcher für die Nägel. Das macht sie variabler, der Hersteller kommt dann mit weniger Größen aus. Sie müssen vorgebohrt werden, nachdem der Hufschutz angepasst ist. Dabei hilft es etwas, wenn das Plastik transparent ist, trotzdem kann man verstehen, wenn manche Schmiede die Arbeit nicht gern machen und für den Beschlag mehr verlangen als für Eisen. Sämtliche Modelle habe uns im Winter nicht überzeugt. Der Schnee klumpt in der Öffnung in der Mitte zusammen und bildet einen Ball, das Pferd läuft dann wie auf Eiern. Dieses gefährliche Aufstollen soll nach Angaben der meisten Hersteller mit Kunststoff kaum noch vorkommen. Mit Eisenbeschlag ist es ein guter Grund, bei Schnee und Eis auf das Reiten zu verzichten - es sei denn, der Schmied hat eine Gummilippe untergenagelt, die den Klumpen herausfedert. Für so etwas ist aber im Innenraum der meisten PU-Schlappen kein Platz. Um zu verhindern, dass das Pferd auf rutschigem Boden ausgleitet, bieten die Anbieter Spikes oder Stollen an, die eingeschraubt oder -geklebt werden. Sie hielten allerdings im weichen Material nicht immer. Weniger geeignet ist der Kunststoffbeschlag schließlich für Pferde, die den Fuß beim Aufsetzen drehen. Das sind nicht wenige, auch Sómi neigt dazu. Nach kurzer Zeit rutschte die Außenkante des Hufs über den Beschlag.
Etwas anders konstruiert ist der Öllöv des schwedischen Autozulieferers Halmstad AB, es ist ein mit Hartgummi ummanteltes Eisen. Für die Pferde sind die Öllöv vor allem auf Asphalt höchst komfortabel. Heiter ist deren erste Reaktion auf das gedämpfte „Plopp“ statt des gewohnten „Klack“; seitdem wissen wir, wie ein erstauntes Pferd schaut. Hufschmied Martin Vögele aus Magstadt, der den Öllöv importiert, führt mit Vergnügen Kunden vor, die vom Tierarzt wegen chronischer Lahmheit aufgegeben waren und heute wieder laufen. Ohne Nachteil ist aber auch der Öllöv nicht: Für die Anpassung ist einiges Geschick auf dem Amboss oder ein spezielles Biegegerät notwendig. Es gibt sogar Schraubstollen, die aber nur mühsam anzubringen sind. Wegen des an der Seite überstehenden Gummis - der Hufrand soll auf dem Eisenkern aufsetzen - muss der Öllöv etwas breiter angepasst werden als ein Hufeisen. Unter den Pferden gibt es Spezialisten, die ihn sich deshalb auf der Weide immer wieder selbst abtreten. Suchen lohnt sich in diesem Fall, denn ein Öllöv kostet gut zwölf Euro, etwa viermal so viel wie ein normales Eisen.
Also haben wir es weiter versucht, bis uns vor gut einem Jahr eine Neuentwicklung in die Hände geraten ist. Hubert Frank, ein Hufschmied aus dem niederbayrischen Grainet, hat einen Hufschutz entwickelt, der sämtliche Nachteile der Plastikeisen nicht mehr haben soll. Dazu wurde über Jahre getestet und ein umfangreiches Lastenheft abgearbeitet. Das Ergebnis ist unter dem Namen Duplo für Preise von zehn Euro aufwärts im Handel. Ein relativ weicher Kunststoff wird um eine lasergeschnittene Platte aus Stahlblech im vorderen Teil des Hufschutzes gegossen. Darin finden die Köpfe der Hufnägel guten Halt, der Duplo ist dadurch mit etwa 240 Gramm allerdings auch schwerer als andere Kunststoffbeschläge. Die Nagellöcher sind als Langlöcher quer zum Seitenrand angeordnet, so dass man die Nägel mehr außen oder innen ansetzen kann. Von allen Beschlägen, die wir versucht haben, ist der Duplo am leichtesten anzubringen.
Hinten ist der Beschlag ohne Stahlkern und flexibel. Genial ist die Idee, wie das Verdrehen verhindert werden soll: Am Rand der Oberseite ist ein Profil mit spitzen Noppen aus sehr hartem Kunststoff eingearbeitet, die sich in die Sohle pressen. Der Duplo wird in zwei Formen (oval und rund) in Größen von 102 bis 158 Millimeter angeboten, also noch nicht für ganz kleine und sehr große Hufe. Der Härtegrad „Extra“ ist die Sommervariante, „Standard“ ist der Winterschuh, wahlweise auch mit eingegossenen Gewinden M8 für Stollen. Bei dieser Version wird aus dem weichen Kunststoff eine Lippe um die innere Öffnung des Beschlags gegossen, die das Aufstollen von Schnee oder Matsch verhindern soll. Zu unserer Überraschung funktioniert das. Nach dem Winter ist klar: Das ist für unsere Isländer der ideale Winterreifen. Wenn viel Schnee liegt, laufen Pferde übrigens am besten barfuß. In der Übergangszeit verwenden wir dann anschnallbare Hufschuhe. Aber das ist eine andere Geschichte.
