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Veröffentlicht: 01.03.2014, 09:48 Uhr

Geschichte des Dosenöffner Blech gehabt

Wie kommt man an den Hering mit Tomatensoße? Es geht mit roher Gewalt oder mit schneidigem Know-how. Wir stellen fest: Dosenöffner ist nicht gleich Dosenöffner.

von Fritz Jörn
© Fritz Jörn Ganz schlicht für weniger als 50 Cent: Mit Hebeldruck wird von oben eine Schneide ins Blech gedrückt, unten drehen Flügel ein Transportrad

Napoleon brachte die Sache in Gang. 12.000 Goldfranc versprach er im Jahr 1795 dem Ersten, der ihm Speisen haltbar machen konnte, auf dass seine Soldaten nicht mehr plündern müssten. Der Franzose Nicolas Appert begann 1796 zu experimentieren und gründete 1804 die erste Konservenfabrik der Welt. Flaschen mit Korkverschluss waren seine Lösung, ähnlich den Weckgläsern, die es als solche von „J. Weck u. Co.“ aber erst seit Silvester 1900 gibt. Den Goldpreis bekam Appert 1805 von Napoleon persönlich überreicht.

Durch Aufzählung von „Flaschen oder anderen Glasgefäßen, Tonkrügen, Blech oder anderen Metallen oder überhaupt geeigneten Materialien“ erfand dann 1810 der Engländer Peter Durand endgültig die Konservendose: Patentschriften umfassen immer gern alles. Luftabschluss konserviere die Speisen wie Wein, meinte man - dabei hatte es am Abkochen gelegen. Richtig erkannte das erst Louis Pasteur 1865. Konservendosen waren sofort gefragt bei Heer und Marine; allein die Royal Navy verbrauchte beispielsweise 1818 jährlich 24.000 Dosen.

28170610 © Archiv Vergrößern Den Winkeldosenöffner erfand 1913 der Franzose Darqué. Auf der Patentzeichnung faltbar mit Klappklinge. Erste Einsätze 1932 bei neufundländischen Lachsdosen, später zum militärischen P-38 mutiert

Wie aber drankommen an die konservierten Speisen hinter Blech? An Öffner hatte zunächst keiner gedacht. Die Dosen waren noch recht dick, anfangs gar schwerer als ihr Inhalt. Man murkste mit dem Bajonett an ihnen herum, mit Beil oder Messer, gelegentlich mit einem gezielten Schuss oder laut Anleitung von 1820 „mit Hammer und Meißel“.

Moderne Dosen sind mindestens auf einer Seite durch einen rundum laufenden Rand verschlossen, der aus dem Zusammentreffen von Hülle und Deckel entsteht. In diesem Falz liegen ganze fünf Lagen Blech übereinander, von innen: Deckel, Dose, dann das von unten wieder hochgebogene Ende des Deckels und in dessen Biegung noch das heruntergebogene Ende der Dose, außen abermals Deckelblech. So sind Deckel und Dose verhakt, technisch gesagt „gebördelt“. Damit ist alles dicht und fest. Nirgends steht ein Blechrand vor. Bördeln geht seit 1905 und erspart eventuell das früher stets nötige Zulöten.

Die kleinsten Öffner kommen mit bloßer Daumenkraft aus

Damit sind Dosen am Rand am breitesten und festesten, beim Bördeln wird das Stahlblech auch am stärksten beansprucht. Allerdings werden inzwischen schon Plastikdeckel verarbeitet, damit Mikrowellenstrahlung dort durchgehen kann und sich der Doseninhalt elektromagnetisch erhitzen lässt. Sonst bleibt die Dose ein Faradayscher Käfig. Wird gelötet, so mit möglichst hohem Zinnanteil statt Blei. Seitlich sind Dosen geklebt oder geschweißt. Die Rillen dienen der Versteifung. Genau dort, am Rand also, setzen alle Öffner an. Der Falz ist viel dicker, stabiler und ganz natürlich der Ort zum Aufmachen, weil da ja vorher verschlossen wurde. Richtig geschnitten wird trotzdem stets immer nur eine Schicht Blech.

28170601 © Archiv Vergrößern Von Militärrationen und Care-Paketen bekannt: P-38, Patent von 1946

Die ersten Dosenöffner waren bessere Aufhebelhaken, eiserne Spieße, die sich aber schon am Rand abstützten. Ein Zinken war die Schneide, der zweite hielt sich recht oder schlecht am Rand fest. Schritt für Schritt musste man 1855 den ersten Öffner von Robert Yeates den Rand entlanghebeln, wie beim Löffeln von unten nach oben, und mehr als eine seitliche Metallklaue hielt ihn nicht fest, außen am unteren Ende des Rands. Im amerikanischen Bürgerkrieg wurden 1861 zu Corned- und Bully-Beef genannten Rindfleischdosen passende gusseiserne Stierkopfbüchsenöffner mitgegeben, „Bull-heads“. Mit einer Art Horn stieß man mit dem Stierkopf erst einmal ein Loch in den Deckel. Dann schob man die Schneide - den Unterkiefer des Stierkopfs - in die Dose; der breite Kopf verhinderte zu tiefes Eindringen. Sodann hebelte man ein Stück Dose auf. Danach schob man den Öffner wieder ein Stück weiter vor, und schnitt wieder ein wenig vom Deckel von unten auf. So knabberte und knibbelte man weiter, bis sich der Deckel aufklappen ließ.

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