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Veröffentlicht: 30.07.2009, 12:00 Uhr

Geschichte der Schreibmaschine Das Schreibzeug arbeitet mit an den Gedanken

Vervielfältigung gleich unterm Schreiben - der Wunsch danach ist eine erste Triebfeder zur Erfindung der Schreibmaschine. Ein Blick auf ihre Geschichte und die Technik dahinter.

von Nils Schiffhauer
© F.A.Z./Rüchel Das war der Fortschritt: Der Kugelkopf elektrischer Schreibmaschinen des vergangenen Jahrhunderts war wechselbar

Im Mittelpunkt steht die IBM 72. Diese erste Kugelkopfschreibmaschine ist umstellt von namhaften Klassikern, doch immer wieder rückt das Fototeam eine bestimmte Schreibmaschine aus dem Blickfeld. Die Amerikaner waren nach Bayreuth ins Deutsche Schreibmaschinenmuseum gekommen, um für ein Werbefoto ihre erste Kugelkopfschreibmaschine ins rechte Licht zu rücken. Hans Gebhardt, der das Museum noch heute mit großem Engagement leitet, erinnert sich gut daran, an 1961: „In den Kreis der alten Maschinen schob ich auch die Mignon, ab etwa 1904 von der AEG hergestellt. Aber die wollten die Herren nicht.“

Denn dass sie über eine Walze Buchstaben, Ziffern und Zeichen auf das Papier brachte, sah der IBM 72, dem späteren Sekretärinnentraum, schon recht ähnlich. Dieses Aha-Erlebnis aber hätten die Herren aus Amerika sogar im eigenen Lande haben können: George C. Blickensderfer baute seinen ersten Kugelkopf mit 84 Zeichen, der im „Model 5“ Verwendung fand, schon 1893. Heute sind Schreibmaschinen ein beinahe abgeschlossenes Sammelgebiet. Die Computertastatur ersetzte mechanisches oder elektromotorisches Schreiben, durch ihre Technik wirft die beliebige Vervielfältigung und via Internet die sofortige weltweite Verbreitung keine Probleme mehr auf.

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Vorerfindungen und Basteleien

Wer der Geschichte der Schreibmaschine nachspürt, verfängt sich in einem Myzel von Vorerfindungen und Basteleien, aus denen sich erst allmählich Ende des 19. Jahrhunderts etwas herausschält, mit dem selbst der Eingeborene aus dem Lande Digitalien sofort einen Brief schreiben könnte. 1714 erhielt der Engländer Henry Hill das erste Patent auf eine Schreibmaschine, die nach einer lang-schmerzvollen Entwicklung die Druckerei auf dem Schreibtisch versprach.

IBM Kugelkopf Schreibmaschine © F.A.Z./Rüchel Vergrößern Immer wieder IBM: Kugelkopfmaschinen aus alten Zeiten

Weder auf Papier noch auf Pergament getippt, sollten sich die „geschmackvollen und exakten Buchstaben“ von denen des Buchdrucks unterscheiden. Bis es aber wirklich so weit war, vergingen beinahe 250 Jahre. Ebenso wirkungslos verpufften zunächst weitere englische und amerikanische Anmeldungen. Womöglich überstieg die Tatkraft der Fummler das Vorstellungsvermögen zukünftiger Nutzer.

Eine sinnvolle Anwendung

Aber es ist wie bei einem anschwellenden Chor, bei dem das zunehmende Flüstern von Einzelstimmen auf einmal Melodie annimmt. Katalysator war, nicht nur ein feinmechanisches Kunstwerk anzubieten, sondern zugleich eine sinnvolle Anwendung. 1843 ließ Charles Thurber eine Druckmaschine „für Blinde und Krüppel“ patentieren. Zwar blieb die schwerfällige Konstruktion eine niemals ausgeführte Idee, jedoch war endlich eine dankbare Zielgruppe gefunden. Ein Jahr später stellt ein Mr. Littledale in England seine Schreibmaschine vor, die man sich wie den Setzkasten der Kinderpost zu denken hat.

Schon um 1850 nehmen die ersten amerikanischen Maschinen Anleihen beim Klavier auf. Die Buchstaben der Maschine von Charles Wheatstone finden 1851 über eine Tastatur auf einen wie beim Morseschreiber fortlaufenden Papierstreifen, während der Arzt Samuel Ward Francis mit seinem ähnlich zu bedienenden Modell schon ein Blatt beschreibt. Der Südtiroler Zimmermann und Bauchredner Peter Mitterhofer baute ab 1864 mehrere Holzmodelle, deren dreireihige Tastatur die Buchstaben von etwa sechs Millimeter Höhe aus Nadelstichen zusammensetzte.

Nietzsche schafft sich die Skrivekugle an

Wer die Idee einer flüssigen Handschrift und erst recht von Zeitungs- und Buchdruck neben derartige Ergebnisse rückt, der kann diese Maschinen nur für Schreibprothesen halten. Genau damit aber hatte der dänische Pastor Malling Hansen 1869 mit seiner Schreibkugel Erfolg. Zehn Jahre später plante der sich als „Siebenachtel-Blinder“ sehende Friedrich Nietzsche die Anschaffung dieser Skrivekugle, die ihn mit 400 Mark das Doppelte seiner monatlichen Professorenpension kosten sollte. Drei Jahre später trifft sie schwer beschädigt in Genua ein, sei „delicat wie ein kleiner Hund und macht viel Noth“, wie er in den Großbuchstaben in die Tasten auf das darunterliegende Papier hämmert. Die Kugel läuft nicht rund. Wegen notwendiger Korrekturen erweist sie sich „zunächst angreifender als irgendwelches Schreiben“. Doch Nietzsche entwickelt einen konzentrierten Telegrammstil, an dem die Maschine nicht unbeträchtlichen Anteil hat, wie er in einem Brief auf ebenjener Maschine Anfang 1882 tippt: „Das Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“

Das Schreibzeug tat sich da noch ziemlich schwer. Die Halbkugel trug die Tasten wie der Käseigel seine Zahnstocher. Die Anordnung der Zeichen ermittelte Malling-Hansen anhand von Versuchen, die zu seiner Idealtastatur mit den Vokalen auf der linken und den Konsonanten auf der rechten Seite führte. Die Typen waren, da sie das Papier durch ein Farbband ja aus unterschiedlichen Richtungen treffen, entsprechend verzerrt geschnitten. Sie schlagen auf das Papier, hinter dem als Gegenhalter ein Amboss plaziert ist. „Erst mit dem Anschlag auf diesen Amboss“, sagt Dieter Eberwein, der Nietzsches Modell genauestens untersucht hat, „kann der pendelnd aufgehängte Oberbau eine Schaltklinke auslösen, die den gewölbten Papierrahmen um Buchstabenbreite weiterrückte.“ Schnellschreiber schafften mit dieser Konstruktion bis zu 900 Buchstaben je Minute, die spätere Maschinen mit Gelenkhebeln und Segmentführung aus technischen Gründen gar nicht erreichen konnten. Doch das Tippen war kräftezehrend. Nur mit der Kraft von jeweils 600 Gramm kam der Buchstabe aufs Papier, und die Zeilenschaltung erforderte den Druck eines Kilogramms.

Das höhere Schreibtempo begeisterte

Wenngleich Nietzsche sein derartiges Philosophieren mit dem Hammer deshalb nach wenigen Wochen und 33 610 Anschlägen beendete, so kam die Skrivekugle in Büros an. Vor allem in Amerika, dem Land der Beschleunigung, das sich für das höhere Schreibtempo begeisterte. Dort ließen zwei Erfinder, die Buchdrucker Sholes und Soule, ihre Maschine ab 1873 beim Rüstungsunternehmen Remington fertigen, das sich nach Ende des Bürgerkrieges nach anderen Standbeinen umsehen musste. Die Remington 1 fand Platz auf einem Nähmaschinentisch, wobei das Fußpedal den Zeilenschalter betätigte. Die Schreibmaschine wurde weiblich. Vor allem, indem sie den Beruf der Sekretärin begründete. Schon 1880 waren 40 von hundert - statistisch zusammengefassten - Stenographen und Maschinenschreiber in Nordamerika Frauen. Und für die Frauen bedeutete die Schreibmaschine ein Werkzeug der Emanzipation; einer dauerhaften Arbeits- und Verdienstmöglichkeit, die über das Granatendrehen in Kriegszeiten hinausging.

Flink entwickelte sich die Zehnfingermethode, die mit Frank E. McGurrin 1878 einen frühen Vater hatte, aber in der „All Finger Method“ von Mrs. Longley aus Cincinnati eine langnährende Amme erhielt. Die Schreibmaschinen jener Jahre boten derart flüssiges Tippen, dass Schriftsteller wie Mark Twain sie statt des Federkiels nutzten. Das Versprechen der Maschine, dreimal schneller als der Füllfederhalter zu sein, erfüllte sich zudem mit einer standardisierten Anordnung der bald neben Groß- durch Umschalten erreichbaren Kleinbuchstaben auf einer Universaltastatur, die mit den Folgen QWERTY (anglophon), QWERTZ (deutsch) und AZERTY (frankophon) der ersten sechs Buchstaben schon größere Allgemeingültigkeit als Steckdosen erreicht hat.

Wie jeder technische Gegenstand hatte die Schreibmaschine ebenfalls das Ziel, kleiner, leichter, schneller und leiser zu werden. Die erste Revolution war jedoch, dass „alles Geschriebene fortwährend sichtbar“ wurde, wie es 1890 in der Werbung für die Munson 1 hieß, denn es gab noch viele Modelle, bei denen das Papier unsichtbar von unten angeschlagen wurde. Doch langsam mendelte sich aus der zwischen 1873 und 1914 gezählten Vielfalt von 180 verschiedenen Modellen ein Erscheinungsbild heraus, für das die Underwood 1896 Pate stand. Zeigerschreibmaschinen wie die Mignon blieben die Ausnahme, obwohl damit - wir haben es im Deutschen Schreibmaschinenmuseum ausprobiert - schon nach kurzer Übung einigermaßen flott zu schreiben ist. Dieses zierliche Gerät erscheint beinahe schon als Gegenstück zum Laptop der Computerwelt. Elegante Reiseschreibmaschinen wie die schweizerische Patria von 1937 waren unter ihresgleichen das, was heute ein Macbook Air unter den Laptops ist.

„Das Echolot wäre ohne Computer nicht entstanden.“

Die Handarbeit an der Maschine ist in der Evolution des Menschen nicht vorgesehen, der mit verschiedenen Schädigungen in Handgelenk und Wirbelsäule reagiert. James F. Smathers zielt daher 1913 in seiner Patentanmeldung einer elektrischen Schreibmaschine darauf, dass sie die Ermüdung mildere und dank eines gleichmäßigen Anschlages ein gefälligeres Schriftbild produziere. Edisons ähnlicher Vorschlag kam 1872 zu früh, und Smathers musste sieben Jahre warten, bis ab 1920 die elektrische Schreibmaschine einen langsamen Aufstieg in die Büros nahm.

Zur letzten Angstblüte verhalf der mechanischen Technik 1969 der italienische Designer Ettore Sottass, als Olivetti mit seiner Reiseschreibmaschine Valentine seine Designikone auf den Markt brachte. Bald darauf gingen Tastatur und Drucker getrennte Wege, die der Computer verband. Nadel- und Typenradprinter sind hier Stufen, die schon bei den Schreibmaschinen zu beobachten waren. Die Dichter und Denker taten sich damit schwerer als noch Heinrich Böll auf seiner „Corona“. Ausgerechnet der konservative Kempowski jedoch hatte schon früh den Bogen raus: „Das Echolot wäre ohne Computer nicht entstanden.“ Um hinzuzufügen, welche Schweißausbrüche er erlebte, wenn Texte im Orkus von Disketten und Festplatten verschwanden - der nun die Schreibmaschinen in sich aufgenommen hat.

No Noreply

Von Michael Spehr

Einer der fleißigsten E-Mail-Versender hat stets dieselbe Absenderadresse: Noreply. Er arbeitet zudem in unterschiedlichen und nahezu allen deutschen Unternehmen. Mehr 3 24

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