Am Sonntag stellten Arbeiter fest, dass unterhalb der Elgin-Förderplattform in der Nordsee unkontrolliert Gas austritt. Am Donnerstag war noch immer nicht klar, wo genau und in welchen Mengen es entweicht. Die Förderanlage und die Produktionsplattform „PUQ“ (Process, Utility, Quarters), die über eine knapp 100 Meter lange Stahlbrücke zu erreichen ist, stehen in der an dieser Stelle knapp 100 Meter tiefen Nordsee, rund 240 Kilometer östlich von Aberdeen.
Von hier und von anderen Plattformen aus, die einige Kilometer entfernt stehen, werden die Vorkommen „Elgin“ und „Franklin“ ausgebeutet. Sie liegen in einer Tiefe von bis zu sechs Kilometer unterhalb des Meeresbodens, wo Temperaturen von knapp 200 Grad und Drücke von mehr als 1000 bar herrschen. Daher strömt nicht Gas, sondern Gaskondensat nach oben, das sich in der Atmosphäre verflüchtigt. Auf der Produktionsplattform wird das Kondensat von Verunreinigungen wie Schwefelwasserstoff und Kohlendioxid gesäubert und über eine von BP betriebene Leitung nach Kinnell in Schottland transportiert. In der Aufbereitungsanlage wurden jeden Tag neun Millionen Kubikmeter Gas verarbeitet. Zudem wurden pro Tag 60.000 Barrel Leichtöl gewonnen.
„Gasfackel“ lodert noch immer
Sechs Förderleitungen führen von der Elgin-Plattform in das Vorkommen. Sie sind unterschiedlich ergiebig. Mit verschiedenen Maßnahmen - etwa durch das Hineinpumpen von Wasser - versucht man, die Förderleistung über einen möglichst langen Zeitraum zu stabilisieren. Erst wenn die Ausbeute zu gering ist und damit der Aufwand, die Förderleitung weiter zu betreiben, zu groß wird, klemmt man sie ab. Dazu wird die Förderleitung versiegelt, indem man Zementbrei in das obere Ende des Bohrrohrs („long string“) pumpt.
Genau das hat man, so ist zu hören, bei dem jetzt undicht gewordenen Bohrloch schon vor rund einem Jahr getan. Alles spricht also dafür, dass diese Versiegelung aufgebrochen ist. Doch wo genau dieses Leck entstand, ist noch nicht geklärt. Das werden erst die Untersuchungen zeigen, mit denen man unter größten Sicherheitsvorkehrungen möglichst rasch beginnen will. So hat man das Überwachungsschiff „Highland Fortress“ an die Plattform herangebracht, um mit einem auf dem Schiff mitgeführten ferngesteuerten Mini-U-Boot Unterwasseraufnahmen machen zu können. Vorsicht ist vor allem deshalb geboten, weil auf der Produktionsplattform noch immer die „Gasfackel“ lodert, mit der die aus dem Gas entfernten Störanteile verbrannt werden.
Dass man die Fackel bislang nicht gelöscht hat, könnte daran liegen, dass sie für den Druckausgleich eine wichtige Rolle spielt. Für den Gasaustritt sind auch andere Ursachen denkbar. So könnte die Versiegelung zwischen Förderrohr und Schutzrohr („casing“) aufgebrochen sein. Oder der „Propfen“ im Bohrloch selbst hat versagt, und zudem war das am Kopf der Förderleitung möglicherweise noch immer angebrachte Sicherheitsventil defekt. Dieser „Blowout Preventer“ (BOP) soll unkontrolliert ausströmendes Gas und Öl stoppen. Dazu ist es mit mehreren Schiebern ausgestattet, die autonom arbeiten. Sie holen die für das Abklemmen des Förderrohrs notwendige Energie aus vorgespannten Hydraulik-Akkus. Das Versagen eines BOP-Ventils war Auslöser der Explosion auf der Öl-Plattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko vor knapp zwei Jahren, bei der elf Arbeiter ums Leben kamen.
Das Unglück rief die größte Umweltkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Saaten hervor. Das austretende Öl konnte damals erst nach Monaten durch eine Entlastungsbohrung gestoppt werden - eine Maßnahme, die man jetzt auch für den Elgin-Unfall erwägt. Dabei ist der Begriff Entlastungsbohrung missverständlich, hat man doch im Golf von Mexiko nicht das Ölvorkommen direkt „angestochen“, um durch einen zusätzlich niedergebrachten Rohrstrang Öl zu entnehmen und so den Druck in der Lagerstätte zu verringern. Das dürfte auch im Elgin-Vorkommen nicht funktionieren, es sei denn, der havarierte Bohrstrang führt in eine „Seitenkammer“ der Lagerstätte, die rasch versiegt.
Angriff von unten
Welche Optionen gibt es also? Vieles spricht dafür, genau wie im Golf von Mexiko vorzugehen und mit einer Hilfsbohrung das havarierte Förderrohr möglichst weit unten anzuschneiden, um so in das Steigrohr unter hohem Druck große Mengen Zementbrei zu pumpen. Diesem Brei gibt man Schwerspat (Bariumsulfat) oder Hämatit (Eisenoxid) zu, um ihn schwer zu machen, so dass er dem aufsteigenden Gaskondensat einen möglichst großen Widerstand entgegensetzt. Dieser Materialcocktail wird anfangs mitgerissen, und zwar so lange, bis sich im Bohrloch ein mehrere hundert Meter langer Pfropfen gebildet hat, der schwer genug ist, dem Druck der Lagerstätte Widerstand zu leisten.
Mit diesem Angriff von unten („Bottom Kill“) konnten in der Vergangenheit schon mehrmals außer Kontrolle geratende Bohrlöcher erfolgreich gestopft werden. So ist es mit der heute verfügbaren Technik möglich, ein nur wenige Zentimeter starkes Stahlrohr mit einer Hilfsbohrung selbst in einer Tiefe von einigen tausend Metern präzise zu treffen - und mit einer Fräse zu öffnen. Doch das dauert. Mehrere Monate würden benötigt, um das Förderrohr tief unterhalb der Elgin-Plattform zu erreichen.
Daher wird man sicher auch die Methode „Top Kill“ in Erwägung ziehen. Hier versucht man, in das obere Ende der Förderleitung Schlamm, Beton und etwa auch Steine und geschredderte Reifen zu pressen. Das ist bei dem großen Druck des ausströmenden Gaskondensats nicht einfach. Alle Versuche, den Ölfluss von oben aus in den Griff zu bekommen, waren im Golf von Mexiko mehr oder weniger gescheitert. Damals hatte es erst das Aufsetzen einer viele Tonnen schweren stählernen Haube ermöglicht, einen Teil des weiter ausströmenden Öls über Leitungen an die Meeresoberfläche zu schicken, wo es von Schiffen aufgenommen wurde.
Vielen Dank
Thomas Ulherr (T.J.Ulherr)
- 30.03.2012, 09:57 Uhr
