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Veröffentlicht: 27.03.2013, 13:06 Uhr

Flughafen Kassel Na also, fliegt doch

In Kassel wird Anfang April ein neuer Flughafen eröffnet - fristgerecht. Die Geschichte eines Großprojekts ohne Theater, Pleiten und Pannen.

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© Daniel Pilar Verkehrte Welt: Baufahrzeuge rollen, Kofferkulis stehen still. Das soll sich am 4. April ändern

Neben einem Gepäckförderband nehmen die Luftsicherheitsassistenten ihren Arbeitsvertrag in Empfang. Für eine junge Frau ist es der Weg aus der Arbeitslosigkeit in eine Beschäftigung. Triumphierend reißt sie das Dokument wie einen Pokal empor. Doch ein Gongschlag gilt nicht ihrem Erfolg: „Reisende nach Split werden gebeten, sich umgehend zum Flugsteig zu begeben.“ Eine Gruppe setzt sich in Bewegung, obwohl auf dem Vorfeld keine Flugzeuge stehen, sondern ein Bus und ein Gestell aus Metall. Der Bus simuliert die Kabine des Flugzeugs, das Gestell das Flugzeug mit seinen Tankanschlüssen und den Stutzen für Frisch- und Abwasser. Es ist März, und am 4. April 2103 soll der neu gebaute Flughafen Kassel im Vorort Calden in Betrieb gehen. Hier wird geübt.

Die Reisenden in den blauen Westen sind Freiwillige. 10.000 haben sich gemeldet. Thomas Uihlein findet die Zahl unglaublich. Sie spreche für das Projekt. Uihlein kommt von der Fraport AG und leitet das „Operational Readyness-Team“. Seit Mitte Januar wird an jedem Dienstag und Donnerstag mit dem Personal, der Feuerwehr, den Beamten von Polizei und Zoll und den Freiwilligen geprobt: An- und Abflüge, das Eintreffen von Reisenden mit Verdacht auf eine gefährliche Infektionskrankheit, der Abbruch von Flügen. Rollstuhlfahrer zwängen sich durch die Reihen, und zwei betrunkene Mallorca-Urlauber wollen sich mit nur einer Bord-Karte Zutritt zum Flugzeug verschaffen.

Draußen wirbeln Lastwagen Staub auf. „Der Winter hat uns sechs Wochen ausgebremst“, sagt Fred Haschler, Oberbauleiter von Bickhardt Bau: „Vor allem die achte und neunte Woche haben uns richtig wehgetan, denn die Deckschicht aus Asphalt kann nur bei Plusgraden aufgetragen werden.“ Das Unternehmen aus dem nordhessischen Kirchheim hat in diversen Arbeitsgemeinschaften mit dem Kasseler Bauunternehmen Hermanns HTI Bau 80 Prozent des Flughafens erstellt. Bickhardt hat Erfahrung im Pistenbau. Die Formel-1-Strecken von Hockenheim über Abu Dhabi bis Korea haben die Hessen gebaut.

Eine „Choreographie des Walzentanzes“

Vor zwei Jahren war das Baufeld für den neuen Verkehrsflughafen Europas größte Erdbaustelle. Von März bis Dezember 2011 haben 150 Bauleute sechs Millionen Kubikmeter Erde bewegt. In der Spitze waren es auf der gesamten Baustelle 500 Leute. Material, das im Westen abgetragen worden war, wurde im Osten aufgetragen, um das Gelände der neuen 2500 Meter langen und 45 Meter breiten Start- und Landebahn, die Vorfelder und das Rollwegesystem zu nivellieren. Der Standardbagger hatte einen Löffelinhalt von 4,5 Kubikmeter. Knapp 20 dieser Maschinen haben 55 Volvo-Dumper sowie fünf Schwerlastkraftwagen mit 80 Tonnen Zuladung und einem Gesamtgewicht von 120 Tonnen beladen.

Flughafen Kassel-Calden - Der Regionalflughafen in Nordhessen  ist für für fast 300 Millionen Euro ausgebaut und erweitert worden und steht kurz vor der Fertigstellung Zwei Handwerker legen den letzten Schliff an © Daniel Pilar Bilderstrecke 

In einer Minute war der Lastwagen voll, nach sechs bis sieben Minuten stand er wieder leer am Bagger. „Geschwindigkeit ist alles“, sagt Haschler. Der Ablauf war getaktet, und der Arbeitstag hatte zehn Stunden. An jedem Tag wurden 60.000 Kubikmeter Erde bewegt und 50.000 Liter Diesel in die Tanks der Fahrzeuge gepumpt. 18 Kilometer Kanalrohre mit einem Durchmesser von 30 bis 140 Zentimeter wurden eingelassen, acht Kilometer Schlitzrinnen im Beton zur Ableitung von Niederschlagswasser gezogen, 600 Kabelschächte monolithisch aus Beton gebaut und 180 Kilometer Kabellehrrohrtrasse verlegt.

Im März 2012 begann der Bau der Flugbetriebsflächen: 50 Zentimeter Frostschutzschicht aus gebrochenem Mineralgemisch vom Steinbruch nebenan kamen auf die Piste, darauf 20 Zentimeter hydraulisch gebundene Tragschicht aus magerem Beton und schließlich auf der Start- und Landebahn ein 30 Zentimeter starkes Asphaltpaket. Sechs Walzen von acht bis zehn Tonnen Eigengewicht trugen den Asphalt in einer speziellen „Choreographie des Walzentanzes“ auf. „Unabdingbar für die Qualität ist der gleichmäßige Asphaltfluss“, sagt Haschler. Der Asphalt wird mit mindestens 160 Grad Celsius verbaut. Darum hat seine Firma am Flughafen eine Asphaltmischanlage aus mobilen Komponenten errichtet. Lastwagenanhänger mit Öfen, Gas und den Zutaten des Bodenbelags sind übereinander gestapelt oder hochkant gestellt und zu einer Fabrik verschraubt wie im Playmobilland.

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