27.08.2009 · Fußball ist der pure Stress für einen Sportrasen. An der regelmäßigen Auffrischung des Spielfeldes kommt deshalb kein Stadion vorbei. Die Lösung für dieses Dilemma heißt Rollrasen. Forschung, Entwicklung und Technik rund um den Fertigrasen.
Von Peter ThomasEr wird getreten und gequetscht, muss Sprints und Vollbremsungen mit Stollenschuhen aushalten: Fußball ist der pure Stress für einen Sportrasen. „Noch stärker wird er wahrscheinlich nur auf einer Pferderennbahn strapaziert“, sagt Klaus Müller-Beck. Der Vorsitzende der Deutschen Rasengesellschaft hat seine Doktorarbeit über die Belastung des Grüns auf Plätzen der ersten und zweiten Bundesliga geschrieben. Und 2006 gehörte er zur Expertenrunde aus fünf Fachleuten, die den Fußballrasen für die Weltmeisterschaft mischte.
Rasen ist der beste Belag für ein Fußballfeld. Die Platzwarte, mittlerweile heißen sie auch im Fußballstadion Greenkeeper, machen deshalb dem Gras das Leben in der Zeit zwischen den Spielen so angenehm wie möglich. „Beim HSV in Hamburg lässt der Greenkeeper die Halme sogar mit handgeführten Rasenmähern stutzen“, weiß man bei Landmaschinenhersteller John Deere: Das reduziere den Bodendruck im Vergleich zu Aufsitzrasenmähern. Und weil die Handmäher wie ihre großen Kollegen mit einem Spindelmähwerk ausgestattet sind, erzeugt die Mahd auch das charakteristische Streifenmuster auf dem Platz. Dieser Dialog aus Hell- und Dunkelgrün entsteht, indem die Gräser beim Mähdurchgang mit wechselnder Richtung unterschiedlich geneigt werden.
Längst hat sich in Erstliga-Stadien außerdem die Rasenheizung etabliert
Fußballrasen wird regelmäßig gemäht, vertikutiert, gewässert, gedüngt, belüftet und gesandet. Längst hat sich in Erstliga-Stadien außerdem die Rasenheizung etabliert. Irgendwann ist das Gras aber bei aller guten Betreuung hinüber. Das geschieht in modernen Arenen schneller als in alten Stadien. Denn die überdachten Fußballpaläste mit ihren steilen Rängen bieten zwar dem Publikum Wetterschutz und gute Sicht aufs Spielfeld. Dafür bekommt der Rasen aber weniger Licht und Luft zum Wachsen als früher. Die Veltins-Arena von Schalke 04 besitzt deshalb als einziges Bundesliga-Stadion sogar eine 118 Meter lange und 79 Meter breite Wanne, in der das Spielfeld zum Sonnenbad 340 Meter weit ins Freie gefahren werden kann.
An der regelmäßigen Auffrischung des Spielfeldes kommt dennoch kein Stadion vorbei. Die Lösung für dieses Dilemma heißt Rollrasen. „Das ist längst Standard in den Liga-Stadien“, sagt Müller-Beck, und „es gibt keine Jahreszeit mehr, in der kein Fertigrasen verlegt werden kann“. Wenn Rollrasen auf ein Spielfeld kommt, entspricht er der „Regel-Saatgut-Mischung 3.1, Sportrasen - Neuanlage“ (RSM 3.1) - das gilt für Erstliga-Stadien genauso wie für Fußballplätze in Stadt und Land. Diese Mixtur besteht aus zwei Sorten des Ausdauernden Weidelgrases (Lolium perenne) und drei Sorten der Wiesenrispe (Poa pratensis).
Die Bahnen liegen am Stoß absolut plan
Noch ein Tag bis zum Start der Bundesligasaison. Nils Roth streicht zufrieden mit der Hand über das weiche Gras der Frankfurter Commerzbank-Arena. Gerade erst hat die Verlegemaschine des Spezialunternehmens Büchner Fertigrasen aus Alsbach-Hähnlein die 1,20 Meter breiten Grassoden ausgebracht. Die Bahnen liegen am Stoß absolut plan - das sei immens wichtig, erklärt Roth, Greenkeeper in Frankfurt. Auch deshalb entscheide sich die Arena nicht für die Maxi-Version von 2,40 Meter Breite: Kleine Korrekturen beim Verlegen lassen sich an der 120-Zentimeter-Sode leichter bewerkstelligen als am doppelt so breiten Belag.
Ortstermin auf den Rasenfeldern, wo das Gras wächst: Vor dem großen Deutz-Traktor, den Mike Gursch früh am Morgen über die Anbaufläche von „Rasenpartner Erlenhof“ in Ginsheim-Gustavsburg steuert, liegt erntereifer Fußballrasen. Die Rasenpartner schälen ihre Soden nicht im Bundesliga-Format, sondern bereiten handlichere Portionen zu, die maximal halb so breit und auch deutlich kürzer sind. Die Technik der Ernte ist jedoch die gleiche: Ein oszillierendes Messer trennt den Rasen vom Boden, ein Laufband nimmt die Sode auf, schließlich wird sie zusammengerollt und abgelegt. Der große Unterschied zum Rasen für die Großstadien liegt in der Dicke: Nur 15 bis 25 Millimeter stark sind die Soden, die auf den Feldern in der Nähe von Mainz geerntet werden, erklärt Rasenfachmann Gursch. Diese dünnere Schicht wächst sehr gut an, braucht aber eine Eingewöhnungszeit auf dem Platz - so sollte zum Beispiel erst nach fünf bis sieben Tagen gemäht werden.
Fast vier Zentimeter dick ist deshalb der Rollrasen
So viel Zeit haben Erstliga-Clubs nicht immer. Fast vier Zentimeter dick ist deshalb der Rollrasen, den Eberhard Koepper, Technischer Leiter von Büchner Fertigrasen, ausbringt. Der Rasen ist früh am Morgen auf den Feldern in Südhessen geschält und mit Sattelschleppern nach Frankfurt gebracht worden. Dabei ist eine sogenannte Dicksode von 38 Millimeter Stärke geschnitten worden. Auf diesem satten Grasteppich kann bei Bedarf schon am Tag nach dem Verlegen wieder gespielt werden, erklärt der Ingenieur für Landschaftspflege.
Der Boden unter dem Dach der Eintracht-Spielstätte ist erst zur Hälfte mit Grün bedeckt, der Rest zeigt die blanke Erde. Anfang der Woche haben große Maschinen den alten Belag abgefräst, der zuletzt zum viertägigen Besuch des Dalai Lama weich unter den Füßen von rund 50000 Besuchern lag. Nun rollt die Verlegemaschine der Marke Trilo in Längsrichtung über das Eintracht-Spielfeld, und mit jedem Durchgang wächst die Rasenfläche um 1,20 Meter. Ein Radlader mit dicken Ballonreifen rollt über das Spielfeld und bringt eine neue, rund 900 Kilogramm schwere Rolle. Jedes dieser Graspakete besteht aus einem Kunststoffrohr, um das die 13 Meter lange Bahn beim Schälen gewickelt wurde.
Läuft vor der Maschine her und nimmt das Netz ab
Mario Scholz, Auszubildender zum Landschafts- und Gartenbauer bei Büchner, läuft vor der Maschine her und nimmt das Netz ab, mit dem die Rasenbahn für den Transport stabilisiert worden ist. Dann folgt die Verlegemaschine, die Eberhard Koepper zentimetergenau über das Spielfeld steuert. Die Vorderachse der Maschine ist als Gummiradwalze ausgebildet und drückt den neuen Rasen in den vorbereiteten Boden, gesteuert wird über eine Knicklenkung. Gleich nach der Verlegemannschaft folgen zwei Männer, die mit dem Rechen die Bahn noch minimal nachjustieren, dann wird sofort gewässert.
Reichlich Maschineneinsatz braucht auch der Rasenanbau: Fünf Mähwerke mit jeweils drei rotierenden Messern senken sich in Ginsheim auf das dichte Grün, das Mike Gursch zurechtstutzt. Mindestens jeden zweiten Tag werden die Anbauflächen nachgeschnitten. „Das ist die wichtigste Pflegemaßnahme überhaupt für einen dichten Rasenwuchs“, sagt der Mann im weißen T-Shirt. Außerdem wird unter anderem gewalzt und gedüngt - klassische Schädlinge gibt es zum Glück nicht in der Rasenkultur. Was das Gras zum Wachsen neben dem regelmäßigen Schnitt aber besonders dringend braucht, das machen die großen Beregnungsmaschinen deutlich, die am Rand der Anbaufläche warten - reichlich Wasser.
Beim ersten Heimspiel der neuen Bundesliga-Saison gegen Nürnberg lag der neue Rasen komplett verlegt als saftiges Grün zwischen den leeren Rängen der Commerzbank-Arena. Zufrieden nehmen Stadionbetreiber und Lieferanten das Werk in Augenschein. Mit diesem Tag ist eine Planungs- und Vorbereitungsphase von gut einem halben Jahr erfolgreich abgeschlossen, die Saison konnte beginnen.