22.04.2007 · Frühling, Fahrrad, Fehlentscheidung? Warum soll man sich ein Rad eigentlich nicht wie ein Paar schicke Schuhe kaufen? Mit Lust eben noch eins - einfach, um sich was Gutes zu tun.
Von Hans-Heinrich PardeyWir sind ja so etwas von rundrum gut beraten, dass wir uns zwischen den vielen Rankings, den Prüfsiegeln und Testsiegern kaum mehr entscheiden können. Wer wagt es denn noch, eine mobile Festplatte zu erstehen ohne den Segen eines fachredaktionellen „Kauftipps“ oder wenigstens mit der Stiftung Warentest im Rücken? Frühling, Fahrradkauf?
Nicht dran zu denken ohne längere Evaluationsphase und ein halbjähriges Studium von Vergleichstests. Es wird doch glatt über den Tisch gezogen, wer nicht mal den Unterschied zwischen Shimanos SG-BR20 und SG-BR25-VS begriffen hat. Mit Schuhen ist das viel einfacher, da schlendert man samstags einfach mal an ein paar Schaufenstern lang. Genau daran hängt es: Es gibt viel mehr Schuhgeschäfte als Schaufenster mit Fahrrädern. Also, Punkt eins: Wir suchen uns den richtigen Laden.
Das Richtige tun
Nein, nicht den Kaffeeausschank mit Fitness-Frühlingsprogramm, keinen Schnäppchen-Tresen, keinen Megastore und, bitte nicht, Papas alten Fahrradhändler. Was wollen wir denn? Ein feines Rad. Genau das verheißt ein Markenname, der sich allerdings noch ziemlich rar macht: Feine Räder, so firmieren rund ein halbes Dutzend Premiumhändler quer durch Deutschland. Für jemand, der zwischen Rhein und Odenwald wohnt, ist der nächste dieser Läden in Groß-Gerau: Fahrrad-Fuchs. Jürgen Fuchs, Petra Groll und Simon Molz beraten und schrauben in einem großzügigen, nicht bis unter die Decke vollgeräumter Laden.
Das Hellholz-Ambiente lässt eher an Wellness als an Kugellagerfett denken. Die thematisch gruppierte Auswahl ist beachtlich groß und schlicht erstklassig: „Alles, was Radfahren angenehm macht.“ Der Tonfall, der hier herrscht, ist jung und kompetent. Jürgen Fuchs und seine Partnerin haben die Gutgelauntheit an sich, wie sie Menschen kennzeichnet, die überzeugt sind, dass sie das Richtige tun, und die wissen, dass sie es gut machen. Feine Räder probefahren? Dazu bedarf es in dem Laden an der Darmstädter Straße wirklich keiner Frage.
Kompromissloses Schnellfahr-Fahrrad
Fangen wir mit einem Klassiker an: Der „Roadster“ von Patria (www.patria.net) ist auch in der Trapezrahmen-Version für die sportliche Dame mit eher konservativem Geschmack eine schnörkellose Schönheit: ein filigraner Stahlrahmen, dezente verchromte Renngabel mit Cinelli-Kopf, schmale Bereifung, Leder als Lenkergriffe und Sattel. Ein Halbrenner, der sich beim Fahren knochentrocken anfühlt - von Komfort keine Spur, so wenig wie von einer Ausrüstung nach der Straßenverkehrsordnung, und das für ausstattungsabhängig rund 1.070 bis knapp 1.623 Euro: ein kompromißloses Schnellfahr-Fahrrad.
Von ganz ähnlichem Purismus ist das kleine Schwarze von Maxx (www.Maxx.de). Das Hardtail - ein Mountainbike, das nur vorn gefedert ist - markiert mit seinem Carbon-Monocoque-Rahmen die aktuelle Sportlichkeit: Besonders leicht und steif, durch seine Geometrie von wettkampftauglicher Wendigkeit, zielt es auf den ambitionierten Marathon-Fahrer und Cross-Country-Fan. Dessen Sache ist es auch, sich Gedanken über die Ausstattung mit Komponenten zu machen und zwischen Varianten wie X9 (Sram), XT und XTR (Shimano) zu wählen. Von dieser Entscheidung hängen wiederum die Preise ab: Sie beginnen bei etwa 2.100 und reichen bis 5.000 Euro.
Schweizer Perfektion hat ihren Preis
Wenn man mit dem Mountainbike einen Haken schlägt und merkt, dass die erzielbaren Kurvengeschwindigkeiten mehr durch den eigenen Mut als von der Technik des Fahrrads limitiert werden, dann findet man dieses Erlebnis ganz in Ordnung. Von einem Fahrrad mit unterstützendem Elektromotor, einem Pedelec, wie es manchmal genannt wird, erwartet man keine solche Belehrungen. Aber genau das kann einem mit dem starken und agilen T-Modell des Flyer (www.flyer.ch) passieren.
Man nähert sich diesem grundsolide, sozusagen artig aussehenden Fahrzeug mit der stummen Frage: Mache ich mich auf so einem Seniorenrad nicht ein bißchen lächerlich? Man tippt am Lenker getrost auf volle Kraft voraus und ist doch verblüfft, wenn der 250-Watt-Motor am Tretlager genau das tut, was ihm befohlen wurde. Der Schub, den man im Rücken wie eine Riesenhand spürt, ist genauso ein Erlebnis wie bei anderer Gelegenheit das Fahren des Flyer ohne Motor und Batterie. So wird er zu einem ganz bequem zu pedalierenden Fahrrad. Die Schweizer Perfektion hat ihren Preis: Je nach Antrieb - entweder eine 3×8-Gang-Kombination aus Ketten- und Nabenschaltung oder eine Speedhub, die 14-Gang-Nabenschaltung von Rohloff - kostet ein Flyer der T-Serie zwischen rund 3.200 und 4.300 Euro.
Interessanteste Entdeckung des Frühjahrs
Zwischendurch machen wir, nur so zum Spaß, eine kleine Runde mit der neuen Version des Kettwiesel von Hase (www.hasebikes.com). Der Stahlversion wird nun als Modell AL mit Aluminiumrahmen an die Seite gestellt: die stärker dimensionierten Leichtmetallrohre stehen dem langgestreckten Fahrzeug gut. Nur Unbedarfte fragen angesichts der 1a verarbeiteten dreirädrigen Rakete, ob es sich um einen Eigenbau handele. Diese Zeiten sind in der Liegeradszene eigentlich vorbei; die Bauformen, die sich durchgesetzt haben, sind ausgereifte, über Jahre hinweg optimierte Konstruktionen.
Ein enormes Beschleunigungsvermögen und eine Wendigkeit, die man nur bestaunen kann, prägen den Fahrspaß mit dem Kettwiesel: Sprünge, Abbiegen im 90-Grad-Winkel, ein Powerslide, der die Reifen seitwärts über die Fahrbahn radiert und immer mal wieder ein gelupftes Rad - das Kettwiesel verführt zu allerlei Kunststückchen. Und dieser Spaßfaktor steht dem ernsthaften Erfolg des absolut alltagstauglichen Dreirads womöglich mehr im Wege als die bei 2.200 Euro beginnenden Preise.
Ähnlich wie das Kettwiesel AL ist auch das Homage blue, die vielleicht interessanteste Entdeckung dieses Frühjahrs, eine Modifikation: Bei Riese und Müller in Darmstadt (www.r-m.de) wird die Acht-Gang-Nabe Alfine von Shimano - wie eigentlich vom Komponenten-Giganten gar nicht vorgesehen - mit einem Dreifachkettenblatt kombiniert. Dafür bedient man sich im Baukasten der Deore-Serie. Es entsteht ein Antrieb mit 24 Gangstufen und einem Übersetzungsbereich, der dem Umfang nach, wenn auch nicht der sauber gleichmäßigen Abstufung nach einer (wesentlich teureren) Rohloff-Nabe das Wasser reichen kann. Und ähnlich wie bei ihr, führt die Vielzahl der Gänge nicht zu hektischem Herumschalten, sondern macht eine schaltfaule intuitive Bedienung möglich. Dieser Antrieb macht das vollgefederte Homage blue zu einem einerseits sehr komfortablen und andererseits ungemein sportlich-schnellen Rad. Für 2.300 Euro würden wir wohl bei dieser Offerte zuschlagen.
Einseitige Produktauswahl
Hannes Mayer (hotzen)
- 22.04.2007, 20:19 Uhr
Qualität, bzw. Seriosität des Artikels
Michael Straetling (straeti)
- 23.04.2007, 03:28 Uhr