22.12.2009 · Wenn Züge auf freier Strecke zum Halten kommen, muss das keine Katastrophe sein. Erschreckend ist beim Eurostar-Ausfall, dass es trotz einer großen Zahl von Passagieren keine Notpläne für ein schnelles und effizientes Evakuieren gibt.
Von Wolfgang PetersWenn Züge auf freier Strecke zum Halten kommen, muss das keine Katastrophe sein. Die Passagiere bleiben entweder in ihren Abteilen sitzen und warten auf Hilfe, oder sie spazieren weg von den Gleisen, hin zu wartenden Omnibussen. Aber unter dem Ärmelkanal gibt es keine Omnibusse und keine kurzen Wege zum Wandern. Unter dem Ärmelkanal kann es ganz schnell zum Chaos kommen, und niemand weiß, wie man damit umgeht.
Das ist die eigentliche, erschreckende Nachricht beim Versagen der Zugtechnik von Eurostar im Kanaltunnel zwischen Frankreich und England: Offenbar gibt es trotz einer großen Zahl von Passagieren keine Notpläne für ein schnelles und effizientes Evakuieren. Niemand ist anscheinend darauf vorbereitet, erschrockenen und verängstigten Menschen im Tunnel zu helfen. Und es gibt offensichtlich nicht einmal Reservelokomotiven mit Dieseltriebwerken, die man einsetzen kann, wenn die elektrisch angetriebenen Zugwagen ausfallen sollten. Das ist jetzt am Wochenende geschehen, und überall wird gefragt, wie es dazu kommen konnte.
Große Mengen Kondenswasser
Zwar scheinen die technischen Ursachen gefunden: Bei Temperaturunterschieden zwischen 17 Grad Celsius minus außerhalb und 25 Grad plus im Tunnel haben sich große Mengen Kondenswasser gebildet. Das wiederum habe sich negativ auf die Elektronik in den Lokomotiven ausgewirkt, heißt es. Das mag richtig sein. Aber wie es dazu kommen konnte, das ist eine interessante technische Frage. Dass Temperaturunterschiede zu Feuchtigkeit und zu Kondenswasser führen, ist schließlich keine Erkenntnis, zu der man erst im Kanaltunnel unterwegs sein müsste. Im Gegenteil, bei jeder Technik im Außeneinsatz und bei mobiler Verwendung wird das Auftreten solcher Unterschiede nicht nur bei der Konstruktion berücksichtigt, sondern auch im praktischen Versuch simuliert. Und zwar nicht nur einmal - wobei die Simulationen weit über die für den Alltag zu erwartenden Belastungen hinausgehen.
Weshalb jetzt die Zugelektronik im Tunnel unter dem Ärmelkanal streikte, wird wohl erst nach eingehenden und langwierigen Untersuchungen zu klären sein. Ohne Abhilfe sollte der Zugbetrieb weiterhin ruhen. Und der Betreiber sollte seine Rettungspläne bei Störungen offenlegen. Denn die Passagiere stecken nicht auf freier Strecke fest, sondern unter dem Ärmelkanal.