Das Verlangen nach elektronischem Papier mutet in der Geschichte des Informationszeitalters fast schon wieder vorsintflutlich an. Die ersten konkreten Schritte lassen sich nämlich bereits auf das Jahr 1973 datieren.
Damals fanden im legendären kalifornischen Forschungslabor PARC des Kopiererherstellers Xerox Experimente statt, die nach einem Jahr wieder eingestellt wurden. So lautet bis heute das bislang unerreichte Ziel: einen Bildschirm zu bauen, der aussieht wie Papier und idealerweise auch so leicht und biegsam ist, sich aber löschen und neu beschreiben läßt wie eine Computeranzeige.
Das Librie
Seit Ende April kann man nun im Kaiserreich Japan in die Läden gehen und das weltweit erste Gerät kaufen, das diesem Ziel wenigstens einen entscheidenden Schritt näher kommt. Es ist der E-Book-Reader Librie EBR-1000EP, erfunden von Sony.
Das erste Gerät? Natürlich gab es in den vergangenen Jahren schon viel Rummel um E-Books. Die Lesegeräte dazu waren aber zu klobig, ihre Flüssigkristall-Anzeigen waren nicht wirklich augenfreundlich und brauchten so viel Strom, daß der Akku schnell leer war. Überdies lockte der schmale Katalog verfügbarer E-Bücher auch keine Käufer aus der papiernen Welt.
Verblüffende Neuheit
Dagegen ist der Librie allein durch seinen Bildschirm eine verblüffende Neuheit. Biegsam ist er zwar noch nicht, aber sonst höchst augenfreundlich. Er hat keine Hintergrundbeleuchtung, sondern reflektiert nur Umgebungslicht von Sonne oder Lampe, aber das fast wie Papier. Die dünne Acrylglas-Abdeckung spiegelt ein wenig, und der Grundton der Anzeige ist nicht strahlend weiß, sondern lichtgrau - aber unsere Augen akzeptieren ja auch Umweltschutzpapier oder vergilbte Zeitungen.
Die Anzeige vermag sogar zwei graue Zwischentöne darzustellen. Brillant aber zeigt sie vor allem schwarze Schrift in feinster Auflösung - mit 177 dpi (Einzelpunkten pro Zoll) rund das Doppelte eines gewöhnlichen Computerbildschirms. Auch wenn es wiederum nur halb so gut ist wie das, was einfachste Laserdrucker schaffen - es liest sich exzellent.
Der Librie wiegt selbst mit Batterien nur 300 Gramm (wie viele Bücher auch), hat das Format eines größeren Taschenbuchs und ist 13 Millimeter dick. Seine internen Speicherbausteine fassen etwa zwanzig elektronische Bücher; steckt man Speicher nach, natürlich auch viel mehr.
Geisel einer Marketing-Kette
Ganz klar: der Librie läutet eine neue Ära ein. Wie aber reagieren die ersten Kaufinteressenten und Anhänger elektronischer Bücher in aller Welt? Sie hassen und verachten das Teil. Jeder kann die Tiraden im Web nachlesen. Denn die Maschine mit dem famosen Bildschirm entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Geisel einer Marketing-Kette, die Sony zusammen mit 15 marktbeherrschenden Verlagen in Japan aufgebaut hat.
Der Leiter des Librie-Projekts bei Sony, Yoshitaka Ukita, beschreibt sie als "unseren Versuch, einen neuen Markt für Leihbücher zu eröffnen". Vier Nachschlagewerke sind auf dem Librie installiert. Weitere Werke kann man im Internet mit einem Kopierschutz kaufen, der höchstens vier parallele Installationen jedes Textes (zum Beispiel also auch eine auf dem PC) zuläßt. Pro Werk zahlt man drei Euro - es sperrt sich aber nach zwei Monaten für die weitere Nutzung. Man kann auch Clubmitglied werden und erhält so für zehn Euro pro Monat Zugang zu jeweils fünf Texten.
Der Librie ist also weniger Lesegerät als der Zutritt zu einem Buchklub. Angesichts der revolutionären Technik erscheint der Gerätepreis von rund 400 Euro günstig. Das Geschäft liegt in der Vermietung der Bücher, der Preis dürfte mit den Entwicklungskosten für den Librie wenig zu tun haben. Sony kauft die Bildschirme für den Librie von Philips. Eine Fabrik des Geschäftsbereichs Philips Emerging Display Technology im japanischen Kobe stellt davon genug her für 5000 Libries, die anfangs monatlich produziert werden sollen.
Elektronische Tinte
Diese Bildschirme haben eine ziemlich lange Geschichte. Sie beginnt 1995, als der neunundzwanzigjährige Postdoc-Student der Physik Joseph Jacobson von einer amerikanischen Elite-Universität (Stanford) zur nächsten (MIT) abgeworben wird, weil er für sich die Vision formuliert hat, ein Buch aus elektronisch beschreibbaren Blättern zu basteln - "das letzte Buch überhaupt", wie er das zugespitzt nannte. Jacobson taufte seine Erfindung E-Ink, also "elektronische Tinte".
Die 1997 ausgegründete gleichnamige Entwicklungsfirma bekam zunächst 50 Millionen Dollar Startkapital zusammen und dann bis ins Jahr 2000 noch einmal so viel. E-Ink fütterte mit dem Geld rund hundert Leute durch, zwei Drittel davon Wissenschaftler, startete zögerlich eine erste Vermarktung der Technik für elektronisch beschreibbare Werbetafeln in Kaufhäusern und ließ es gleich wieder sein.
Im Februar 2001 trat Philips auf den Plan, schoß weitere 7,5 Millionen Dollar nach und erhielt dafür das Recht, die E-Ink-Technik für einen unbekannten Zeitraum exklusiv zur Fertigung von Bildschirmen für Westentaschen-Computer und elektronische Bücher zu nutzen.
Elektronisch beschreibbare Werbetafeln
Bei Xerox griff man die alte Idee des E-Papiers aus den siebziger Jahren bereits 1991 wieder auf. Nach zwei Jahrzehnten im Dienst des Konzerns durfte der damals verantwortliche Wissenschaftler Nick Sheridon seine Ideen aus der Schublade holen und im Jahr 2000 die Firma Gyricon gründen, die nun seit Anfang dieses Jahres ebenfalls elektronische Werbetafeln anbietet.
Anders als bei E-Ink drehen sich hier winzige massive Kügelchen in einem ölgetränkten Material - je nach angelegtem Feld wenden sie ihre weiße oder ihre schwarze Hälfte dem Leser zu. Prompt drängt auch E-Ink in diesen Markt der elektronisch beschreibbaren Werbetafeln zurück, mit den Lizenznehmern Neolux aus Korea und dem Bahnausstatter Vossloh aus Kiel, der auf einer Bahnmesse im September seine E-Ink-Zuganzeigen vorstellen wird.
Immer neue Prototypen
Zumindest mit der E-Werbepappe also wird es jetzt wohl ernst. Über das E-Buch sollte man solche Prognosen lieber nicht abgeben. Gerade der Riese Philips mit seiner einzigartigen E-Ink-Lizenz ist vollkommen agnostisch, was zukünftige Bildschirm-Technik betrifft. Das Unternehmen scheint mit fast jedem verfügbaren Verfahren zu experimentieren, namentlich auch mit organischen Leuchtdioden (OLEDs), die farbige, selbstleuchtende, stromsparende und vergleichsweise billige Anzeigen versprechen.
Eifrig beteiligt sich Philips mit immer neuen Prototypen auch an dem Wettlauf, flexible und rollbare Bildschirme egal welcher Technik zu realisieren. E-Ink wird sich diesem Wettbewerb der Prinzipien stellen müssen. Der lange Anlauf der Firma läßt nicht die stürmischste technische Weiterentwicklung erwarten.
Papierene Gutenberg-Welt mit ihren Kauf- und Lesegewohnheiten
Hohe Gemütsruhe zeichnet auch die Schirme selbst aus. Der Wechsel von einem Bild zum nächsten braucht derzeit gut eine Drittelsekunde. Die Anzeige des Sony Librie begleitet diese Kunstpause sogar mit einem Aufblitzen eines Negativbildes, bevor sich die neuen Inhalte zurechtrütteln. Zum Bücherlesen genügt es, andere Anwendungen aber sind schwer vorstellbar. E-Ink verspricht für die nächsten Jahre Besserung.
Obendrein bleibt da ja, trotz aller Faszination der Elektronik, die papierene Gutenberg-Welt mit ihren Kauf- und Lesegewohnheiten. Sie ist gewiß nicht in ihrer Existenz bedroht, dazu ist der zerlesene Taschenbuch-Thriller am Strand zu praktisch. Überhaupt ist ein E-Book-Reader im Reiche der Belletristik eher eine Lösung auf der Suche nach dem Problem.
Gegen Hunderte Millionen Handys und Smartphones antreten
Bei dickleibigen Werken technischer Art, die ständige oder häufige Neuauflage verlangen, sieht das wahrscheinlich anders aus. Sie wären gute E-Books - doch möglicherweise reicht dem Experten ihre Anwesenheit auf dem Laptop-Computer statt auf einem Spezialgerät a la Librie, das sonst nichts weiter kann. Üppig bebilderte Zeitschriften werden auf den elektronischen Lesegeräten nicht darzustellen sein.
Anders sieht das bei den Tageszeitungen aus, die mit sinkenden Auflagen und schwindenden Rubrikenanzeigen den Einbruch des Internet-Zeitalters bereits drastisch spüren. E-Paper-Reader müssen aber dort wie die gedruckte Zeitung selbst gegen Hunderte Millionen Handys und Smartphones antreten. Die nämlich können aktuelle Kurzmeldungen zeigen, und manchem Leser des 21. Jahrhunderts genügt das.
Schwedische Tageszeitungen testen Philips-Prototypen
Kluge Zeitungsverleger wissen daher, daß die Welt der Empfangsgeräte unendlich sein wird, und daß ihre eigene Zukunft von ihnen nur eins verlangt: die Wege zu ihren Lesern genau zu kennen und zu vermarkten, egal wie und durch welche technischen Medien diese Wege verlaufen sollten. Manche Verleger finden aber auch, die Zeitung müsse sich - so wie sie ist, oder mit interaktiver Dekoration - weg vom Papier auf einen neuen technischen Träger transplantieren lassen.
Aus dieser Sicht muß das elektronische Werk durch selektiven Kopierschutz gefesselt werden; entsprechend müssen Hardware und Software dazu passen. In einem Pilotprojekt wie dem "E-Reader 2003" testen 14 schwedische Tageszeitungen derzeit an Versuchslesern unter anderem die Prototypen ihres Partners Philips Electronics.
Hacker machen Librie frei
Denn auch Gerätehersteller verkaufen heute nicht mehr selbstverständlich nur Geräte. Jedenfalls nicht dann, wenn sie Sony oder Philips heißen. Sie bauen Geräte, die Verlegern gefallen. Das müssen nicht die sein, die auch den Gerätekäufern gefallen. Genau nach diesem Muster ist der Sony Librie gebaut. Außer gemietete Bücher zu studieren läßt sich mit ihm gar nichts anfangen, obwohl er intern sogar mit dem rechtefreien Betriebssystem Linux läuft.
Das macht die E-Book-Anhänger wütend. Mitte Juli hat eine Truppe von Hackern den ersten ernsthaften Anlauf begonnen, die Sperren des Librie zu knacken und beliebige Software darauf zum Laufen zu bringen. Zum Beispiel solche, die beliebte Dokument-Formate wie PDF oder Websites anzeigen kann. Eben das, was der ganz normale Nutzer braucht, wenn er wenigstens seine eigenen Dokumente aufspielen und unterwegs lesen will.
