16.02.2007 · Der erste Frankreich-ICE ist fertig. Ab Juni soll Deutschlands schnellster Personenzug bis nach Paris fahren. Mit TGV- und ICE-Verbindungen zwischen deutschen und französischen Großstädten macht die Bahn dem Flugzeug Konkurrenz.
Von Walter WilleIm ICE-Werk Frankfurt-Griesheim sind die Kaffeekannen zweisprachig beschriftet, deutsch und französisch. Man sieht: Es geht voran mit der Internationalisierung des Bahnverkehrs. Ein weiteres Indiz: mehrsprachige Schildchen auf den nachträglich eingebauten Schaltschränken eines frisch präparierten ICE 3. Die aufwendige, hinter feiner Holztäfelung verborgene Zusatztechnik für den kommenden Frankreich-Einsatz des deutschen Paradezugs kostet sechs Sitzplätze.
Sie kostet mehr als das. Für zusammen 48 Millionen Euro lässt die Deutsche Bahn zurzeit sechs Exemplare ihres ICE 3 für den grenzüberschreitenden Frankreich-Verkehr nachrüsten. Der erste dieser Triebzüge ist soeben fertiggestellt worden. Weitere rund 28 Millionen Euro verschlingt das sich seit Jahren hinziehende Zulassungsverfahren, in dem der Nachweis erbracht werden muss, dass der deutsche Zug in der für ihn völlig fremden Bahnwelt jenseits der Grenze reibungslos funktioniert. Diese Prozedur war, wie berichtet, von Anfang an mit technischen und bürokratischen Hindernissen gespickt. Bis zum Ende der noch nicht abgeschlossenen Versuchsphase wird der ICE 3 auf französischen Hochgeschwindigkeitsstrecken mehr als 120.000 Testkilometer zurückgelegt haben.
„Schneller von Innenstadt zu Innenstadt“
Am 9. Dezember, dem Tag des europaweiten Fahrplanwechsels, nimmt das bahnbrechende Gemeinschaftswerk der DB und der französischen Staatsbahn SNCF seinen Lauf: Fünf ICE-Zugpaare werden zwischen Frankfurt und Paris verkehren. Die Fahrzeit auf diesem „Nordast“ soll sich von sechseinhalb Stunden, die die bisherigen Eurocity-Züge brauchen, auf drei Stunden und 50 Minuten verkürzen. Den „Südast“ zwischen Stuttgart und Paris wird der französische TGV befahren, vier Zugpaare (als Zugpaar wird je eine Hin- und Rückfahrt bezeichnet) sind vorgesehen, die Fahrzeit soll sich hier von gut sechs auf drei Stunden und 39 Minuten verringern. Eines dieser Zugpaare wird über Stuttgart hinaus Paris mit München verbinden. Schon vom 10. Juni an wird es ein „Einführungsangebot“ mit einer geringeren Zahl von Zugpaaren geben.
Der enorme Zeitgewinn wird möglich, weil DB und SNCF ins Rennen gegen das Flugzeug das Modernste schicken, was sie haben. Auf der Neubaustrecke in Ostfrankreich werden sie mit Tempo 320 fahren, in Deutschland werden Streckenabschnitte so ausgebaut, dass Tempo 200 möglich wird. Allein auf deutscher Seite werden nach Angaben der Bahn rund 570 Millionen Euro in die Infrastruktur investiert. „Wir sind ab Dezember nicht nur schneller, sondern bieten auch mehr Komfort als die Airlines, und wir fahren von Innenstadt zu Innenstadt“, sagt DB-Vorstand Karl-Friedrich Rausch. „Die zeitlich aufwendige An- und Abfahrt zum Flughafen und die Zeit für das Ein- und Auschecken entfallen.“
Technische Anpassung
Damit der ICE 3 das gallische Schienennetz benutzen kann, muss er unter anderem an das dortige System der Stromversorgung und Fahrleitungsanlagen angepasst werden. Das Bremsverhalten und der Einsatz seiner einzigartigen Wirbelstrombremse sind neu abzustimmen, zum Teil tiefe Eingriffe in die Fahrzeug-Elektronik und -Steuerung sind erforderlich. Obendrein müssen französische Zugsicherungssysteme eingebaut werden sowie Vorkehrungen gegen „Schotterflug“ getroffen werden: Bei hohem Tempo wirbelt der weiß-rote Renner den französischen Schotter auf, Spoiler sollen nun seinen Unterboden schützen.
Die SNCF muss für ihren TGV hierzulande eine vergleichbare Zulassungsprozedur absolvieren. Allerdings, sagen Fachleute der DB, hätten die französischen Kollegen es etwas einfacher, weil sie neue, von vornherein auf die kommende Aufgabe zugeschnittene Triebköpfe bekämen, während die DB bereits fertige Züge anpassen müsse.