Home
http://www.faz.net/-gyg-15uv5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Braun-Design Puristisch. Praktisch. Gut.

 ·  Statt die Eliten von einst zu suchen und nicht mehr zu entdecken, orientiert sich das neue Braun-Design am Wert für den globalen Kunden. Heute existieren die Produkte in einem Zustand zwischen Designpriorität und Begreifbarkeit ohne Lifestyle-Diplom.

Artikel Bilder (8) Lesermeinungen (1)

Oliver Grabes hat viel vor. Er ist seit September des vergangenen Jahres Chef des Braun-Designs in Kronberg, damit eingebettet in das dort logierende Kompetenzzentrum des Mutterkonzerns Procter & Gamble und dadurch beteiligt an vielfältiger Produktentwicklung und -gestaltung, zudem noch Professor für Technisches Produktdesign an der Bergischen Universität Wuppertal, weiterhin Erbe eines kultigen Design-Verständnisses, und dann macht er sich noch so seine Gedanken: „Das Design der Braun-Produkte muss ihre Eigenschaften als Statussymbol nach innen zum Ausdruck bringen.“ Der Käufer und Benutzer eines dieser Produkte sollte zu der Einschätzung gelangen: „Das bin ich mir wert.“

Wir sitzen in einem Nebenraum der „Braun Sammlung“ in Kronberg, unweit vom Braun-Stammsitz, im Erdgeschoss eines nicht wirklich wichtigen Gebäudes, um die Ecke gibt es einen Supermarkt. Hinter unserem Rücken brodelt die Vergangenheit von Braun, von Braun Design. Die Ikonen der einstigen Produktgestaltung sind einträchtig versammelt, präsentiert unter schützenden Kästen aus Kunststoff, fein beschriftet, alles Geräte, die mitten im Leben der Menschen nicht nur anwesend waren, sondern im Bewusstsein der Menschen wirkten, alles Beispiele eines Designs, das in der deutschen Gesellschaft in jenen Jahren die wichtigsten Gegenpositionen bezogen hatte: zur Fresswelle, zur Restitutionswoge, zum hohlköpfigen „Wir sind wieder wer“, zur Protzerei mit Größe und Gewicht, Kontrapunkte setzte zu Tand und Tinnef und als Hervorbringungen eines durchaus elitär zu interpretierenden Designs doch Ein- und Zugang fand zum Alltag.

Die Söhne von Max Braun hatten nach dessen Tod Anfang der fünfziger Jahre das Unternehmen in Frankfurt übernommen. Man baute Radio- und Haushaltsgeräte sowie Trockenrasierer. An dessen Scherblatt war der amerikanische Ronson-Konzern interessiert und kaufte bei Braun eine Lizenz: Zehn Millionen Dollar waren eine schöne Basis für jene Entwicklung, die folgte und die man in der „Braun Sammlung“ verfolgen kann. Erwin Braun erkannte den Wert des Designs für die Produkte, und es wurde zu einer Art von Markenzeichen für eine größer werdende Produktfamilie. In der Folge kam es zu einer Designreform, geprägt von Fritz Eichler, Hans Gugelot, Wilhelm Wagenfeld und vor allem Dieter Rams. Es folgte eine Produktfülle, die man in der „Braun Sammlung“ exemplarisch erahnen, aber umfassend nicht erkennen kann.

Seit 2005 ist Braun eine Tochter von Procter & Gamble Company

Es sei denn, man greife zurück auf das unglaublich dicht die Designer und Produkte zusammenführende Buch „Braun. 50 Jahre Produktinnovationen“ von Bernd Polster und Olaf Meyer im DuMont Literatur und Kunst Verlag. Blättern und Lesen ist für den nicht mehr ganz jungen Menschen wie eine (atemlos machende) Reise in die eigene Vergangenheit. Man muss sich nicht für Entsafter oder Personenwaagen begeistern, um die - rückblickend anrührende - Reduziertheit und mitunter fast zu klinische Strenge der Produkte zu empfinden. Rasierer, Fernseher, Rechner, Uhren, Radiogeräte, die HiFi-Ikonen, Zahnbürsten und Wasserkocher: Die Welt des Haushalts, der Badezimmer und des Alltags ist in Wirklichkeit eine Braun-Welt, und (fast) jeder lebt wie selbstverständlich damit. Allerdings fiel Braun schon Ende der sechziger Jahre an Gillette, und in der Folge wurden wichtige Unternehmensteile (Foto, HiFi) abgetrennt. Seit 2005 ist Braun eine Tochter des amerikanischen Multikonzerns Procter & Gamble Company und zur Zeit mit einer Vielzahl von Elektro-Kleingeräten (aktuell: Rasierer Series 7 oder Silk-epil Series 7 Epilierer, Hair Brush Haarbürste oder Multiquick 7 Stabmixer) am Markt sehr erfolgreich.

Für Oliver Grabes ist Braun-Design noch immer lebendig. Allerdings in einer deutlich anderen Interpretation. Das ist kein Wunder. Denn die Situation für Braun und um Braun herum hat sich im Markt komplett geändert: Für Grabes geht es um Design „in Richtung einer globalen Wirkung“, das man „ohne Team-Arbeit nicht mehr erreichen“ kann. Im Gegensatz zu jenen Zeiten, in denen Braun und Dieter Rams ihre Art von Design zelebrierten, als sei dies eine unabweisbare Offerte für eine Geschmacks- und Lebensstilelite, soll Grabes für Produkte sorgen, die eine viel größere Zahl von Konsumenten akzeptieren und begehren. Dagegen war die große Zeit des Braun-Designs auch eine Ära des Elitären, der puristischen Konzentration auf Produkte, die in Nischen des Marktes existierten. Grabes sagt: „Braun-Design war früher eine auf sich selbst zentrierte Veranstaltung.“ Kritiker wandten schon damals ein, ihr technischer Inhalt habe nicht immer das gehalten, was das Äußere versprach.

Zustand zwischen Designpriorität und Begreifbarkeit

Heute existieren die Braun-Produkte in einem Zustand zwischen Designpriorität und Begreifbarkeit ohne Lifestyle-Diplom: Epiliergeräte oder elektrische Zahnbürsten dagegen sind Produkte für die Jedermann-Familie. Dass diese nicht Billigprodukte sind, ist für den Designer Grabes der Ansatzpunkt für die graduelle Fortsetzung des Inhaltes einstiger Braun-Merkmale: „Wir machen Produkte mit einer Kombination aus Schlichtheit, Eleganz, Langlebigkeit und einer gewissen Dynamik.“ Sie seien, sagt Grabes, für den Käufer ein Statussymbol, das nicht mehr nach außen, sondern nach innen wirke: „Das bin ich mir wert“ werde als Empfindung beim Käufer geweckt, und dieser verfüge auch über das neue Selbstbewusstsein, mit dem er das einstige Statussymbol für sich selbst akzeptiere. Die Dynamik werde über das Produktdesign vermittelt, sagt Grabes. Damit meint er nicht, dass ein Rasierapparat die Gestalt eines sich beschleunigenden Projektils annehmen sollte. Das Design bringe auch die Funktion zum Ausdruck, etwas Besonders für den Benutzer zu sein, die „hochwertige Ausführung“ werde als „herausragende Produkteigenschaft“ im Design und in der Verwendung von Materialien, im Einsatz von Farben und im haptischen Umgang erkennbar.

Wenn Grabes in die Braun-Zukunft blickt, dann kann er sich vorstellen: „Braun sollte auch in der Küche wieder stärker werden.“ Denn „Küche und Kochen, das ist fast schon eine gesellschaftliche Bewegung“ geworden, sagt er und sieht nicht nur das zunehmend edler werdende Umfeld von Herd, Spüle und Kühlschrank. Sondern auch jene Verbindung, die in der Küche idealerweise für das Braun-Design die besten Argumente bereithält: „Das richtige Produkt in der Küche ist eine harmonische Verbindung von Funktion und Freude.“ Der Markeninhalt von Braun sei auch technische Kompetenz, und diese trage das Design als Botschaft nach draußen. Man sieht, der Braun-Designchef hat mehr vor, als den Ikonen der „Braun Sammlung“ eine gesicherte Zukunft zu bereiten.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Hinweis
Die Redaktion