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Beschneiungs-Systeme Schnee auf Knopfdruck

28.11.2011 ·  Ausgeklügelte Beschneiungssysteme sollen Wintersportorte unabhängiger vom Naturschnee machen. Aber in diesem Herbst kommt auch neueste Technik an ihre Grenzen.

Von Ulf Böhringer
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Dreizehn Tage vor dem großen Winter-Opening herrschte in Ischgl (Tirol) Besorgnis: Die Temperatur war selbst in 2800 Metern Höhe auf mehr als null Grad gestiegen, die seit über drei Wochen arbeitende Beschneiungsanlage musste stillgelegt werden. Doch nicht nur in Ischgl wurde dieser Herbst als Horror empfunden: Der "goldene November" mit extrem wenig Regen im nördlichen Alpenraum und hohen Temperaturen führte zu markantem Schneemangel.

Fünf Tage vor dem geplanten Start der Wintersaison musste die Bayerische Zugspitzbahn ihr für das vergangene Wochenende geplantes Schneefest absagen. Auch das renommierte Skigebiet Sölden (Ötztal, Tirol) hat den geplanten Öffnungstermin (19. November) verstreichen lassen und wartet auf Schnee. Außer den bekannten Gletscherskigebieten melden nur wenige Wintersportorte Betrieb: Hochgurgl zum Beispiel; und Ischgl hat es mit enormem Einsatz noch geschafft, jetzt immerhin 26 Pisten mit einer Gesamtlänge von knapp 100 Kilometern für den Skibetrieb freizugeben. Endlich war es kalt genug, dass die 869 installierten Schneekanonen arbeiten konnten.

„Die Zeitfenster sind teilweise extrem klein“

Der trockenste Herbst seit vierzig Jahren hat für Tourismusverantwortliche und Bergbahnmanager auf der Alpen-Nordseite wieder einmal bewiesen, dass Beschneiungsanlagen nicht nur nötig sind, sondern auch großzügig dimensioniert sein müssen: "Die Zeitfenster, in denen wir schneien können, sind teilweise extrem klein", sagt Hannes Parth, Direktor der Silvrettaseilbahn AG in Ischgl.

Deshalb geht es bei der Weiterentwicklung der Technik hauptsächlich darum, die Effizienz der Anlagen zu steigern. "Mehr Schnee in kürzerer Zeit bei verringertem Energieeinsatz" ist das Ziel von Erich Gummerer, Geschäftsführer und Miteigentümer der in Bozen (Südtirol) ansässigen Techno Alpin AG. Deren Schneeanlagen laufen in fast 1000 Skigebieten in 42 Ländern der Erde, man versteht sich als Weltmarktführer. "Auch beim technischen Schnee kommt es inzwischen besonders auf die Software an, zweites wichtiges Element, abgesehen vom Wasser, ist die Art der Pumptechnik."

Termintreue ist längst ein Muss

Das wird nicht nur von Techno Alpin so gesehen, sondern auch von den drei anderen Großen der Beschneiungsbranche. Mitbewerber Sufag arbeitet vom österreichischen Vorarlberg aus, der Konzern Johnson Controls hat eine Tochtergesellschaft "Neige" (Schnee) mit Sitz in Frankreich; deren Anlagen stehen in etwa 80 Prozent aller französischen Wintersportorte und auch in Ischgl. Neu im Geschäft ist Demac Lenko (DL), die unlängst die Südtiroler Leitner Gruppe gekauft hat. DL setzt sich aus dem in den Dolomiten beheimateten Unternehmen Demac und der schwedischen Lenko zusammen und soll, so der Wille des für seine Seilbahnen und Pistengeräte bekannten Leitner-Konzerns, alsbald Weltmarktführer im Beschneien werden.

Termintreue zum Beginn der Wintersaison ist im Wintertourismus längst ein Muss. Start- und Schlusstag der Saison sind Fixpunkte im Kalender - vor Ort, aber auch unter den Gästen. Als Folge genießt die maschinelle Beschneiung einen hohen Stellenwert. Ischgls Saison dauert stets vom letzten November-Wochenende bis zum 1. Mai. Um dies realisieren zu können, werden alle technischen Register gezogen: Derzeit sind 225 der 324 Hektar Pistenfläche (210 Kilometer Piste) beschneibar, weitere 34 Hektar sind in Planung. Die dafür nötigen Investitionen der Jahre 2005 bis 2011 betrugen mehr als 21 Millionen Euro.

Zahlreiche Leitungen im Untergrund

Die computergesteuerte Ischgler Schneeanlage umfasst vier Speicherseen mit zusammen 353.000 Kubikmeter Wasser, dazu drei Hochbehälter mit 1670 Kubikmetern. Vor dem Saisonstart waren schon 350.000 Kubikmeter Wasser im wahrsten Sinne des Wortes verpulvert worden, was etwa 800 000 Kubikmeter Schnee ergab. Bis zum ersten Skitag fielen im Skigebiet Betriebskosten von rund einer Million Euro an.

Der Untergrund eines Skigebiets ist längst von zahlreichen Leitungen durchzogen. Stromleitungen versorgen Skihütten und Bergbahnstationen, dazu kommen Wasser- und Abwasserleitungen. Gasleitungen führen zu den Sprengpositionen der Lawinenschutzanlagen. Und um 225 Hektar Pistenfläche beschneien zu können, ist ein genau geplantes Netz von Wasser- und Luftleitungen sowie von Pumpsystemen und Schneeerzeugungsmaschinen notwendig.

Die Länge dieser Leitungen, die in einer Tiefe von 1,40 bis zwei Metern vergraben sind, beträgt nahezu 60 Kilometer. Das Wasser fließt zumeist durch Gussrohre, die Druckluft strömt durch Kunststoffrohre. Damit werden 805 Schneilanzen, 28 Propellermaschinen und 36 autonome Lanzen versorgt. Während die Lanzen-Schneeerzeuger aus vier bis zehn Meter hohen Masten bestehen, die fest auf einer Wasser-und-Luft-Zapfstelle montiert sind, können Propellermaschinen meist von Pistenraupen bewegt werden, um sie an unterschiedlichen Standorten einzusetzen. Ihre Versorgung mit Wasser und Strom erfolgt mittels Schlauch und Kabel; Luft saugen sie aus der Umgebung an, der nötige Druck wird durch einen eigenen Ventilator und Kompressor erzeugt.

In beiden Systemen sind Düsen am Lanzenkopf oder am Propeller der technische Dreh- und Angelpunkt. Dort werden Wasser und Luft gemischt und fein zerstäubt in die Luft geschleudert. Zahlreiche Parameter müssen berücksichtigt werden, damit Sekunden später ein zu Schneekristallen gefrorenes Gemisch zu Boden sinkt: Wasserdruck und -temperatur, Höhenlage des Schneeerzeugers, Luftdruck, Lufttemperatur und relative Luftfeuchtigkeit sind die wichtigsten.

Chemische Mittel verboten

Entscheidend für den weißen Erfolg ist dann die Feuchtkugeltemperatur, die sich aus Luftfeuchtigkeit und -temperatur zusammensetzt; von ihr ist abhängig, wie das Wasser-Luft-Gemisch gesteuert werden muss. Exakt im Bereich der Grenztemperaturen, an denen gerade noch geschneit werden kann, wird besonders intensiv geforscht und entwickelt, dort schlagen sich selbst kleine Verbesserungen in gesteigerter Effizienz nieder. Weil in Zentraleuropa der Einsatz chemischer Mittel verboten ist, kann das Schneien grundsätzlich nur bei Minusgraden erfolgen. Je kälter, desto besser.

Entscheidend für das Gelingen der Beschneiung sind trotz ständiger Verbesserung von Maschinen und Software aber letztlich die Menschen: In Ischgl sind drei Fünf-Mann-Teams abwechselnd je zwölf Stunden rund um die Uhr im Dienst, um das Beschneiungssystem permanent zu kontrollieren. "Es kommt beispielsweise vor, dass eine Lanze regnet, obwohl sie laut Computer schneit", sagt der Ischgler Bergbahn-Vorstand Markus Walser. Gründe dafür können ein geplatzter Luftschlauch oder verschmutzte Düsen sein. Deshalb ist eine erfahrene Mannschaft unerlässlich.

Kunstschnee schadet der Pflanzenwelt nicht

In Europa ist nicht nur Chemie verboten, auch für das eingesetzte Wasser muss eine Genehmigung vorliegen. Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass maschinell erzeugter Schnee die Vegetation nicht negativ beeinträchtigt. Weitere Verbesserungen (Reduzierung von Wasser- und Stromverbrauch, Geräuschsenkung) bei der Beschneiung sind zu erwarten; gegenüber ihrem Beginn vor gut 25 Jahren wurden nach brancheninternen Angaben Fortschritte im Bereich von Faktor zehn erreicht.

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