Kaum eine Veranstaltung spaltet die Menschheit so hart in zwei Lager wie Fastnacht (oder Karneval). Entweder man schunkelt mit und grölt Gassenhauer, oder man flüchtet möglichst weit weg von den rheinischen Frohnaturen. Sich ganz entziehen geht indessen nicht mehr, den Höhepunkt des Treibens hat das Fernsehen bis in die hintersten Winkel der karnevalistischen Diaspora gebracht. In den Hochburgen der Pappnasen ist am Rosenmontag regionaler Feiertag, der Verkehr ist für die großen Fastnachtsumzüge lahmgelegt. In Mainz tummeln sich dann eine halbe Million heiterer Menschen entlang der Strecke, in Köln ist es die doppelte Menge, aber die Stadt ist ja auch zehnmal größer.
Was die Karnevalisten, die in Mainz Fassenachter heißen, an diesem Tag zu sehen bekommen, sind eine Menge bunter Narren in allerlei Aufzügen und politische Karikaturen, die den Zuschauern als Skulpturen auf Motivwagen präsentiert werden. Das hat Tradition: Schon im Mittelalter sind in der Fastnachtszeit weinselige Spaßvögel kostümiert durch die Straßen gezogen und haben die Bürger geärgert. Aus den wilden Maskenzügen Anfang des 19. Jahrhunderts sind dann die organisierten Fastnachtszüge entstanden. Die ersten Motivwagen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammengebastelt, die politischen Aussagen waren schon damals derb - denn nur dem Narr ist es erlaubt, (fast) alles zu sagen.
Traditionell aus Papmaché
Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, auch nicht an den Empfindlichkeiten. Gegen alle Versuche, die Karnevalisten zu zensieren, hilft Geheimhaltung, also werden die Wagen dem Publikum bis kurz vor den Zügen vorenthalten. „1993 haben wir eine Badewanne mit einem Pfarrer und einer nackten Frau darin gezeigt, darauf stand ,Zöli-Bad‘. Wegen der Proteste habe ich ihr ein Schild mit der Aufschrift ,Zensur‘ vor die Brust gehängt“, erzählt Dieter Wenger. Der Inhaber des Gestaltungs-Unternehmens Inspiration ist so etwas wie der Vater der rollenden Mainzer Fassenacht, er baut seit 1962 im Auftrag des Mainzer Carneval-Vereins (MCV) die Zugwagen und steckt voller Anekdoten. Die drohende Sitzblockade durch Aktivisten konnte von einer Hundertschaft Polizisten im Narrenkostüm verhindert werden, die alle Störer dezent aus dem Weg geräumt haben. Am Ende des Zuges wurde das Zöli-Bad dann aber doch durch Molotowcocktails zerstört.
Motivwagen brennen leicht, jedenfalls war das damals so. Traditionell sind die Figuren aus Pappmaché wie die Määnzer Schwellköpp bis heute und damit leicht, aber empfindlich. Oder aus Jutesäcken über Maschendraht, die eingegipst werden. „Bei den anderen großen Zügen ist das immer noch so“, erklärt Wenger. Regen und Sturm, die im Februar nicht selten vorkommen, setzen den Wagen dann zu. Orkan Wiebke hat im Jahr 1990 auch den Karnevalisten die Züge verhagelt. Die Mainzer Wagen hat Wiebke freilich nicht umblasen können.
Wie das? Wenger, der gerne experimentiert, hat 1967 zu Zeiten der Großen Koalition erstmals ein neues Material verwendet, das damals „sauteuer“ gewesen ist. Ein Geißbock der Opposition aus geschäumtem Polystyrol (Styropor) stemmte sich gegen die zwei großen Stiere CDU und SPD aus Draht und Gips. Das machte er offenbar so gut, dass die Mainzer umgestiegen sind. Den großen Halt findet das Geschäumte durch ein Innengestell aus verschweißten Stahlrohren. Das hat zugleich den Vorteil, dass man die Figuren schweben lassen kann, ein leichter Kontakt der Fußspitze mit dem Unterbau reicht. „Die anderen brauchen immer eine mehrfache Abstützung“, erklärt Wenger. Erst in jüngster Zeit zeigten die Kollegen aus Köln und Düsseldorf Interesse an dieser Konstruktionsart, sagt er. Das ist schließlich auch eine Kostenfrage. In der 60 Meter langen Halle des MCV in Mainz-Mombach werkeln für Wenger in der Hauptkampfzeit von November bis Februar 25 Leute von morgens früh bis Mitternacht. Darunter sind Rentner und Studenten, vor allem aber Karosseriebauer und selbständige Künstler, die sich um die Figuren kümmern. Etwa 80000 Euro kosten den MCV die Wagen, der gesamte Zug verschlingt rund 350000 Euro. Die Themen legt die Zugleitung fest, die Entwürfe kommen vom Mainzer Karikaturisten Klaus Wilinski.
Heute ist das Styropor schwer entflammbar. Blöcke von 50×50×100 Zentimeter werden verklebt, sie bekommen mit der Motorsäge die grobe Form. Die Feinarbeit machen die Künstler mit dem Glühdraht, oder sie schnitzen mit dem Küchenmesser. Dann wird mit immer feinerem Papier geschliffen. Anschließend wird kaschiert, lackiert und gesprenkelt. Wenger ist in dieser Hinsicht Perfektionist; auf das Sprenkeln, das den Farben ein natürlicheres Aussehen verleiht, legt er sogar an Stellen Wert, die das Publikum nicht sieht. Köpfe dieser Machart erkennt auch der Unkundige an den feinen Konturen. Die Kameraden aus Pappmaché seien im Vergleich „Eierköpfe, denen ein Gesicht aufgemalt wurde“.
Eine gute Woche dauert es, bis ein Politiker annähernd so aussieht wie das Original. Deshalb ist es nicht schlecht, Kandidaten für eine Wiederverwendung aufzuheben. Dazu hat Wenger in der Halle oberhalb des Versorgungstrakts ein Lager eingerichtet. Nach dem Erklimmen einer schrecklich nach hinten geneigten Leiter fühlt sich der Beobachter wie zu Zeiten der Französischen Revolution: Hunderte von Köpfen liegen hier, Merkel friedlich vereint neben Schröder, Stoiber neben dem deutschen Michel. Auch die Körper lassen sich wiederverwenden, allerdings sei der Zusammenbau manchmal aufwendiger als die Neukonstruktion, sagt Wenger. Für das Gestell müssen Löcher ins Polystyrol gebohrt werden, und da die Figuren Riesen sind, hat er drei Meter lange Bohrer gebastelt. Zuweilen ist die Konstruktion auch etwas komplizierter: Anfang 2012 war Christian Wulff ein angeschlagener Boxer in seiner Ringecke. Von seinem Amt als Bundespräsident zurückgetreten ist er drei Tage vor dem Umzug. Wenger hatte ihn aber mit Gelenken versehen lassen, so dass er leicht auf den Boden gezogen werden konnte, Knockout.
An den 15 Motivwagen und mehr als dreißig anderen Gefährten in der Werkstatt gibt es immer etwas zu tun. Sämtliche Wagen werden vom TÜV abgenommen, sie müssen unter anderem eine Bremsprüfung überstehen. Und wegen einiger tragischer Unfälle - die Leute drängen sich um die Zugstrecke und können dann unter die Räder kommen - werden die Seiten mit Tischlerplatten bis 30 Zentimeter über dem Boden versehen. Für die Traktoren, mit denen die Hänger gezogen werden, hat Wenger Verkleidungen entwickelt, in die der Schlepper hineinfährt; sie werden dann einfach heruntergelassen. Gefährlicher Schwachpunkt war bisher das Drehkreuz der Deichsel. Auch hierfür hat Wenger eine Verkleidung gebaut, von der er meint, sie werde bald überall Standard.
Etwas verloren steht in einer Nebenhalle die Zugen(d)te. Der quietschgelbe Wasservogel ruht auf einem Käfer-Fahrgestell und ist immer der letzte Wagen. Zur Mainzer Folklore gehört der andauernde Versuch der Narren, die Ente am Ankommen zu hindern. Zum Beispiel mit Knäueln von Luftschlangen im Auspuff. Da der Fahrer durch den Sehschlitz im Bauch der Ente wenig sieht, hat man ihn auch schon mal in einen falschen Abzweig gelockt. Angekommen ist die Ente am Ende dann aber bisher immer noch.
