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Bau der Fastnachts-Motivwagen Unter Schaumköpfen und Pappnasen

Am Rosenmontag werden die Politiker gern hochgenommen. Damit sie nicht kippen, wenn ihnen ein scharfer Wind entgegenbläst, wird geschraubt und geschweißt.

© Sick, Cornelia Vergrößern Am Profil wird noch gefeilt: Die Technik der Konstruktion der Motivwagen hat sich über die Jahre weiter entwickelt

Kaum eine Veranstaltung spaltet die Menschheit so hart in zwei Lager wie Fastnacht (oder Karneval). Entweder man schunkelt mit und grölt Gassenhauer, oder man flüchtet möglichst weit weg von den rheinischen Frohnaturen. Sich ganz entziehen geht indessen nicht mehr, den Höhepunkt des Treibens hat das Fernsehen bis in die hintersten Winkel der karnevalistischen Diaspora gebracht. In den Hochburgen der Pappnasen ist am Rosenmontag regionaler Feiertag, der Verkehr ist für die großen Fastnachtsumzüge lahmgelegt. In Mainz tummeln sich dann eine halbe Million heiterer Menschen entlang der Strecke, in Köln ist es die doppelte Menge, aber die Stadt ist ja auch zehnmal größer.

Lukas Weber Folgen:  

Was die Karnevalisten, die in Mainz Fassenachter heißen, an diesem Tag zu sehen bekommen, sind eine Menge bunter Narren in allerlei Aufzügen und politische Karikaturen, die den Zuschauern als Skulpturen auf Motivwagen präsentiert werden. Das hat Tradition: Schon im Mittelalter sind in der Fastnachtszeit weinselige Spaßvögel kostümiert durch die Straßen gezogen und haben die Bürger geärgert. Aus den wilden Maskenzügen Anfang des 19. Jahrhunderts sind dann die organisierten Fastnachtszüge entstanden. Die ersten Motivwagen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammengebastelt, die politischen Aussagen waren schon damals derb - denn nur dem Narr ist es erlaubt, (fast) alles zu sagen.

Traditionell aus Papmaché

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, auch nicht an den Empfindlichkeiten. Gegen alle Versuche, die Karnevalisten zu zensieren, hilft Geheimhaltung, also werden die Wagen dem Publikum bis kurz vor den Zügen vorenthalten. „1993 haben wir eine Badewanne mit einem Pfarrer und einer nackten Frau darin gezeigt, darauf stand ,Zöli-Bad‘. Wegen der Proteste habe ich ihr ein Schild mit der Aufschrift ,Zensur‘ vor die Brust gehängt“, erzählt Dieter Wenger. Der Inhaber des Gestaltungs-Unternehmens Inspiration ist so etwas wie der Vater der rollenden Mainzer Fassenacht, er baut seit 1962 im Auftrag des Mainzer Carneval-Vereins (MCV) die Zugwagen und steckt voller Anekdoten. Die drohende Sitzblockade durch Aktivisten konnte von einer Hundertschaft Polizisten im Narrenkostüm verhindert werden, die alle Störer dezent aus dem Weg geräumt haben. Am Ende des Zuges wurde das Zöli-Bad dann aber doch durch Molotowcocktails zerstört.

Motivwagen brennen leicht, jedenfalls war das damals so. Traditionell sind die Figuren aus Pappmaché wie die Määnzer Schwellköpp bis heute und damit leicht, aber empfindlich. Oder aus Jutesäcken über Maschendraht, die eingegipst werden. „Bei den anderen großen Zügen ist das immer noch so“, erklärt Wenger. Regen und Sturm, die im Februar nicht selten vorkommen, setzen den Wagen dann zu. Orkan Wiebke hat im Jahr 1990 auch den Karnevalisten die Züge verhagelt. Die Mainzer Wagen hat Wiebke freilich nicht umblasen können.

Der Mainzer Carneval-Verein 1838 präsentiert vorab seine etwa 15 Motivwagen für den Rosenmontagszug © Sick, Cornelia Vergrößern Strippenzieher: Ein Minister kämpft mit seinen Verbindungen.

Wie das? Wenger, der gerne experimentiert, hat 1967 zu Zeiten der Großen Koalition erstmals ein neues Material verwendet, das damals „sauteuer“ gewesen ist. Ein Geißbock der Opposition aus geschäumtem Polystyrol (Styropor) stemmte sich gegen die zwei großen Stiere CDU und SPD aus Draht und Gips. Das machte er offenbar so gut, dass die Mainzer umgestiegen sind. Den großen Halt findet das Geschäumte durch ein Innengestell aus verschweißten Stahlrohren. Das hat zugleich den Vorteil, dass man die Figuren schweben lassen kann, ein leichter Kontakt der Fußspitze mit dem Unterbau reicht. „Die anderen brauchen immer eine mehrfache Abstützung“, erklärt Wenger. Erst in jüngster Zeit zeigten die Kollegen aus Köln und Düsseldorf Interesse an dieser Konstruktionsart, sagt er. Das ist schließlich auch eine Kostenfrage. In der 60 Meter langen Halle des MCV in Mainz-Mombach werkeln für Wenger in der Hauptkampfzeit von November bis Februar 25 Leute von morgens früh bis Mitternacht. Darunter sind Rentner und Studenten, vor allem aber Karosseriebauer und selbständige Künstler, die sich um die Figuren kümmern. Etwa 80000 Euro kosten den MCV die Wagen, der gesamte Zug verschlingt rund 350000 Euro. Die Themen legt die Zugleitung fest, die Entwürfe kommen vom Mainzer Karikaturisten Klaus Wilinski.

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