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Donnerstag, 16. Februar 2012
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Architektur Mit der Doppelhelix zum Mythos

08.03.2005 ·  Im neuen Mercedes-Benz-Museum gerät die Bautechnik an ihre Grenzen. Die Architekten haben keine Schwierigkeit ausgelassen, um ein einzigartiges Gebäude zu schaffen.

Von Georg Küffner
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Das neue Mercedes-Benz-Museum wird einzigartig: Diese Bewertung bezieht sich auf die Exponate und ohne Abstriche auch auf das Gebäude selbst. Denn die Architekten für die mit der Bauausführung beauftragte Arbeitsgemeinschaft der Stuttgarter Unternehmen Züblin sowie Wolff & Müller haben keine Schwierigkeit ausgelassen.

In dem gesamten Bau gibt es kaum einen rechten Winkel. Fast alle Wände sind geneigt, und da sich den Besuchern auf ihrem Weg von der obersten Etage des knapp 48 Meter hohen Museums (wohin sie über Fahrstühle gelangen) über sich nach unten windende Rampen der "Mythos Mercedes" erschließen soll, ist auch ein Großteil der Laufflächen geneigt. Nicht umsonst sprechen die an dem Bau beteiligten Ingenieure davon, daß das neue Mercedes-Museum aufgrund seiner Geometrie die in Deutschland und vermutlich sogar in ganz Europa derzeit wohl größte bautechnische Herausforderung darstellt.

Bevor sich die Bauunternehmen ans Werk machen konnten, mußten sie das Gebäude erst einmal verstehen. Herkömmliche, flach auf dem Tisch liegende Pläne waren dabei wenig hilfreich. Dreidimensionale Computeranimationen waren nötig, und wer die nicht zur Hand hat, der wird - wie beim Versuch, den Formenlauf einer Wendeltreppe zu erklären - sich auch hier rasch der Gebärdensprache bedienen und in der Luft herumfuchteln: Denn das neue Mercedes-Museum hat im Inneren die Form einer Doppelhelix - also von zwei gegenläufigen Spiralen. Von oben gesehen ergibt sich so ein dreiblättriges Kleeblatt, wobei die einzelnen Blätter um ein dreieckiges Atrium rotieren und fünf horizontale Ebenen bilden, die - bezogen auf die einzelnen Blätter - entweder ein- oder zweigeschossig ausfallen.

Besucher können sich ihren Weg selbst suchen

Da es auf jeder Ebene Querverbindungen gibt, muß man nicht unbedingt einem vorbestimmten Weg folgen. Die Besucher können auf ihrem Streifzug durch die Ausstellung zwischen fünf zweigeschossigen, zum Atrium ausgerichteten "Mythosräumen" (hier werden chronologisch die Höhepunkte der Unternehmensgeschichte gezeigt) und fünf einstöckigen, nach außen orientierten "Sammlungsräumen" wählen. Hier sollen berühmte Originale von Mercedes-Benz gezeigt werden, etwa der Große Mercedes 770 von Kaiser WilhelmII.

Die notwendige Stabilität erhält der komplexe "Spiralenbau" vor allem durch drei massiv ausgeführte (Aufzugs- und Treppenhaus-)Kerne, über die ein Großteil der vertikalen Lasten abgetragen wird. Doch auch die schief stehenden Außenwände und die in die Fassade integrierten Stützen müssen hierzu ihren Beitrag leisten. Diese Stützen herzustellen und "doppelt schief" (sie stehen schräg und sind zudem nach innen geneigt) einzubauen war keine leichte Aufgabe. Sie ließen sich nicht, wie es eigentlich dem Wunsch des Bauherrn entsprach, fix und fertig anliefern. Viel zu groß war die Gefahr, daß die geforderten Sichtbetonoberflächen bei der Montage beschädigt worden wären. Man hat daher einen anderen Weg gewählt: Die gewünschte Oberflächenstruktur der Stützen, die mit einem sechseckigen Querschnitt und damit trapezförmigen Aufstellflächen überaus komplex geformt sind, wurde nicht aus Beton, sondern mit Hilfe von Stahlblechen realisiert. Das hatte den Vorteil, daß man es beim Einbau mit geringeren Lasten zu tun hatte. Denn der Stahlmantel der Stützen wurde erst an Ort und Stelle verfüllt - auch das keine einfache Aufgabe. Denn die Fassadenstützen sind so stark armiert, daß die Betonbauer Schwierigkeiten hatten, den Zementbrei zwischen die Stahleinlagen zu zwängen.

Feinheiten mit der Kelle glattstreichen

Für das Herstellen aller konventionell eingeschalten Bauteile (Wände und die Hauptstützen im Untergeschoß des Bauwerks) mußte die beim Verdichten des Betons notwendige Rütteltechnik den besonderen Bedingungen angepaßt werden. Mit einer speziell entwickelten Vorrichtung gelang es, die an flexiblen Schläuchen hängenden Vibratoren tief genug in die schräg stehenden "Formkästen" zu stecken, ohne daß diese auf halbem Wege hängen geblieben wären. Nur so wurde es möglich, die an jeder Stelle der Bauteile geforderte "geschlossene" Oberfläche des Sichtbetons zu erzielen.

Doch nicht nur die Stützen haben den Baumeistern Kopfzerbrechen bereitet. Mindestens so ambitioniert war das Herstellen der sich durch die Mythosräume nach unten windenden halbkreisförmigen Besucherrampen. Denn deren Querschnitt verändert sich auf dem Weg in die Tiefe kontinuierlich. Doch während die Besucher nach der für das Frühjahr 2006 vorgesehenen Eröffnung des Museums von der raffinierten Geometrie des Unterbaus der Wandelgänge kaum noch etwas mitbekommen, werden sie ein weiteres bautechnisches Highlight dauerhaft bestaunen können: Die 40 Meter langen Wände, welche die Sammlungsräume zum Inneren des Gebäudes abschließen, haben die Form eines Schiffsschraubenblatts, die sich immer weiter zurückneigt, je weiter man zur Glasfassade vorläuft. Hier kam die Schalungstechnik an ihre Grenze. Anders als vorgesehen, konnte das untere Ende des flach auslaufenden Schraubenblatts nicht in Form gegossen werden. Es wurde nach herkömmlicher Manier mit der Kelle glattgestrichen.

Spezialaufzug für Autos

Daß ein so kunst- und phantasiereich gestalteter Bau nicht von einem profanen Autoaufzug entweiht werden kann, versteht sich von selbst. Es gibt also keine fest eingebaute Hebeeinrichtung, mit der die Ausstellungsfahrzeuge in die für sie vorgesehene Etage transportiert werden können. Diese Aufgabe überträgt man drei Seilaufzügen, die an das stählerne Aussteifungsdreieck an der Spitze des Atriums angehängt werden - und zwar nur dann, wenn sie gebraucht werden. Man rechnet damit, daß die Seilaufzüge für den Aufbau der Ausstellung fünf Monate in Betrieb sein werden. Sie müssen dabei Lasten von bis zu 25 Tonnen in die Höhe hieven.

Das neue Mercedes-Benz-Museum wird auf 16000 Quadratmeter Ausstellungsfläche unterschiedliche Fahrzeuge vom Personenwagen und Transporter bis zum Lastwagen, Omnibus und Unimog - von den Anfängen bis zur Gegenwart - zeigen: 95 Personenwagen, 40 Renn- und Rekordfahrzeuge und 40 Nutzfahrzeuge. Der Höhepunkt der Ausstellung ist dem Motorsport gewidmet. Auf einer Präsentationswand am Ende des Rundgangs, die der berühmten Avuskurve nachempfunden ist, wird man zahlreiche schnelle Flitzer bestaunen können, und man muß dabei auf den von den PS-starken Maschinen abgestrahlten Sound nicht verzichten. Bis zu 700000 Besucher werden im Jahr erwartet. Der Eintritt soll fünf Euro kosten. GEORG KÜFFNER

Quelle: F.A.Z., 08.03.2005, Nr. 56 / Seite T2
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