13.07.2011 · Amateurfunk - gibt es den denn noch? Aber hallo! Und wenn in Friedrichshafen die Messe Ham Radio zum internationalen Treffpunkt überwiegend älterer Herrschaften wird, scheint das Kommunizieren als technisches Hobby zu blühen wie eh und je.
Von Hans-Heinrich PardeySeit wir Jederleute als Hin-und-zurück-Zwitscherer untereinander und mit unseren Verfolgten und Verfolgern sozial vernetzt sind, hat der Slogan „Amateurfunk - Fenster zur Welt“ doch stark an Strahlkraft verloren. Darüber kann es gar keinen Zweifel geben: Die Zeiten, als sich ein Funker als kommunikativer Pionier fühlen durfte, weil er feierabends mit jemand in Südamerika oder Zentralafrika in Kontakt trat, die sind schon eine ganze Weile her.
Aber am letzten Freitagmorgen im Juni herrscht vor Beginn der größten Amateurfunk-Messe Europas, der Ham Radio, am West-Zugang der Messe Friedrichshafen beeindruckendes Gedränge. Nicht alle, die da eine halbe Stunde und mehr auf Einlass warten, sind Männer, und nicht alle sind alt. Aber die Graubärte und -köpfe bilden doch die deutlich überwiegende Mehrheit. Das Publikum ist - wie die Aussteller der Messe - international. Nach drei Tagen Ham Radio wird die Messegesellschaft von 16.000 Besuchern und allseitiger Zufriedenheit berichten.
Damit wird keineswegs ein Ereignis bloß schöngeredet, das aus mindestens drei klar unterscheidbaren Komponenten besteht. Erstens ist die Ham Radio eine Verkaufsmesse, auf der sich die großen Namen der Branche mit der ganzen Palette ihrer Hardware genauso wie die kleinen Spezialisten mit vielleicht nur einem Produkt ein Stelldichein geben. Zwei Hallen füllt zweitens ein gigantischer, Kommunikationstechnik im weitesten Sinne bietender Flohmarkt: Viel ausgemusterte Nachrichtentechnik, vorzugsweise aus östlichen Militärbeständen, aber auch alte Radios und Röhren in vergilbter Originalverpackung. Unterschiedslos nebeneinander eine Grabbelkiste „Jedes Teil 1,50 Euro“ und dann wieder gestapelte Messtechnik von Rohde und Schwarz, das einzelne Gerät zu Preisen im mittleren vierstelligen Bereich.
Von Steckern und Spulen
Die dritte und bunteste Zutat der Ham Radio ist ein internationales Treffen, das munter zwischen Familienfeier, Fachkongress und Vereinsmeierei oszilliert. Da stellen sich europäische und außereuropäische Landesverbände der Funkamateure dar. Der deutsche Amateur-Radio-Club (DARC) fächert die ganze Breite des Hobbys und der Sonderinteressen auf: Geländelauf mit Funkpeilen, Behindertenarbeit, Jagd nach Diplomen, Schnelltelegraphie. Vorträge werden gehalten, einzelne Projekte stellen sich vor, alte Freunde liegen sich in den Armen oder trinken zusammen ein Glas Wein auf ihr Wiedersehen. Die Bundesnetzagentur informiert unter anderem mit einer „Anleitung zur Durchführung der Anzeige ortsfester Amateurfunkanlagen nach §9 der Verordnung über das Nachweisverfahren zur Begrenzung elektromagnetischer Felder (BEMFV)“. Und im Vorbeischlendern kann man lernen, dass eine QSL-Karte zur Bestätigung eines Funkkontakts mit dem Emirat Qatar nicht wie so oft den Operator vor seinen sämtlichen Funkgeräten zeigt, sondern ein bildschönes Pferd.
Es wird nicht nur gefeilscht um Messepreise, und es geht nicht nur um Kleinigkeiten wie ein Mini-Handsprechfunkgerät zum „unschlagbaren Preis“ etwa des Baofeng UV-3R aus China. Man macht sich ja keine Vorstellungen, was Funker alles benötigen und brauchen können - von Steckern und Spulen bis hin zu feinsten Pinzetten fürs SMD-Löten. Im Laufe eines Messetages wird das Schleppen immer beschwerlicher: Antennenteile, Glasfibermasten, dicke Kartons mit pfundigen Endstufen und nicht nur hin und wieder ein Indoor-Hubschrauber mit Funkfernsteuerung: Es sind halt doch große Jungs. Über dem ganzen Messegeschehen liegt aber bei allem Gewusel eine freundliche, ja freundschaftliche Atmosphäre.
„Morsen lebt“
Das mag damit zusammenhängen, dass viele, die sich hier von Angesicht zu Angesicht treffen, einander durch ihre drahtlosen Kontakte längst verbunden sind. Aber offenbar entlastet vom Druck, sich aufgesetzt professionell geben zu müssen, auch das Wissen, dass der Amateurfunk bis auf wenige Ausnahmen nur noch das ist, was er eigentlich von Anfang an sein wollte - eine Liebhaberei. Das trifft vor allem auf die Telegraphie zu. „Morsen lebt“ ist dieses Jahr zum Messemotto ausgerufen worden. Jahrelang wurde in der Vergangenheit erbittert darum gestritten, ob ein Kurzwellen-Amateur auf jeden Fall Telegraphie beherrschen müsse. Zur Lizenzierung ist das heute nicht mehr erforderlich. Heitere Lockerheit bewies bei der Messeeröffnung der ausgewiesene Schnelltelegraphist Hans Schwarz: „Morsen ist eine Kunst.“
Mit der fraglos bedeutender als heute wirkenden Vergangenheit des Amateurfunks befasst sich das Wiener Dokumentationsarchiv, für das am Bodensee Wolf Harranth den Horkheimer-Preis des DARC entgegennahm. Digitale Betriebsarten, Transceiver, die vor allem aus Software bestehen, und die Einladung zum Ortsvereinstreffen per E-Mail, das ist die Gegenwart des Amateurfunks, der um den Nachwuchs heftig zu ringen hat.