Auf dem Weg von Hamamatsu nach Kakegawa führt der Weg irgendwann durch eine alte Allee. Die japanischen Nadelholzbäume stehen dort seit mehreren hundert Jahren. Auch Torakusu Yamaha könnte sie Ende des 19. Jahrhunderts passiert haben, als er sich mit einem selbstgebauten Klavier auf den Weg nach Tokio machte. Er kehrte mit dem Lob der Fachleute nach Hamamatsu zurück und gründete 1887 die Yamaha Cooperation. 1902 begann die Flügelproduktion.
125 Jahre nach Gründung des Unternehmens verkaufen und bauen die Japaner jährlich mehr als 100 000 Klaviere und Flügel. Etwa ein Viertel davon stellt das Unternehmen in Kakegawa her. Der kleine Ort liegt rund 30 Kilometer von Hamamatsu entfernt, dem Hauptsitz des Unternehmens. 840 Mitarbeiter verteilen sich im Wesentlichen auf drei Bereiche: die Anfertigung des Korpus in einer Holzfabrik, die Herstellung der Eisenplatte in der nahe gelegenen Gusseisenfabrik und die Zusammenfügung der Komponenten in einer Halle.
Mehr als 10.000 Teile
Ein Flügel ist kleinteiliger Leichtbau und massive Materialverarbeitung zugleich. Allein die Mechanik des Spielwerks besteht aus mehr als 10.000 Teilen, der C7X-Konzertflügel hat eine Länge von mehr als zwei Metern und ein Gewicht von fast einer halben Tonne. Yamaha überlässt dort den Maschinen die Arbeit, wo diese exakter und nachhaltiger fertigen können als Menschen. Auf dem Gelände gibt es gar eine eigene Entwicklungsabteilung für Roboter. Yamaha stellt fast alle Komponenten selbst her: von der Mechanik über den Gussrahmen bis zur Klaviatur. Seine Tastenoberfläche namens Ivorite, die das verbotene Elfenbein ersetzt, hat Yamaha patentieren lassen.
Die statische Grundlage eines Flügels ist dessen Gussrahmen. Er wiegt bis zu 120 Kilogramm, das ist ein Drittel des Gesamtgewichts. Die Gusseisenfabrik erinnert wenig an die filigrane Gestalt eines Flügels. In der riesigen Halle ist es staubig und laut. Die Mitarbeiter tragen verschmutzte Overalls und gelbe Helme. Die Herstellung eines Rahmens beginnt immer mit dem Muster, das zehn Jahre lang seine Dienste tut. Es dient als Kopiervorlage, um eine Negativform herzustellen. Das ist eine Form mit Hohlräumen, die aus einem zusammengepressten Ober- und Unterkasten besteht. In diese läuft das 1400 Grad heiße Eisen. Um die beiden Teile herzustellen, wird gewärmte Folie luftblasenfrei über das Muster gezogen. Anschließend rieselt feiner Sand auf die Folie, der wiederum von einer weiteren Folie verschlossen wird. Durch Absaugen der Luft entsteht eine harte Sandschicht: der Oberkasten. Der gleiche Vorgang wird für die andere Seite wiederholt. In den geschlossenen Hohlraum, der durch das Zusammenfügen von Ober- und Unterkasten entsteht, wird die Flüssigkeit aus 97 Prozent Eisen und drei Prozent Silizium, Mangan, Carbon und Phosphor gefüllt. Während dieses Ablaufs können mit Ausnahme der großen Konzertflügel zwei Formen auf einmal gegossen werden. Anschließend muss die abgekühlte Form vom restlichen Sand gesäubert werden. Das erledigen kleinste Schrotkügelchen mit 1,4 Millimeter Durchmesser, die auf den Rahmen geschossen werden.
Für den CFX nur Handarbeit
Nun transportiert man die gereinigten Rahmen in die Lackiererei. Dort schleifen Arbeiter die Löcher trichterförmig nach und glätten die Formen, bevor dann die Maschinen übernehmen. Sowohl die Grundlackierung als auch die endgültige goldfarbene Beschichtung - die übrigens nahezu jeder Hersteller verwendet - erledigen Roboter. Auch hier gibt es wieder eine Ausnahme: Der größte Konzertflügel CFX erhält seine Lackierung per Handarbeit. Nun sind die Rahmen bereit, die 20 Tonnen Spannung, die durch das Aufziehen der Saiten entsteht, zu tragen.
Neben Gusseisen besteht das Übrige eines Flügels nahezu vollständig aus Holz. Je nach Bauteil, sei es bei Rahmen, Resonanzboden oder Spielwerk, ist Herkunft und Verarbeitung des Materials unterschiedlich. Die Verstrebungen innerhalb des Flügels sind aus Kiefernholz, die Hämmer stammen von Walnuss- oder Ahornbäumen, und der Resonanzboden besteht aus Fichtenholz. Yamaha schickt für die Suche nach dem perfekten Material „Holzscouts“ durch die Welt, die jedes Jahr aufs Neue das Material sichten und einkaufen.
Die bis zu sechs Meter langen Holzelemente, die in Kakegawa lagern, um zum äußeren Rahmen („Rim“) gebogen zu werden, sind meist schon seit mehr als einem Jahr unter der Obhut Yamahas. So lange kann es dauern, bis die Fachleute einen Baum gesichtet, gefällt, gelagert, getrocknet, zersägt und verarbeitet haben. Vorwiegend stammt das Holz für das Gehäuse aus Asien.
In der Fabrik selbst geht es mit der Verarbeitung recht schnell. So bekommt das in mehreren Schichten geleimte Holz seine typische geschwungene Flügelform, indem eine metallene Schablone in es hineingedrückt wird. Innerhalb einer halben Stunde trocknet eine Art „Mikrowelle“ den Holzleim. Nach Begradigung der Kanten macht sich der Arbeiter an den Flügelboden, um die Rasten einzusetzen. Diese vierkantigen Querstreben stabilisieren den Rahmen. Dabei ist es wichtig, wegen der Schwingungen den richtigen Winkel zu treffen. Bei der Verbindung zwischen Rasten und Rahmen wendet Yamaha eine alte Holzbaumethode namens „Arihozo“ an. An dieser Stelle kann Yamaha den Menschen nicht ersetzen. Es wird mit den Händen geschoben, gedrückt und gehämmert.
Charakter einer typischen Montagehalle
Bis hierhin käme man bei seinem Gang durch die Holz- und Gusseisenfabrik nicht unbedingt auf die Idee, dass auf diesem Gelände hochwertige Konzertflügel geboren werden. Erst in der dritten und letzten Halle sieht man fortwährend das typische Erkennungsmerkmal: die weißen und schwarzen Tasten der Klaviatur. Aufgrund der Arbeitsweise und Organisation hat diese Halle den Charakter einer typischen Montagehalle. An den Wänden der einzelnen Stationen hängen Digitaluhren, die jedem Angestellten anzeigen, wie lange seine Tätigkeit für ein Element dauern darf. So sind zum Beispiel mehrere junge Frauen in aufeinander folgenden Schritten damit beschäftigt, das Spielwerk zu perfektionieren. Dieses Bauteil kann man jederzeit als Ganzes herausnehmen, da es lediglich an den Seiten leicht verriegelt ist. Die Tasten sind mit der Mechanik verbunden, deren Aufgabe es ist, die Hämmer gegen die Saiten zu schlagen. Sie besteht aus vielen kleinen Holz- und Filzteilchen, die durch Gelenke miteinander verbunden sind. Yamaha stellt die Mechanik immer als komplettes Set her.
Bei der Bearbeitung des Spielwerks wird zunächst die Stärke des Anschlags feinjustiert, bevor eine weitere Arbeiterin den geeigneten Druckpunkt jeder Taste auslotet. Keine Maschine hilft, es ist pure Handarbeit. In dieser Halle finden sich indes auch einige vollautomatisch arbeitende Maschinen. In einem Raum versenken zwei Roboterarme 230 Metallstäbchen („Stimmwirbel“) durch die Löcher des Gussrahmens in den hölzernen Stimmstock. Ein anderer Roboter fädelt die Saiten in diese Stäbchen und wickelt sie auf. Wiederum eine andere Maschine übernimmt die erste Grundstimmung, indem ein Computer die Frequenz misst. Dieses Gerät steht hier erst seit zwei Jahren, Yamaha hat ein Patent darauf. Auch die Klaviatur wird mehrmals einer Maschine übergeben. Diese legt ihre metallenen Finger mit Filzkuppen auf die 88 Tasten und haut 300 Mal ohne Sinn für Harmonie und Rhythmus in die Tasten. Dadurch verfestigen sich die Filzbauteile der Mechanik. Die Lagerung der Flügel zum Trocknen überwacht ebenfalls ein Computer. Dieser regelt streng Luftfeuchtigkeit und Temperatur. Dabei ist entscheidend, ob die fertigen Instrumente bei Käufern in Asien oder Europa landen. Der Einsatz von Maschinen hat Methode. Yamaha ersetzt nur dort den Menschen, wo Computer und Roboter effizienter und besser sind.
Der Meister bestimmt den Charakter
Den letzten Arbeitsschritt machen die „Stimm-Meister“. Sie werden drei Jahre lang im Werk ausgebildet. Das Alter spielt keine Rolle. In ihren schalldichten Räumen bleibt den Japanern mit dem perfekten Gehör je Instrument etwa eine Stunde Zeit, um den korrekten und länderspezifischen Klang zu erzeugen. Zum richtigen Ton gehört es für europäische Kunden offenbar, dass der Flügel klar klingt. Dazu schiebt der Meister immer wieder das Spielwerk etwas aus dem Korpus heraus, sticht mit einem kleinen Dreizack in den gepressten Schafsfilz der Hämmer, um diese zu lockern. Die Klangfarbe lässt sich durch die Stärke und den Winkel des Stichs verändern. Dann schiebt er das Spielwerk wieder hinein, drückt die Taste und wiederholt das Prozedere so lange mit allen 88 Tönen, bis sie stimmen.
So entsteht eine Handschrift - oder, wenn man so will, eine Klangschrift. Der Meister bestimmt den Charakter des Flügels. Maschinen haben hier nichts zu suchen, alleine der Mensch findet den perfekten Ton. Nach vier Wochen ist das Instrument bereit, seinem Pianisten Flügel zu verleihen und die Tradition aus dem Örtchen Kakegawa in die Welt zu tragen.
Ohne Resonanzboden wird der Flügel nicht allzu gut oder besser gar
nicht klingen
Wolfgang Kaeflein (Wokae)
- 21.11.2012, 07:39 Uhr
Japan hat den Westen kopiert und ist einen Schritt weiter gegangen
K Letis (odysseus_9)
- 20.11.2012, 21:19 Uhr
