Einfach trivial. Man hätte selbst drauf kommen können. Denn schon lange gab es die Sackkarre, ein Ding ohne Seltenheitswert, praktisch, seit Jahrzehnten bekannt, gern genutzt zum Beispiel auch von Getränkelieferanten in Flughäfen. Aber der Geistesblitz ließ auf sich warten, und die Reisenden schleppten weiter schwere Koffer durch die Flure der Airports.
Erst 1987 war es so weit. Robert Plath, früher Pilot bei Northwest Airlines und heute Multimillionär, war es leid, seinen Koffer durch weitläufige Flughafengebäude zu tragen. Er schraubte ihm zwei Räder unter, versah ihn mit einem Teleskopgriff und startete aus seiner Garage heraus eine Kleinproduktion. Schon im ersten Jahr brachte sie ihm einen Umsatz von 1,5 Millionen Dollar ein.
Dabei war Koffermillionär Plath gar nicht der Erfinder des Rollkoffers. Wem diese Ehre gebührt, ist heute nicht mehr zweifelsfrei festzustellen. Im 19. Jahrhundert gab es bereits truhenartige Koffer mit Rollen, mit denen Handelsvertreter ihre Ware zum Kunden schoben. Einen richtigen Rollkoffer hatte dann 1970 der leitende Mitarbeiter eines großen Kofferherstellers aus Massachusetts entwickelt und zum Patent angemeldet. Nur schaffte das Vierrad-Modell den Durchbruch nicht, weil man es wie einen Hund an einem Band hinter sich herzuziehen hatte - was niemand wollte.
Unentbehrlich in Lagern
Auch im Fall der Sackkarre liegen die Anfänge im Dunkeln. Fest steht lediglich, dass die anfangs mit massiven Holzrädern und später mit Eisenrädern bestückten Karren den Scheuerleuten in den Häfen rund um den Globus gute Dienste leisteten. Die einstmals meistverbreitete Gebindeform, der Sack, gefüllt mit Schüttgütern wie Kaffee oder Salz, musste nicht mehr auf der Schulter geschleppt werden, wobei die kleinen Röllchen der zu Beginn komplett aus Holz gefertigten Sackkarren nur mit ebenem und festem Geläuf zurechtkamen. Speziell in den Lagerschuppen der Handelshäuser waren sie unentbehrlich - und belastbar, wie historische Aufnahmen zeigen. Bis zu zehn Säcke Zement, rund eine halbe Tonne, nahmen die auf.
Dennoch hat die Bedeutung der Sackkarre mit ihrem leicht nach hinten geschwungenen Holm schwer nachgelassen. Der Grund: Nur noch Kartoffeln, Walnüsse und Zwiebeln werden in größeren Mengen in Säcken abgepackt, während das Gros der Waren in einfach zu stapelnden Behältnissen (Faltschachteln und Plastik-Getränkekisten) unterwegs ist. Daher gibt es heute fast nur noch Stapelkarren. Deren Holm steht senkrecht, und die Schaufel, auf die man die Last aufsetzt oder die man darunter schiebt, ragt ebenerdig im rechten Winkel nach vorne.
Zwischen mehreren Schaufelformen und -größen - je nach Einsatzgebiet - kann man beim Kasseler Hersteller Expresso wählen, der für den modularen Aufbau seiner Karren bekannt ist. Zugunsten eines geringen Gewichts begnügen sich Paketdienste mit Rohrschaufeln, die aus parallel geführten Stäben bestehen und Gitterrosten ähneln. Wer dagegen Schweres zu transportieren hat, entscheidet sich tunlichst für eine Spatenschaufel. Die gibt es in Klein bis Groß. Stets ist die Oberfläche der aus Aluminium gefertigten Massivschaufel sorgfältig profiliert, so dass die Ladung kaum zur Seite abrutschen kann.
Ein Stapelkarren-Führerschein wird nicht verlangt. Doch diese Fahrzeuge richtig zu handhaben, sollte man üben wie Rückwärtseinparken. Vor allem das „Ankippen des Stapels“ ist nicht ohne, ist dazu bei einer schwer beladenen Karre doch einiger Kraftaufwand erforderlich. Man darf aber auch nicht zu stark zerren, weil dann der Stapel samt Karre zu kippen droht. Im schlimmsten Fall kommt die gesamte Last in Bewegung und stürzt auf den Karrenlenker zu.
Als „Ankipphilfe“ dienen heute oft U-förmig gebogene Achsen. Der Benutzer hält seinen Fuß gegen diese Trittmulde und kann die Last kontrolliert auf sich zu bewegen. Ein weiterer Vorteil: Da der gegen die Karre gehaltene Schuh mit dem Absatz Kontakt zum Boden hat, steht die Karre still und rollt während des Ankippens nicht weg.
Die Welt der Stapelkarre ist nahezu grenzenlos. Es gibt Modelle für Kongresszentren mit weit nach vorne auskragendem Hebearm, an dem ein halbes Dutzend gestapelter Stühle durch die Hallen gefahren werden kann. Reifenhändler und Rennsportteams nutzen Karren, an die zwei schwenkbare Greifschienen montiert sind, mit denen sich mehrere übereinanderliegende Reifen packen lassen. Für Fässer und Gasflaschen werden Modelle angeboten, die mit ihren nach innen gewölbten Rücken diesen Rundkörpern Halt bieten. Für Paddelboote gibt es Unterschnallroller, mit denen sie sich vom Auto ans Gewässer transportieren lassen.
Elektrische Treppensteiger-Karren
Dank Rutschkufen, parallel zum Holm geführt, überwinden moderne Stapelkarren Treppen. Wem das noch nicht komfortabel genug ist, der kauft sich eine sechsrädrige Treppensteiger-Karre. Die weisen links und rechts des Spatens sternförmig jeweils drei kleine Räder auf, mit denen sich verblüffend einfach die Stufen selbst steiler Treppen überwinden lassen. Noch bequemer geht das mit elektrischen Treppensteigern: Ein von einem Akku gespeister Motor drückt zwei parallel zur Achse sitzende „Füßchen“ aus dem Spaten nach unten heraus, die beiden Stelzen bewegen sich synchron in einem frei wählbaren Rhythmus. Ungeübte sollten die Geschwindigkeit des Auf und Ab drosseln, empfehlen die Hersteller. Denn rutscht eines der Beinchen von der Stufe, drohen Mensch und Karre samt Waschmaschine die Treppen hinunterzustürzen.
Um immer neuen Anforderungen der Kunden nachzukommen, tüfteln die Anbieter stets weitere Varianten aus. Wie das Modell mit einem dritten Rad, das sich (in gekippter Position) „feststellen“ lässt, ohne seine Mobilität einzubüßen. Das Ganze ist einem Kofferkuli verblüffend ähnlich. So erstaunt es nicht, dass man bei dem Kasseler Unternehmen Expresso auch diese Gefährte kaufen kann, die heute auf keinem Flughafen mehr fehlen dürfen.
Viele Nachfahren der Sackkarre
In deren Weiterentwicklung haben nicht nur die Kasseler über die Jahre viel Arbeit gesteckt. Schutzbleche wurden den Gepäckwagen angeschweißt, damit das beliebte „In-die-Hacken-Fahren“ weniger schmerzhaft ausfällt. Auch sind heutige Modelle beweglicher und sicherer. Eine „Totmanneinrichtung“ gehört heute üblicherweise dazu: Eine Bremse gegen unbeabsichtigtes Wegrollen löst sich erst beim Drücken des Griffrohrs. Nicht jedem erschließt sich die Handhabung auf Anhieb, was heikel sein kann, darf man doch auf einigen Flughäfen (etwa in Frankfurt) mit den Kofferkulis die Rolltreppen benutzen. Hat man den vollgepackten Karren auf die Treppe gerollt, ist sofort der Bremsgriff zu lösen, um den Wagen festzustellen. Tut man das nicht, kann es passieren, dass einen das Gerät samt Gepäck abwärts reißt. Auch durch falsch beladende Wagen kommt es immer wieder zu Unfällen: Koffer und Taschen rutschen von den Wagen, purzeln die Fahrtreppen hinunter und treffen weiter unten stehende Reisende.
Doch nicht nur für die Kofferkulis hat die Sackkarre Pate gestanden. Auch in Sachen Einkaufswagen musste dessen Erfinder nicht allzu viel Phantasie entwickeln, um zum Grundprinzip dieser heute aus der Konsumwelt nicht mehr wegzudenkenden Transportmittel zu kommen. Der Legende nach war es allerdings kein Korb und keine Kiste, die der Vater des Einkaufswagens, der Amerikaner Sylvan N. Goldman aus Oklahoma City, 1937 mit Rädern versah. Klappstühle auf der Terrasse seines Hauses sollen ihn auf die Idee gebracht haben. Der erste Einkaufswagen: ein Stuhl mit Rädern, auf den man einen der Drahtkörbe stellen konnte, die auch heute noch für den kleinen Einkauf im Supermarkt bereitstehen.
Frühmorgens gehören die Gassen von Venedig den Lieferanten. Nicht anders als in „normalen“ Städten wird in aller Herrgottsfrühe – möglichst bevor Mitarbeiter von Behörden, Banken und endlose Touristenströme die oft engen Fußwege bevölkern – all das angeliefert, was die Lagunenstadt am Leben hält. Vom Mineralwasser über Propangasflaschen, Gemüse und Obst bis zu kompletten Schweinehälften kommen all die Waren mit Frachtbooten bis an die Anlegestellen der Kanäle, um dort auf bereitstehende Transportkarren gehievt zu werden.
Diese Karren sind keine normalen Karren. Sie wurden eigens für die logistischen Herausforderungen Venedigs entwickelt. Die Karren müssen leicht zu steuern sein, damit ihnen enge Gassenradien keine Schwierigkeiten bereiten. Vor allem aber sollten sich mit ihnen ohne allzu viel Kraftaufwand die vielen Brücken überwinden lassen, die die rund 100 Inseln des Stadtzentrums verbinden.
Der zweirädrige Caretto, so der Fachterminus, wird aus schlanken Edelstahl-Vierkantrohren zusammengeschweißt. Es entsteht ein Gitterrohrrahmen, an dessen unterem Ende eine aus parallel laufenden Holmen bestehende „Schaufel“ rechtwinklig nach oben ragt, so dass im Fahrbetrieb keine Pakete von der Pritsche rutschen können. Die Räder der Venedig-Karre sind vergleichsweise groß, was ebenfalls den Fahreigenschaften zugutekommt. Und die Arbeitsbühne des Caretto, eine weitere Besonderheit, ist bei einer abgestellten Karre (in Ruhestellung) waagerecht zum Boden ausgerichtet, so dass beim Packen die Kartons und Kästen einfach nebeneinandergelegt werden können.
Doch nun zum Außergewöhnlichen. Der Caretto hat zwei nach vorn ragende „Fühler“, an deren Enden kleine Rollen montiert sind. Sie erleichtern das Treppensteigen – und das funktioniert so: Die Karre wird auf den sehr tiefen (und damit ehemals von Pferden gut zu meisternden) Stufen so weit nach vorn gefahren, bis die Räder gegen die nächste Stufe stoßen. Jetzt hebt der Karrenfahrer sein Gefährt an und lässt es mit den Teleskoprollen ein Stück nach vorn gleiten, weit genug, bis die großen Räder auf dem gerade erklommenen „Auftritt“ greifen Fuß gefasst haben.
Die offenen Pritschen des Caretto sind für den Transport prall gefüllter Abfallsäcke nicht zu gebrauchen. Venedigs Müllabfuhr-Karren haben deshalb Lochblech-Seitenwände. Sonst sind sie dem Klassiker sehr ähnlich. Jedoch nur auf den ersten Blick, denn sie haben ein raffiniertes Innenleben. Wenn sie vollbeladen vom Kran des an der Kanalwand festgemachten Müllboots auf den Haken genommen werden, kann man beobachten, wie sich der Boden der Karre öffnet und die Müllsäcke ins Abfallschiff stürzen.
"...Karren der Scheuerleuten ..."
Gerhard Katz (spital8katz)
- 31.12.2012, 22:39 Uhr
