22.01.2012 · Der Toyota Land Cruiser ist Geländewagen-Urgestein und von der Eleganz eines der Letzten seiner Art gezeichnet. Das Aussterben droht ihm dennoch nicht.
Von Michael KirchbergerSechzig Jahre, das ist schon eine beachtliche Zeitspanne. Für manchen bedeutete dieses Alter vielleicht den Zenit der eigenen Karriere, für andere den lange ersehnten vorzeitigen Eintritt ins Pensionärsdasein. Für ein Auto bedeutet die magische "60" in jedem Fall, dass es so manchen seiner Artgenossen um Dekaden überlebt hat. Kaum ein Modell ist heute noch auf dem Markt, das ohne Unterbrechung und immer mit dem gleichen Namen in den Verkaufsräumen gestanden hat. Bei Toyota, bei weitem nicht der älteste Automobilhersteller Japans, feierte einer dieser "Oldies" 2011 dieses Dienstjubiläum. Der Geländewagen Land Cruiser, gleichermaßen beliebt bei Landmann und Langstreckenfahrer, rollt in seiner zwölften Generation über Alm und Autobahn. Toyota hat aus diesem Anlass eine besonders umfangreich ausgestattete Modellvariante ins Programm gehoben, den Land Cruiser 60th Anniversary. Er teilt sich die Technik mit seinen vierzylindrigen Dieselkollegen, kommt aber mit einer wahrlich jubiläumswürdigen Ausstattung.
Das größte bei uns angebotene Toyota-Modell rollt immer noch auf einem Leiterrahmen mit Einzelradaufhängung vorn und einer Starrachse hinten. Das muss nicht schlecht sein, und unterwegs beweist der rund 2400 Kilogramm wiegende Land Cruiser, dass manch ein Wettbewerber mit aufwendigerer Radaufhängung und selbsttragender Karosserie die Unebenheiten weniger gefühlvoll bewältigt. Mit 4,76 Meter Länge ist er kürzer als ein 7er-BMW oder eine S-Klasse von Mercedes-Benz, mit den beiden Limousinen gelingt die Fahrt ins Parkhaus dennoch entspannter. Der große Wendekreis (11,4 Meter) und das wuchtige Blech lassen die meisten Parklücken schmal erscheinen.
Vor allem die üppige Breite von fast 1,90 Meter (ohne Außenspiegel) zwingt die Passagiere zu Gelenkigkeit beim Aussteigen, wenn doch mal eine Lücke zwar für das Auto reicht, der Fahrer aber nicht gnädig genug war, den Insassen das Verlassen des sperrigen Schiffs vorher zu erlauben. Gefallen will der Koloss aus Fernost mit großen Trittstufen unter den Türen. Die helfen jedoch beim Komfort nur wenig, im Gegenteil: Wer feinem Schuhwerk oder Hosenbeinen den schmalen (und meist schmutzigen) Spalt des Tritts nicht zumuten will, muss kräftig grätschen und kommt dennoch meist mit den (ebenfalls selten sauberen) Edelstahleinfassungen an der Stufenaußenseite in Kontakt. Da bleibt die Mannschaft lieber an Bord, solange es geht.
Und dort lässt es sich gut aushalten. Feines Leder hat der Geburtstags-Land-Cruiser auf allen Plätzen, dazu eine anständige Audioanlage sowie eine Zweizonen-Klimaanlage samt Heizung für die vorderen Sitze. Das und vieles mehr sowie einen 140 kW (190 PS) starken Dreiliter-Diesel gibt es für 59 850 Euro, während für die weniger umfangreich ausgestattete Executive-Version 60 850 Euro fällig sind.
Die Fahrleistungen des Vierzylinders sind beachtlich. Von 0 auf 100 km/h treibt er den Land Cruiser in 11,4 Sekunden, das Spitzentempo ist elektronisch auf 175 km/h begrenzt. Agil wirkt der Allradler jedoch allenfalls in Längsrichtung, in Kurven neigt sich der schwere Toyota deutlich und fordert zu Gelassenheit auf. Selten waren wir auf unseren Routen so bedächtig und unengagiert mit einem Probanden unterwegs. Aber auch bei sehr sachter Fahrt rückt der Moment des Zweifels unaufhaltsam näher. Zwar sind 87 Liter Diesel im Tank, aber die reichen selten für mehr als 1000 Kilometer. Und dann zeigt die Uhr der Zapfsäule dreistellige Beträge an. Den Normverbrauch konnten wir nicht verifizieren, er wird mit bei 8,1 Liter Diesel für 100 Kilometer angegeben, was einer CO2-Emission von 213 g/km entspricht. Unser Minimalverbrauch lag bei 9,4 Liter. Nach gelegentlichen zügigen Autobahn-Etappen, bei denen der Konsum auf knapp 15 Liter stieg, pendelte sich der Durchschnittswert bei 10,9 Liter ein. Gewicht und Stirnfläche fordern Tribut.
Wer braucht einen Land Cruiser? Menschen, die viel transportieren oder mächtige Anhänger auf den Haken nehmen wollen. Bis zu 1935 Liter passen in den Kofferraum, maximal 3,5 Tonnen darf der Toyota ziehen. Dass der selbst unter schwierigen Bedingungen nicht unter Traktionsschwäche leidet, dafür sorgt der permanente Allradantrieb. Er bietet die Möglichkeit, bei Bergabfahrten im Gelände das Tempo zu begrenzen, zudem lässt er sich auf die jeweilige Beschaffenheit des Untergrunds abstimmen.
Der Land Cruiser ist einer der Letzten seiner Gattung - echte Geländewagen mit wenigstens einer Starrachse, Geländeuntersetzung und Leiterrahmen gibt es kaum noch neu ab Werk. Doch für die Defender und G-Modelle dieser Welt und eben für den Land Cruiser sind noch ein paar Nischen offen. Schließlich fährt der Toyota bei Robustheit und der sicheren Fortbewegung im Gelände ganz vorne mit - und erst recht die noch archaischere Version Land Cruiser 70, die seit 1984 gebaut wird, aber in Europa nicht mehr zulassungsfähig ist, der Abgase wegen. Der 70 ist zusammen mit dem Toyota Hi-Lux (ein Pick-up) einer der "Kriegshelden" in Afrika (F.A.Z. vom 11. April 2011).
Aber auch der moderne, hier beschriebene Land Cruiser findet sein Glück nicht unbedingt auf den Asphaltpisten Europas, wenngleich er dort, abgesehen von unmäßigen Konsumgewohnheiten, keine schlechte Figur macht.
Zulassungsfähig
Onit Spiegler (Dakine123)
- 24.01.2012, 12:55 Uhr