Home
http://www.faz.net/-gy9-6ynxb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Technikgeschichte Im Strom der Dinge

 ·  Sonderausstellungen im Deutschen Museum beleuchten, wie die elektrische Energie den Alltag verändert hat. Eine Zeitreise zwischen Stromräuber und Energiesparlampe.

Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)
© Peter Thomas Barockes Gehäuse für Schlagermusik: Radiotechnik der 1950er Jahre im Deutschen Museum

Mit dem Stromnetz kam Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Quelle für Licht und Wärme, für Kraft und Kälte ins Haus. Diese elektrische Energie für den Eigenbedarf war zu Beginn noch ein absolutes Luxusgut und wurde in den ersten Jahrzehnten entsprechend zelebriert. Doch der Anschluss privater Haushalte an das Netz setzte sich - insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg - immer mehr durch. Die Elektrifizierung revolutionierte somit das private Leben auf breiter Basis.

Das Kabel zwischen Steckdose und Endverbraucher wurde dabei zur Nabelschnur einer neuen technischen Kultur. Elektrische Energie versprach einen bis dahin nicht gekannten Komfort: zunächst durch die Ablösung von scheinbar überholten Arbeiten und Geräten, vor allem aber durch die Erfindung ganz neuer Anwendungen. Das Deutsche Museum in München betrachtet in der Sonderausstellung „Kabelsalat - Energiekonsum im Haushalt“ (noch bis zum 15. April 2012 im Foyer der Bibliothek) diesen Aspekt der Technikgeschichte.

Eine nicht gekannte Helligkeit im Haushalt

Immer wieder dreht sich die recht kompakte Schau dabei um Fragen technischer, ökonomischer und psychologischer Schnittstellen. Dazu zählt natürlich die Steckdose als Vermittler zwischen Netz und Verbraucher. An ihren frühen Formen wie dem sogenannten „Stromräuber“ lässt sich der Ursprung des häuslichen Stromanschlusses für die Lieferung von Lichtenergie erkennen. Denn der Räuber war eine Vorrichtung, die mittels Schraubgewinde zwischen Lampenfassung und Leuchtmittel geschaltet wurde und so die Stromentnahme an der Deckenleuchte erlaubte.

Was da in den ersten Jahren über bunte Kabel mit Textilisolierung angeschlossen wurde, spricht von dem noch etwas tastenden Willen, das Medium Elektrizität über die Beleuchtung hinaus in den Haushalt zu integrieren: War der Zigarrenanzünder (1890) noch eher Statussymbol und technisches Spielzeug, sollte die elektrische Bratpfanne (1887) bereits den Küchenbetrieb erleichtern. Einen ganzen Herd unter Strom zu setzen schien den Erfindern dieses Werkzeugs zum Brutzeln und Braten vor 125 Jahren aber wohl noch zu ambitioniert.

Elektrisches Licht jedenfalls versprach eine bis dahin nicht gekannte Helligkeit im Haushalt. Damit nahmen die ersten privaten Stromkunden der Energieversorger einen Takt auf, den Fabriken mit illuminierten Werkshallen und der öffentliche Raum mit Theaterlicht und Straßenlaternen vorgaben. Neu war allerdings für die kleine Schicht der Stromkunden (in Berlin waren 1910 erst 3,5 Prozent aller Haushalte an das Netz angeschlossen) die individuelle Verfügbarkeit der Kraftquelle Elektrizität für verschiedene Endgeräte. Insbesondere die Einführung normierter Steckverbindungen stellte eine Grundlage dar für die freie Erweiterung des häuslichen Maschinenparks durch eine Vielzahl von Anwendungen und Maschinen.

Der Kabelsalat ist wohl so alt wie die Stromräubersteckdosen

Die oft barock-verspielte Gestaltung solcher frühen Elektrotechnik scheint für den heutigen Betrachter geradezu die theatralische Inszenierung der elektrisch beleuchteten Bühne aufzugreifen. Doch die davon getragenen Veränderungen des Alltags waren tiefgreifend: Elektrische Energie löste nicht nur bestehende Techniken wie die Beleuchtung mit Gas und Petroleum, das Bügeln mit Kohle oder Gas und das Kühlen im Eisschrank ab. Vielmehr entstanden zahlreiche neue Lösungen, die Hausarbeit und Freizeit veränderten - vom Staubsauger, der eine ganz neue Form der Wohnungsreinigung darstellte, bis zur Welt der elektronischen Medien.

Der elektrische Kabelsalat, welcher dieser kleinen Ausstellung den Namen gab, ist wohl so alt wie die Stromräubersteckdosen in den Fassungen der Deckenlampe. Doch wirklich unbändig sich zu schlängeln und zu winden begannen die Leitungen erst, als Elektrik und Elektronik sich anschickten, alle Lebensbereiche zu durchdringen. Voraussetzung dafür waren Schnittstellen wie das 1926 von Albert Büttner entwickelte Schutzkontakt-Stecksystem (Schuko), auf dem auch unsere heutigen Steckdosen und Stecker basieren. Im gleichen Jahr legte der Verband Deutscher Elektrotechniker eine DIN-Norm für Stecker und Dosen vor.

In der Gegenwart kommt die Ausstellung mit der Energiesparlampe an, jenem von vielen Menschen ungeliebten Urenkel der Kohlefadenglühlampe Edisons. Die Begleitpublikation (Sophie Gerber, Nina Lorkowski und Nina Möllers: Kabelsalat. Energiekonsum im Haushalt. München: Deutsches Museum 2012, 80 Seiten, 8Euro) folgt dieser Evolution der Elektrizität in Haus und Haushalt mit gut lesbaren Beiträgen und einem umfassenden Katalogteil.

Der „Schneewittchensarg“ setzte Maßstäbe

Wo die Ausstellung im Bibliotheksfoyer schon räumlich bedingt eher knappe Akzente setzen muss, kann eine zweite Sonderausstellung des Deutschen Museums im ersten Stock des Hauptgebäudes auf der Museumsinsel aus dem Vollen schöpfen. Hier reihen sich Fernsehgeräte und elektrische Rasierer, Küchenmaschinen und elektrische Experimentierkästen aneinander: Sie und andere Geräte mehr sind die Protagonisten von „Geliebte Technik der 1950er Jahre“ (noch bis zum 31. Juli). Die Schau bietet ein breites Panorama technischer Entwicklung in der Wirtschaftswunderzeit, die von einer schier unbändigen Lust an neuer Technik und neuem Design ebenso geprägt ist wie von dem Wunsch nach der Sicherheit bürgerlichen Lebens zur Abgrenzung gegenüber der Erfahrung des Krieges.

Diese Spannweite der Wünsche an Konsum und Technik wird selbst in den Radiomodellen der Epoche deutlich: Die von Dieter Rams und Hans Gugelot entworfene „Radio-Phono-Kombination SK 4“ der Marke Braun (der „Schneewittchensarg“) setzt Maßstäbe für das Design der Zukunft, während auf der anderen Seite klassische Röhrenradios im dunklen Holzfurnier Solidität ausstrahlen.

Die Exponate stammen aus dem Museumsdepot - so löst die Schau immerhin auf Zeit das Dilemma, den Sammlungsbestand nie in seiner Gänze dem Publikum erfahrbar machen zu können. Auch zu dieser Ausstellung sei der umfangreiche Katalog empfohlen: Dirk Bühler und Margherita Lasi (Hg.): Geliebte Technik der 1950er Jahre. Zeitzeugen aus unserem Depot. München: Deutsches Museum 2010, 192 Seiten, 15 Euro).

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Es werde Licht

Von Georg Küffner

Die optimale „Reiseausrüstung“ zu finden, braucht Zeit und Erfahrung. Geschäftsreisende und Vielfachurlauber kennen sich damit bestens aus. Mehr