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Bewässerungstechnik : Waalbeobachter im Vinschgau

  • -Aktualisiert am

Der Laaser Kandlwaal führte als hölzerne Rinne auf steinernen Pfeilern über die Etsch. Bild: Peter Thomas

Spektakulär schlängeln sich Bewässerungskanäle durch das Südtiroler Vinschgau. In der Welt der Waale erlebt der Wanderer wundersame Technik.

          Steil ragen die Pfeiler aus grobem Bruchstein in den Himmel, tragen eine hölzerne Rinne über Häuser und Straße hinweg. Wer die zum Teil mehr als 30 Meter hohe Konstruktion in der Südtiroler Gemeinde Laas sieht, der denkt unweigerlich an einen römischen Aquädukt – liegt damit aber knapp daneben. Denn der Laaser Kandlwaal ist erst mehrere Jahrhunderte nach dem Bau der römischen Via Claudia Augusta über den Reschenpass entstanden. Seine Aufgabe war jedoch tatsächlich der Transport von Wasser: Die einst 600 Meter lange Anlage brachte das über einen Kanal zugeführte Wasser über die Etsch hinweg auf den trockenen Südhang, wo es für die Landwirtschaft dringend benötigt wurde. 1907 wurde die Holzrinne durch ein Feuer zerstört, vor wenigen Jahren ist ein Teilstück rekonstruiert worden.

          Wer heute den Vinschgau besucht, der hat satte Obstgärten und saftige Weiden vor Augen. Doch diese Kulturlandschaft am Oberlauf der Etsch ist nur durch die künstliche Bewässerung der sonnenverwöhnten Südhänge dieses inneralpinen Trockentales möglich. Und so entstand in den vergangenen tausend Jahren ein umfangreiches Netzwerk von Bewässerungskanälen. Diese sogenannten Waale (in dem Wort steckt vermutlich der lateinische Begriff Aqualis für Wasserkrug) haben bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine Länge von mehr als 600 Kilometer erreicht.

          Die Kanäle fassen das Wasser der Bäche und Flüsse weit oben in den Bergen und bringen es über mehrere Kilometer lange Strecken zu den Anbauflächen. Tragwaal heißen die Hauptarme. Von ihnen gehen die kleineren, schließlich bis auf die Felder führenden Ilzen ab. Die Fördermenge eines Waals wird in Fürch gemessen, das entspricht etwa 35 Liter Wasser je Sekunde.

          Wasser gibt es im Vinschgau, hier oberhalb von Schlinig, in rund 1800 Meter Höhe an einem nebligen Herbstmorgen, genug. Wasser für das Netzwerk der Waale. Bilderstrecke
          Wasser gibt es im Vinschgau, hier oberhalb von Schlinig, in rund 1800 Meter Höhe an einem nebligen Herbstmorgen, genug. Wasser für das Netzwerk der Waale. :

          Die Konstruktion der Waale ist ausgesprochen vielfältig: Über weite Strecken sind die Kanäle in den Fels gehauen oder (vor allem im Tal) in den Boden gegraben. Aber es gibt auch Abschnitte aus Betontrögen und Eisenrohren sowie gepflasterte und durch gemauerte Dämme gesicherte Strecken. Dazu kommen Sandfänge, Abdeckungen mit Holz und Felsplatten gegen Erdrutsche, Wehre und andere Einrichtungen. Besonders aufwendig sind aus Holzrinnen bestehende und zum Teil als waghalsige Brückenbauwerke ausgeführte Waale. Diese sogenannten Kandeln werden entweder mit rechteckigem Querschnitt aus Brettern gezimmert, oder sie bestehen aus ganzen, ausgehöhlten Stämmen.

          Die Welt der Waale ist ein faszinierendes Stück Technikgeschichte. Es lässt sich auf angenehmen Wanderungen entlang der einstigen Wartungswege entdecken. In der modernen landwirtschaftlichen Praxis des Vinschgaus spielen die Kanäle hingegen nur noch eine untergeordnete Rolle. Nach wie vor sind die großen Tragwaale zwar unverzichtbare Wasserquellen. Aber die aufwendige Bewässerung der einzelnen Flächen durch das Einstechen eines Bleches in den Kanal, um das Wasser zum gezielten Überlaufen zu bringen, ist Geschichte. Stattdessen werden Wiesen, Felder und Obstanlagen durch Beregnungsanlagen versorgt, denen Druckrohre das Wasser zuführen.

          Statt dieser weitgehend automatisierten Bewässerung wurden die Waale über Jahrhunderte hinweg nach einem ausgeklügelten Organisationssystem genutzt. Details legte die jeweilige Dorfgemeinschaft in der sogenannten „Road“ fest, einem präzisen Plan für die Reihenfolge der Wassernutzung. Einen Einblick in diese Geschichte der Bewässerungstechnik gibt das Vinschger Museum in Schluderns.

          Quelle: F.A.S.

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