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Neue Deichbau-Technik : Die See kommt unter die Haube

Eine verfrühte Sturmflut im September hat an der Baustelle Dagebüll die Arbeiten verzögert, in diesen Tagen wird der Deichabschnitt fertiggestellt. Bild: Oliver Franke

Der Meeresspiegel steigt und mit ihm die Gefahr von Überflutungen. Damit die Deiche auch in Zukunft standhalten, müssen sie verstärkt werden. Das geschieht in Schleswig-Holstein mit einem originellen Verfahren.

          Wer nahe am Wasser gebaut hat, muss deshalb nicht immer gleich in Tränen ausbrechen. Im Gegenteil ist es oft eine rechte Freude, Ufergrundstücke am See oder Häuser mit Blick auf das weite Meer werden deshalb zu hohen Preisen gehandelt. Denn schon immer hat das lebenspendende Element die Menschen angezogen. Weil es nur selten einen Vorteil ohne Nachteil gibt, hat das Wasser aber auch seine Schrecken: Wenn es in Massen über die Ufer tritt, reißt es alles mit sich.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Also ist es notwendig, die Menschen vor der Natur zu schützen. Dort, wo das Land an der Küste flach ist, geschieht das seit mehr als einem Jahrtausend mit Deichen – also künstlichen Wällen, die das Meer von den Siedlungen fernhalten sollen. Sie sind so bemessen, dass sie nicht nur der gewöhnlichen Flut gewachsen sind, sondern sie sollen auch extremen Wetterereignissen trotzen, etwa wenn ein Sturm die Wassermassen gegen das Land drückt und zugleich bei Voll- oder Neumond der Tidenhub am größten ist. Das Problem: Der Meeresspiegel steigt und mit ihm die Spitzen der Sturmfluten. Das hat zur Folge, dass in Zukunft die Höhe der Deiche vielleicht nicht mehr reicht.

          Betroffen sind in Deutschland Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Schleswig-Holstein verteidigt mehr als tausend Kilometer Küstenlinie an Nord- und Ostsee mit 433 Kilometer Deichen, die bis knapp zehn Meter über Normalhöhennull (NHN) reichen, gegen das Meer, Niedersachsen hat 610 Kilometer. Die Ostsee ist wegen des geringen Tidenhubs im Grunde weniger problematisch, aber auch dort kann es Sturmfluten geben, die Anliegerstaaten kämpfen außerdem gegen starken Sedimentabtrag und Küstenerosion.

          Einen Deich aufzustocken ist nicht ganz leicht, denn einfach erhöhen geht nicht. Bilderstrecke
          Einen Deich aufzustocken ist nicht ganz leicht, denn einfach erhöhen geht nicht. :

          Die Deiche schützten in Schleswig-Holstein ein Viertel des Landes, 350 000 Menschen und fast 50 Milliarden Euro Sachwerte vor Überflutung, sagt Johannes Oelerich, der Direktor des Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN). Die Vorhersagen hätten sich wesentlich verbessert, so dass Sturmfluten früher und besser erkannt werden als in der Vergangenheit. In Zusammenarbeit mit Hochschulen werden zahlreiche Daten verarbeitet, Szenarien der Klimaforschung fließen ein. Die Wasserpegel misst der Landesbetrieb selbst an 55 Stellen in Nord- und Ostsee, hinzu kommen viele Pegelstandorte im Binnenland. Die älteste Messstelle in Cuxhaven wurde 1894 in Betrieb genommen, es liegen also ausreichend Erfahrungen vor. Je nachdem, wie lange man den Trend errechnet, ergeben sich unterschiedliche Ergebnisse; sicher ist, dass der Meeresspiegel seit 1975 mit zunehmender Geschwindigkeit steigt.

          Bei Erwärmung dehnt sich das Wasser aus, das ist neben dem Schmelzen der Gletscher ein Grund für den steigenden Wasserstand. Je nach Szenario werden 30 bis 80 Zentimeter bis Ende des Jahrhunderts vorausgesagt. Das klingt im Vergleich zu einer sehr schweren Sturmflut, die vielleicht einmal in zehn Jahren auftritt und den Pegel um mehr als 3,5 Meter gegenüber dem mittleren Hochwasser ansteigen lässt, nicht beängstigend, kann aber dazu führen, dass ein knapp bemessener Deich, der bis dahin ausreichte, überflutet wird. Darüber, ob in Zukunft auch die Intensität der Stürme zunimmt, werde diskutiert, erklärt Birgit Matelski, die Leiterin des Bereichs Gewässerkunde im LKN. Es sei aber wissenschaftlich bisher nicht nachgewiesen.

          Ein zusätzlicher Deich ist nicht notwendig

          Wie das Land und auch die Halligen mit ihren auf Warften stehenden Gebäuden gegen kommende Fluten geschützt werden sollen, ist in einem Generalplan festgeschrieben, der erstmals 1963 erstellt wurde und unter anderem die Bauvorhaben für die nächsten zehn Jahre beschreibt. Der jüngste stammt aus dem Jahr 2012, in ihn ist auch der Hochwasserschutz nach einer Richtlinie der EU von 2009 eingeflossen. Demnach wird für die Berechnung der Deiche ein Pegelanstieg von 50 Zentimeter bis 2100 angenommen. Sie sollen hoch genug sein, um einem Ereignis, das statistisch einmal in 200 Jahren (Wahrscheinlichkeit 0,005) zu erwarten ist (oder dem bisher erreichten Höchstpegel) derart standhalten zu können, dass nicht mehr als 2 Liter je Meter und Sekunde den Deich überfluten.

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