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Profi-Ski im Selbstversuch : Der Tag, an dem ich Svindals Weltcup-Ski vollblutete

Als die Stiefel in die Bindung klackten, spürten wir Eisenbahnschienen an den Füßen, mit dem Unterschied, dass sie rutschten wie ein Stück Seife in der Badewanne. Einfach so zu carven funktionierte nicht. Beim Versuch, den Abfahrtsski bei geringer oder mittlerer Geschwindigkeit aus Hüfte und Knien heraus auf die Kante zu stellen, passierte gar nichts, außer dass das Gleichgewicht verlorenging. Der Head hielt seinen Kurs eisern geradeaus. Er verlangte nach Gas, viel davon, je mehr, desto wohler schien er sich zu fühlen. Es hatte keinen Sinn, zögerlich herumzueiern, wie wir es anfangs taten.

Als brauchbarere Taktik erwies sich diese: einen Moment abpassen, bis einigermaßen freie Bahn herrscht, die Skispitzen talwärts richten und im Schuss den Hang hinunterhämmern, bis das Tempo so hoch ist, dass man eigentlich abschwingen möchte. Stattdessen aber laufen lassen, dem Ski und dem lieben Gott vertrauen, zum weiten Bogen ansetzen und nicht an den Z-Wert der Bindung denken.

Auf Biegen ohne Brechen: „Flexkerben“ auf der Ski-Oberseite
Auf Biegen ohne Brechen: „Flexkerben“ auf der Ski-Oberseite : Bild: F.A.S.

Das klappt. Nur ist man rasch so höllenschnell, dass man erstens extrem vorausschauend fahren muss, zweitens wie ein donnernder Güterzug von hinten auf kreuzende Normalfahrer aufläuft und drittens dann doch den Schneid verliert. An abrupte Ausweichmanöver war nicht zu denken angesichts des unerschütterlichen Geradeauslaufs der sturen Bretter, die die Kraft aus den Oberschenkeln sogen.

Druck auf die Kante

In der Kaffeepause plazierten wir die Langen so, dass sie vom Tisch aus stets im Auge zu behalten waren. „Wenn die wegkämen – das würden sie uns nicht verzeihen“, sagte Klaiber. Wir stellten uns vor, wie solche Skier, von Profis bewegt, in Eispassagen von Kitzbühel oder Wengen schlagen, sich verbiegen, verwinden, verbeißen, vermochten mittlerweile ein wenig besser nachzuempfinden, welche Kräfte da wirken, welches Können erforderlich ist. Die Möglichkeiten dieser Skier hatten wir bis dahin nicht einmal angekratzt. Überwältigend war die Laufruhe. In einigen Momenten war es uns tatsächlich gelungen, mit dem Ski zu fahren, meistens war es umgekehrt.

Überragend: Mit Svindals Abfahrtslatten wird unser 1,85-Meter-Mann über sich hinauswachsen müssen. Rechts im Bild ein Damen-Super-G-Ski.
Überragend: Mit Svindals Abfahrtslatten wird unser 1,85-Meter-Mann über sich hinauswachsen müssen. Rechts im Bild ein Damen-Super-G-Ski. : Bild: F.A.S.

Später am Nachmittag, als sich das allgemeine Treiben Richtung Après-Ski verlagerte, kam die Sonne heraus. Plötzlich Sicht, endlich leere Pisten. Wir begannen zu genießen, was wir da taten, wagten mehr und mehr, viel mehr als vorher geplant. Und doch gaben Svindals Bretter permanent zu verstehen, drastisch unterfordert zu sein, sich gerade ziemlich zu langweilen, man sich lediglich als geduldeter Passagier zu betrachten habe und nicht als ebenbürtiger Partner. Gegen die geballte Macht des Metalls war einfach nicht genug Druck auf die Kante zu bringen, ganz gleich, wie man sich mühte. Für eine wirklich fotogene Schräglage reichte es nicht, auch wenn sich Matthias Klaiber immer wieder mit der Kamera in den Schnee legte.

Ja, so war es. Die letzte Abfahrt führte den zu bis zu 65 Grad schrägen Steilhang am Rettenbachferner hinunter, wo Eisplatten blank lagen. Svindals Scharfkantige zuckten nicht mal. So ging dann irgendwie alles gut mit diesen beiden Biestern, die den ganzen Tag über auf einen kleinen Fehler gelauert hatten. Das wäre übel geworden. Und unten im Tal hätte kein Hahn danach gekräht.

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