http://www.faz.net/-gy9-810rx

Neues von Nomos Glashütte : Die Uhr ist eine Scheibe

  • -Aktualisiert am

Tangente und Minimatik von Nomos Glashütte Bild: Hersteller

Die nächste Sensation von Nomos Glashütte: DUW 3001, ein flaches, präzises und günstiges Automatikwerk. Es debütiert in der Tangente und in der neuen Minimatik.

          Das Swing-System im vergangenen Jahr war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich: Zur Baselworld, der morgen beginnenden größten Uhrenmesse der Welt, präsentiert Nomos Glashütte ein völlig neues Automatikwerk, das in vielerlei Hinsicht ein Geniestreich ist: ein flaches, präzises, großserientaugliches und dabei preisgünstiges Kaliber. Diese Kombination von Eigenschaften ist einmalig, denn entweder sind die Werke bislang voluminös und günstig oder wenig präzise oder aber flach und teuer, weil nicht für die Großserie geeignet.

          Zudem muss man wissen, dass bis auf wenige handgefertigte Stücke so gut wie alle Automatikuhren auf Werken basieren, die mehr als 40 Jahre alt sind. Sie werden in unzähligen Varianten jedes Jahr rund sieben Millionen Mal gebaut, wobei sie verändert, modular weiterentwickelt, veredelt und finissiert, „getunt“ werden. Und sie kommen - Ausnahme Rolex - alle von der Schweizer Eta oder Unternehmen wie Sellita, die nach Ablauf der Rechte diese Kaliber nachbauen. Das bekannteste ist das Chronographenwerk 7750 Valjoux, das auch von vielen teuren Manufakturen verbaut wird. Die Bedeutung der Automatikwerke erschließt sich aus der Tatsache, dass rund 90 Prozent aller mechanischen Uhren von einem Rotor angetrieben werden.

          Das neue, nur 3,2 Millimeter hohe und 28,8 Millimeter große Kaliber DUW 3001 (DUW steht für Nomos Glashütte Deutsche Uhrenwerke) könnte man mit dem VW Golf vergleichen, der nach Jahrzehnten den Käfer abgelöst hat: ein völlig neues Konzept, mit neuen Materialien und kompromisslos auf modernste Fertigungstechnik hin optimiert. Es feiert Premiere in der Tangente, dem Erstling von Nomos Glashütte, der bereits als Klassiker gilt. 6,9 Millimeter ist das Gehäuse hoch, nur 0,3 Millimeter höher als die Handaufzugsvariante. Und zum zweiten im neuesten Modell, der Minimatik, einer schlanken, farbenfrohen Damenuhr, die ebenfalls in Basel Premiere hat. So schlägt Nomos Glashütte den Bogen, so viel Symbolik muss sein.

          Vorn die Brücke über die Unruh mit dem Swing-System
          Vorn die Brücke über die Unruh mit dem Swing-System : Bild: Hersteller

          Schon der erste Blick auf das Werk zeigt den Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Layout: Fast alle Teile sind in dem nur einen Millimeter hohen Raum zwischen der Werkplatte und der Dreiviertelplatine verbaut. Es gibt keinen klassischen Unruhkloben, sondern eine Brücke, mit der die Unruh stabil verankert wird. So hat der beidseitig aufziehende Rotor Platz, sich ungehindert um das Werk zu bewegen und die Zugfeder aufzuziehen. Ebenso auffällig ist, dass sogar das Sperrrad, das die Zugfeder spannt, unterhalb der Platine unterkommen musste. Dafür durfte es nur noch halb so stark sein wie bisher. Damit es an diesem Hauch von Rad keinen Abrieb gibt, wurde es aus einem speziellen neuen Werkstoff hergestellt, der sich gut bearbeiten und vor allem härten lässt.

          Zudem musste es noch präziser gefertigt werden, was im Übrigen für alle Teile in diesem engen Bauraum gilt: „Wir konnten die üblichen Toleranzen halbieren“, sagt Theodor Prenzel. Er ist der geistige Vater des neuen Werks, in das die Entwicklungsabteilung 1,5 Millionen Minuten (drei Jahre) und die Gesellschafter 2,5 Millionen Euro gesteckt haben. Die geringen Toleranzen sind nicht nur für die Bauhöhe von Bedeutung, sondern aus der Präzision der Bauteile ergibt sich fast zwangsläufig die angestrebte hohe Ganggenauigkeit des Werks. Interne Laborversuche haben dem DUW 3001 auf Anhieb Chronometerfähigkeit bescheinigt. Dazu ist es einfacher und schneller zu montieren.

          Dass Nomos Glashütte jahrelang am Swing-System - dem Taktgeber der Uhr - und an einem Rädersatz geforscht hat - das sind die Zahnräder und Triebe für die Energieübertragung im Werk -, zahlte sich bei der Optimierung dieser Teile für das neue Kaliber aus. Für das flache Werk musste auch eine flachere Zugfeder entwickelt werden, die trotz geringeren Materialeinsatzes genug Zugkraft hat. Durch Anordnung, Winkel und Zahl der Zähne konnten die Konstrukteure den Wirkungsgrad des Laufwerks um 10 auf nun 94 Prozent steigern.

          Für weniger Verschleiß sorgt eine Art Bremse im Rotor: Der zunehmende Widerstand der Aufzugsfeder stoppt ihn, um ein ständiges Durchdrehen zu verhindern, wenn das voll aufgezogene Werk schon ausreichend Energie hat. 42 Stunden Gangreserve bietet die Flunder. Aus 157 Teilen, darunter 27 Steine, besteht das DUW 3001, das selbstredend die typischen Glashütter Merkmale zeigt: Außer der Dreiviertelplatine die gebläuten Schrauben, den Streifenschliff, dazu hat es eine Stoßsicherung und ist in sechs Lagen reguliert. Und es wiegt fast genauso wenig wie das Nomos-eigene Handaufzugswerk mit nur hundert Teilen.

          Für das neue Werk haben die Designer auch eine neue Uhr gezeichnet: Die Minimatik ist mit ihrer schmalen Lünette und der Zifferblatt-Gestaltung unverkennbar eine Nomos, die mit einem Gehäusedurchmesser von knapp 36 Millimeter eher für Damen gedacht ist. Dass sie 8,9 Millimeter hoch ist, liegt an dem gewölbten Saphirglas, das sich über dem weiß versilberten Zifferblatt mit den perlierten Indexen, großen blauen Ziffern und roten Zeigern spannt. Über der 6 ist die Kleine Sekunde angeordnet, auf das neue Werk deutet der rote Aufdruck „Automatik“. Bewundern kann man es durch den Glasboden. Das Edelstahlgehäuse ist bis 30 Meter wasserdicht.

          3,2 Millimeter flaches Kaliber DUW 3001
          3,2 Millimeter flaches Kaliber DUW 3001 : Bild: Hersteller

          Nach dem Sommer wird die Minimatik am schwarzen Lederband für 2800 Euro zu den Juwelieren kommen. Sie ist der elegante Gegenbeweis zur Behauptung eines Schweizer Uhren-Gurus, unter 4000 Euro gehe nichts bei flachen Automatikuhren mit hoher Präzision. Die klassische Tangente wird mit dem DUW 3001 sogar nur 2600 Euro kosten. Bis zum Herbst wird das Angebot eine Automatikversion für jede Modellreihe umfassen. Damit will die Glashütter Manufaktur, die Marktführer bei Handaufzugsuhren ist, einen ordentlichen Anteil auf dem weit größeren Markt für automatische Zeitmesser erobern.

          Die Fertigungskapazität für sechsstellige Stückzahlen ist vom Produktionsstart an gegeben, ein weiteres Stück Unabhängigkeit von der Eta, die nicht mehr uneingeschränkt liefert. Die inhabergeführte Manufaktur ist fähig und willens, auch an Dritte zu liefern. Wer als Juwelier Kundschaft hat, die sich für ein einzigartiges Hightech-Werk made in Germany begeistern kann, wird zu seinen bisherigen Nomos-Liebhabern neue gewinnen. Da Zeit relativ ist, wagen wir die Voraussage: Dieses war der zweite Streich, doch der dritte folgt sogleich.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Völlig von der Rolle

          Flexible Oled-Anzeigen : Völlig von der Rolle

          Was derzeit mit Oled-Bildschirmen möglich ist, zeigt am eindrucksvollsten immer noch LG. Doch auch andere Hersteller biegen ihre Displays erstaunlich weit.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Aussagemarathon : Wie gefährlich ist Bannon für Trump?

          Sonderermittler Robert Mueller hat Trumps ehemaligen Chefstrategen Steve Bannon vorgeladen. Beobachter spekulieren bereits, ob beide einen Handel abgeschlossen haben könnten.

          Gastbeitrag : Europa droht die Spaltung

          Auf dem Kontinent werden teuer erkämpfte Freiheiten über Bord geworfen. Deutschland müsste wichtige Gegenimpulse setzen. Doch Berlin ist mit sich selbst beschäftigt.

          Handelsüberschuss : Tendenz: Sinkend

          Deutschland exportiert viel und importiert wenig. Viele Deutsche sind stolz, doch andere Länder ärgern sich darüber. Jetzt aber scheint sich der Trend zu drehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.