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Routemaster als Lego-Modell : Nachtschicht im Busdepot

  • -Aktualisiert am

Endlich fertig: Wer die 1680 Steinchen ordentlich sortiert, tut sich anschließend leichter. Bild: Peter Thomas

Lego hat eine Ikone der britischen Mobilitätsgeschichte als Bausatz herausgebracht. Der Routemaster ist für viele Menschen der Inbegriff des roten Londoner Doppeldeckerbusses.

          Bei diesem Bausatz sieht jeder Modellbauer rot. Nein, nicht etwa, weil Legos neustes Modell eklatante Mängel hätte. Sondern nur deshalb, weil die 1680 Plastikbausteine des neuen Bausatzes der Reihe Lego Creator Expert nun einmal zum allergrößten Teil in einem satten Rot gefärbt sind. Und das macht die Suche nach so manchem Sonderteil zur Sisyphusaufgabe (auf wenn der seinen Stein gerollt hat und nicht nach Steinen kramen musste).

          Wir haben drei Nachtschichten gebraucht, bis die Miniatur des legendären Londoner „Routemaster“-Omnibusses montiert war. Der Bausatz (Set Nummer 10.258) kostet 120 Euro. Das ist ein attraktiver Preis angesichts der rund 40 Euro, die nach wie vor für den 2016 erschienenen, erheblich kleineren und weniger detaillierten Routemaster aus gerade einmal 118 Teilen aufgerufen werden (Lego Set Nummer 40.220).

          Eher für erwachsene Fans

          Das Konzept der Miniatur zielt klar auf erwachsene Käufer ab: Einerseits ist der Spielwert ohne funktionierende Lenkung und wegen des arg filigranen Zusammenhalts der fertigen Konstruktion deutlich eingeschränkt. Zum Vergleich: Jedes ähnlich große Modell der Technic-Reihe von Lego wartet stattdessen mit zahllosen Mechanismen und einer viel höheren Stabilität auf. Das gilt ähnlich auch für die Sets von Fischertechnik. Und Miniaturen aus dem Metallbaukasten, beispielsweise von Eitech, Meccano und Tronico, sind nach dem Zusammenbau zumindest deutlich massiver als der rote Bus. Also lieber in der Vitrine parken als auf dem Spielteppich im Kinderzimmer.

          Dafür punktet der Routemaster aber mit einer großen Anschaulichkeit. Denn sowohl sein Dach als auch die obere Etage lassen sich abnehmen. Diese modulare Architektur des Modells erlaubt Einblicke in das Innenleben des vorbildgerecht mit zahlreichen Sitzbänken und steiler Wendeltreppe ausgestatteten Busses. Immerhin angedeutet ist der Reihensechszylindermotor unter der aufklappbaren Motorhaube.

          In London braucht ein Bus natürlich auch ein Dach. Bilderstrecke
          In London braucht ein Bus natürlich auch ein Dach. :

          Was dem Lego-Modell an technischen Funktionen fehlt, das macht dieser Bausatz mit einer ganzen Reihe liebevoller Details wett. Dabei sind die Zeitung auf dem Treppengeländer und der vergessene Regenschirm eher Zeichen bürgerlicher Respektabilität. Die leere Bierdose und der unter die Sitzbank geklebte Kaugummi erinnern an andere Facetten alltäglicher Nutzung des ÖPNV.

          Schön für etwas ältere Lego-Bauer sind die zahlreichen klassischen Bausteine. Sie bilden eine greifbare Reminiszenz an die ersten Erfahrungen mit dem dänischen Spielsystem vor vielen Jahrzehnten. Die Noppenklötze harmonieren erstaunlich gut mit den zahlreichen modernen Elementen, deren Einsatz die nahezu glatten Außenflächen des Modells möglich machen. Ganz neu in diesem Set sind unter anderem die Reifen und die Viertelbögen, welche eine fließende Modellierung der Dachlinie im Heckbereich ermöglichen.

          Die roten Riesen der Sechziger Jahre

          Das Vorbild des Modells war weder der erste noch der letzte Doppeldecker-Omnibus, der mit roter Lackierung im Stadtverkehr der britischen Hauptstadt eingesetzt wurde. Dem AEC Regent (RT), dem direkten Vorgänger des Routemaster (RM), widmete beispielsweise die legendäre Filmreihe „British Transport Films“ im Jahr 1957 die Dokumentation „Overhaul“. Doch kein Bus hat sich durch mediale und wirkliche Präsenz so in das kollektive Gedächtnis von London eingegraben wie dieses Fahrzeug, das ab 1954 von AEC (Associated Equipment Company) gebaut und ab 1959 in London in Dienst gestellt wurde. Der letzte neue Routemaster für die britische Metropole wurde im März 1968 angeschafft.

          Insgesamt mehr als 2800 Busse dieses Typs entstanden in verschiedenen Varianten. Der allergrößte Teil davon wurde im Londoner Stadtverkehr (roter Lack) und im Regionalverkehr rund um die Hauptstadt (grüner Lack) eingesetzt. Im Londoner Stadtbild sind die Busse bis heute gelegentlich zu sehen. Denn 2005 wurden zwar die letzten Routemaster aus dem Linienverkehr zurückgezogen. Aber Transport for London bot weiterhin einen in die regulären Fahrpläne integrierten Museumsverkehr auf Teilstrecken der Linien 9 und 15 an.

          Im Juli 2014 wurden dann die Routemaster-Fahrten der (vom Modell dargestellten) Linie 9 eingestellt. 2015 ist auch die Frequenz der Fahrten auf Linie 15 reduziert worden. Noch aber sind die roten Riesen der Sechziger Jahre nicht ganz von den Straßen verschwunden.

          Quelle: F.A.S.

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