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Fußgängerbrücke Bremerhaven : Die Glasröhrenbrücke auf dem Drehfuß

Damit Schiffe in den Museumshafen gelangen, hat man die Fußgängerbrücke drehbar gebaut Bild: Samuel Sumesgutner

Der Mittelteil der Glasbrücke über den Alten Hafen in Bremerhaven lässt sich drehen. Damit gehört das Bauwerk zur kleinen Schar beweglicher Brücken. Das soll jede Woche einmal geschehen, um die Beweglichkeit sicherzustellen.

          Die neue Fußgängerbrücke über den Alten Hafen von Bremerhaven lässt sich drehen. Damit gehört das rund 100 Meter lange Bauwerk zur kleinen Schar beweglicher Brücken. Doch die vom Planungsbüro WTM Engineers gemeinsam mit den Architekten „nps Tchoban Voss“ (beide Hamburg) erdachte Querungskonstruktion wird ihre Beweglichkeit nur gezügelt unter Beweis stellen können. Lediglich einmal in der Woche wird sie ihr 42 Meter langes Mittelteil um 90 Grad zur Seite schwenken. Und das nicht, um hoch aufragende Schiffe in den oder aus dem sich südlich anschließenden Museumshafen ausfahren zu lassen.

          Georg Küffner

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Nein, die Bremerhavener Glasröhrenbrücke soll im Wochenrhythmus gedreht werden, damit sie ihre Beweglichkeit nicht verliert. Man will verhindern, dass sich das Drehlager festsetzt. Ihren eigentlichen Zweck, die Hafenpassage freizugeben, so die offizielle Sprachregelung, wird die Brücke im Schnitt nur viermal im Jahr erfüllen müssen. Und zwar dann, wenn die dauerhaft im Museumshafen liegende hölzerne Bark „Seute Deern“ in einer der Bremerhavener Dockanlagen repariert oder verschönert werden soll. Oder wenn ein anderes betagtes Segelschiff zur Visite in Bremerhaven vorbeischaut.

          Dort, wo sich die Röhrenbrücke heute dreht

          Dem Bau der Drehbrücke ist eine Ausschreibung vorausgegangen. Dabei wurden auch andere Mechanismen zur Bewegung wie die klassische Klappbrücke oder die immer wieder gern gebaute Hubbrücke untersucht, doch diese beiden Lösungen hatten von Anfang an kaum Chancen. Denn dort, wo sich die Röhrenbrücke heute dreht, werden keine Auffälligkeiten geduldet, steht doch in unmittelbarer Nähe der „organische Baukörper“ des Bremerhavener Klimahauses, in dem auf 9000 Quadratmeter Ausstellungsfläche die Besucher unterschiedlichste Klimazonen fühlbar dargestellt bekommen. Und auf der anderen Seite des Hafenbeckens führt die Brücke bis an das Columbus-Center heran, dem ebenfalls keine ernsthafte Konkurrenz entstehen sollte.

          Nur durch die Einheit aus Unterbau und aufgesetztem Fachwerkdach konnte die Glasröhre so filigran gebaut werden
          Nur durch die Einheit aus Unterbau und aufgesetztem Fachwerkdach konnte die Glasröhre so filigran gebaut werden : Bild: Samuel Sumesgutner

          Die Fußgängerbrücke über den Alten Hafen musste sich daher optisch schlank machen. Diese Vorgabe ließ sich am besten mit einer ebenflächigen Glaskonstruktion lösen, die mit ihrer Transparenz sowohl Durchsicht von außen als auch den darüber laufenden Passanten den Blick auf das Hafenbecken und die seitliche Bebauung ermöglicht. Zudem hat die Glasröhre mit ihrem leicht gepressten (dekupierten) Ellipsenquerschnitt einen weiteren Vorteil: Der Übergang ist rundum geschlossen und schützt so vor Wind und Regen. Auch gegen tropische Temperaturen im Sommer hat man vorgesorgt: Im unteren Bereich der Röhre lassen sich gläserne Zuluft-Lamellen und im First „Wärmeabzugsflügel“ öffnen. Es entsteht ein natürlicher Luftzug, der nach den Ergebnissen der Simulationsrechnung die Temperatur in der Röhre nie mehr als fünf Grad über die der Umgebung steigen lässt.

          Die drei Brückenteile bringen nur 300 Tonnen auf die Waage

          Die Glasröhre ist absolut symmetrisch aufgebaut. Es gibt nur zwei Ausnahmen, und zwar hat man zwischen den feststehenden Uferteilen und dem drehbaren Mittelstück der Brücke die Fugen im Winkel von zehn Grad angeschnitten, um ein kollisionsfreies Ausfahren zu ermöglichen. Hier an den Übergängen befinden sich auch jeweils drei hydraulische Schieber, die in geschlossenem Zustand aus der Brücke einen „kraftschlüssig“ verbundenen Durchlaufträger machen. Während man diese Riegel nicht sehen kann, lässt sich der Drehantrieb zumindest erahnen. Genau über dem zwei Meter messenden Drehlager hat man eine rutschfeste, angerauhte Glasplatte in den Laufweg eingelegt. Hebt man sie heraus, kommt man zum zentralen Kugellager der Brücke und zu zwei Hydraulikmotoren, wie sie auch zum Antrieb von Turmkränen verwendet werden.

          Beim Glasüberbau der Bremerhavener Drehbrücke handelt es sich um eine „tragende Röhre“. Das heißt, dass die Stabilität dem Zusammenspiel des begehbaren Unterbaus aus stählernen Längs- und Querrippen mit einer aufgesetzten Platte und dem aufgesetzten Fachwerk zu verdanken ist. Weder der Unterbau noch das ellipsenförmige „Dach“ der Brücke könnten für sich allein stehen. Sie ergänzen sich in Form und Tragvermögen, was dem Ideal jeder Konstruktion entspricht. Dadurch konnte Material, vor allem Stahl, eingespart werden. Die drei Brückenteile bringen nur 300 Tonnen auf die Waage. Und auch das ist interessant: Die Brücke ruht nur an den Übergängen zu den sich an den beiden Enden anschließenden Gebäuden auf Lagern. Das bedeutet, dass Verformungen durch Windkräfte oder Temperaturveränderungen von den Stützen aufgenommen werden müssen.

          Ein wichtiger Teil des Bauwerks bleibt verborgen

          Die das „Tragwerk“ der Glasbrücke - und damit auch ihre Form - verantwortenden Ingenieure zeigen sich mit ihrer Arbeit zufrieden. Nur so kann man die Äußerungen von Arne Kopp von WTM Engineers zu dem Bau verstehen. Dabei bleibt den ins Klimahaus oder zum gegenüberliegenden Columbus-Center strömenden Passanten ein wichtiger Teil des Bauwerks verborgen: der Unterbau.

          Um im schlickigen Hafenbereich die Brücke standfest zu gründen, mussten zahlreiche Pfähle tief in den Untergrund getrieben werden. Der drehbare Mittelteil der Brücke etwa ruht auf einem Monopile, der rund 20 Meter in den Boden gerammt wurde. Die auf ihm ruhenden Kräfte werden zum großen Teil über Mantelreibung abgetragen. Zwei angeflanschte „Schrägpfähle“ halten ihn ganz sicher in der Vertikalen.

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