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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Seifenkisten Rennen bei Tempo 20

Ein Traumobjekt aus längst vergangenen Zeiten: Nach vier Jahrzehnten lässt der Hamburger Tierpark-Besitzer Claus Hagenbeck fünf alte Kinder-Rennautos aus dem Versteck holen und sorgt für Entzücken.

© Nikolas Aichele, Museum der Arbeit Vergrößern Bis 1972 tourten die Cuno-Bistram-Wagen im Tierpark Hagenbeck. Nun sind sie wieder in der Öffentlichkeit zu sehen

In der mageren Nachkriegszeit waren die 1948 als antriebslose Wagen (Seifenkisten) erbauten Fahrzeuge ein Hit. Die Kinder liebten sie, und seit 1954 trieben Zweitakt-Motoren die „Bonsai-Boliden“ über eine im Tierpark eingerichtete „Autobahn“. Betreiber der Bahn war der gelernte Konditor Cuno Bistram, der die Wagen auch konstruiert und mit den gefällig als Monoposti gestalteten Einsitzern den Nerv der Zeit getroffen hatte. Vorbild waren die Rennwagen der damaligen Zeit. Nun hat das Museum der Arbeit in Hamburg die als verschollen geltenden Wagen wiederentdeckt und sie in seine Exponate eingereiht.

Rennen mit antriebslosen Kinderautos haben in Deutschland eine lange Tradition. Schon 1904 rasten bei Oberursel im Taunus tollkühne Jungs den Hang hinunter. Beliebt wurden derartige Wettfahrten in Deutschland insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg. Vor allem in der amerikanischen Zone (Württemberg, Bayern, Hessen) gab es Rennen mit den meistens aus Kinderwagenrädern und Holzteilen selbstgebauten Autos, die längst Seifenkisten genannt wurden. So wurde das Auto in der vom Krieg hinterlassenen Trümmerlandschaft zum Traumobjekt. Schon 1949 zogen Seifenkisten-Rennen Zehntausende Zuschauer an. In dem zur Britischen Zone gehörenden Hamburg sorgte eben jener Cuno Bistram für professionell konstruierte Exemplare.

22503723 © Nikolas Aichele, Museum der Arbeit Vergrößern Markant: Der charakteristische Kühlergrill der Cuno-Bistram-Wagen

Der damals 24 Jahre alte „große Junge“ gab seinen gelernten Beruf 1947 auf und konzentrierte sich ganz auf seinen Traum. In einer Schlosserei in der Nähe seiner Wohnung im Stadtteil Rotherbaum ließ er jene fünf Autos bauen: Die zwei Meter langen Monoposti haben stromlinienförmige Karosserien, die aus einem mit Blechen beplankten Rohrrahmen bestehen. Unter Zierleisten aus Aluminium wurden die Bleche mit Schrauben fixiert und mit rotem Kunststoff abgedichtet. Der Kühlergrill ist womöglich ein Fensterrahmen aus dem Yachtbau, die Speichenräder wurden wohl sonst für Anhänger verwendet, meint Jürgen Bönig, Kurator im Museum der Arbeit.

Das Bremsen übernahm die Platzaufsicht

Von Pfingsten 1948 an sausten die Einsitzer über eine Sandbahn des Spielplatzes im Tierpark Hagenbeck. Dafür wurden sie jeweils mit einem Seil auf eine etwa vier Meter hohe Rampe gezogen, von der sie für einen kurzen Fahrspaß hinab rollten. Eigentlich waren sie für Kinder im Alter von sechs Jahren an gedacht. Doch auch viele Erwachsene fuhren mit. Zur Saison 1954 ließ Bistram die Einzylinder-Zweitaktmotoren von Zündapp mit einem Hubraum von 50 Kubikzentimetern und einer Leistung von 1,2 PS einbauen. Mit ihrem gedrosselten Motor ließen sich die „Renner“ auf ein Höchsttempo von etwa 20 Kilometern pro Stunde beschleunigen. Die ovale Rennstrecke im Tierpark wurde mit Betonplatten belegt und nach dem großen Berliner Vorbild nun oft Avus genannt.

22503727 © Museum der Arbeit Vergrößern Die Kinder liebten die antriebslosen Seifenkisten

Für den Einbau des Motors wurde die Oberseite des Hecks einfach aufgeschnitten und der Motor eingesetzt. Im Betrieb wurde es manchmal recht warm: „Bei manchen Autos ist deshalb der Rücksitz etwas angebrannt“, sagt Jürgen Bönig. Über eine Kette treibt der Motor die Hinterachse an, die ebenso wie die vordere Achse ungefedert ist. Und vorne rechts an der „Motorhaube“ sitzt der Hebel für die einzige Bremse: Sie wirkt über Seilzüge nur auf ein Vorderrad, beim Bremsen zieht das Auto entsprechend zur Seite. Mit dem Bremshebel wurde der zweite, dahinter liegende Hebel für die Fliehkraftkupplung gleich mit betätigt und die Kupplung so entriegelt. Das Bremsen aber übernahm nicht der Fahrer, sondern die Platzaufsicht: Dazu lief sie am Ende der Tour etwa fünf Meter nebenher und zog am Hebel. Wenn die Kinder vergaßen, vom Gas zu gehen, musste sie auch einige Meter mehr laufen.

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Veröffentlicht: 16.12.2012, 08:00 Uhr

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