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Second Screen Bloß zwei sind viel zu wenig

Second Screen? Schon wieder so ein Schlagwort, das suggeriert, wir könnten etwas verpasst haben und müssten schleunigst tun, was alle anderen auch tun.

Second Screen? Schon wieder so ein Schlagwort, das suggeriert, wir könnten etwas verpasst haben und müssten schleunigst tun, was alle anderen auch tun. Nämlich: Beim Fernsehen auf der Couch nicht nur die online georderte und CO2-neutral per Fahrrad lauwarm gelieferte Pizza zu verschlingen, sondern mittels unserer „mobile devices“, als da wären Smartphone, Tablet oder Netbook, das Programm zu kommentieren. Damit Follower und Zwitscherer erfahren, dass wir die Katzenberger ätzend, ihre Mutter aber nicht unlecker finden oder darüber zu spekulieren, was die Oberweite der abschreckend glamourösen Frau Geissen gekostet haben könnte.

Hans-Heinrich Pardey Folgen:  

So weit, so flachsinnig. Sogar die Berliner „taz“ entblödet sich nicht, dies in ernstem Pro und Contra online zu diskutieren. (Und dafür auch noch die Spendenempfänger-Hand aufzuhalten.) Dabei ist es doch ein alter Hut, mehr als einen Bildschirm gleichzeitig in Betrieb zu haben. Im Studentenheim war das zwangsläufig schon so, kaum dass es die ersten Personalcomputer gab. Später zog der PC mit seinem störenden Gebläse ins Arbeitszimmer um. Dafür kämpfte im Wohnzimmer still der Laptop mit dem Deckenfluter um die Steckdose. Jetzt haben wir die Hartz-IV-Glotze in angenehmer Entfernung stehen und in Griffweite das gleiche Smartphone wie Wim Wenders und neuerdings den Sieben-Zoll-Tablet. Ganz zu schweigen davon, dass in einer anderen Ecke des Zimmers geplündert und gebrandschatzt wird: Da läuft ein blutrünstiges Online-Piratenspiel auf einem Multimedia-Notebook der Hochleistungsklasse. Weil die Meeresfahrt in Echtzeit abläuft, muss man nur alle paar Viertelstunden die Kanonen nachladen, wenn man nicht gerade im Chat mit einem - deutschsprachigen - Mitspieler in Thailand herumpflaumt.

Das Phänomen des Second Screen hat doch zwei ganz andere Aspekte. Zum einen reißt heute niemand mehr die Wohnungstür auf und brüllt durch den Hausflur: „Kommt her, das müsst ihr euch ansehen!“ Wir erfahren stattdessen dank Social Networking schlimmstenfalls auf einer Mountainbike-Tour durch den spätherbstlichen Wald, dass wir gerade den ultimativen Film mit Moritz Bleibtreu verpassen. Andererseits aber arbeiten wir, während besagter Film auf unserem Sechzig-Zöller läuft. Oder wir pflegen Familienbeziehungen, während wir mit einem Auge dabei sind, wie Veronica Ferres mal wieder die starke deutsche Mutter gibt. Die praktische Erfahrung ist, dass es zwar ziemlich nervig sein kann, gleichzeitig „Schlag den Raab“ sehen und seine Magisterarbeit schreiben zu wollen, vor allem dann, wenn diese zu neunzig Prozent aus Cut-and-Paste besteht. So etwas Kniffliges geht eher schief. Aber flott eine E-Mail beantworten, die dem Chef das angenehme Gefühl gibt, man stehe auch um 22.37 Uhr Gewehr bei Fuß fürs Unternehmen, das klappt allemal.

Wirklich Multitaskingfähige, also Frauen, schaffen es mühelos, der String-Hypothese in „The Big Bang Theory“ zu folgen, während sie sich Temaki-Sushi in den Mund balancieren, mit ihrer Mutter das Weihnachtsmenü abstimmen und gleichzeitig per kurz angebundener Mail ihrem Liebsten klarmachen, dass es aus sei, wenn er wieder am Heiligabend in Jeans bei ihrer Familie auftauche. Second Screen? Das ist doch wie beim Jonglieren mit Bällen: Unter vier ist alles kaum bemerkenswert.

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 10.12.2012, 11:50 Uhr

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Von Michael Spehr

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