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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Recycling Die Papiertiger schlagen zu

 ·  Zeitungen werden hierzulande aus Altpapier hergestellt. Das aus der Blauen Tonne taugt dafür aber nicht. Und hinter den Kulissen tobt der Kampf um Rohstoffe.

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Mustergültig wollen sie alle sein. Herausragende Werte für Zähigkeit, Elastizität und Steifigkeit allein reichen jedoch nicht. Doch bei der Bewertung eines Werkstoffs spielt auch dessen ökologischer Fingerabdruck eine wichtige Rolle. Vor allem die Wiederverwertbarkeit des Materials wird hervorgehoben: Die Getränkedose mutiert zur Spielzeugente, der Joghurtbecher wird zum Stoßfänger eines Autos. Alu-Räder etwa müssen sich überhaupt keine Gedanken machen, wie es nach ihrem Ableben weitergeht. Mitunter wollen engagierte Recycler gar nicht so lange warten, schrauben nächtens das Leichtmetall ab und verkaufen es dem am besten zahlenden Schrotthändler.

Das entscheidende Regulativ auf dem Sekundärmarkt ist der Preis, der für Eisenschrott, Kupfer, Altglas und Kunststoffgranulat bezahlt wird. Und der wird, wie sollte es anders sein, durch die Nachfrage bestimmt - und durch das Angebot: Doch im Unterschied zu den Märkten für neue Produkte, etwa für Smartphones und Kleiderbügel, kann bei Altwaren das Angebot nicht beliebig vermehrt werden. Das merkt momentan die Papierindustrie überdeutlich, steht doch einem global steigenden Hunger nach (Alt-)Papierfasern ein weitgehend konstant bleibendes Angebot an Altpapier gegenüber, jenes Rohstoffs, der schon immer mengenmäßig die wichtigste Rolle bei der Papierherstellung spielte.

Als andere Branchen über eine systematische Wiederverwertung noch kaum nachdachten, standen den Papiermachern längst perfekt funktionierende Sekundärmärkte zur Verfügung. Wurde ganz zu Anfang Papier noch ausschließlich aus Lumpen (Hadern) gefertigt, gelang es Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, dafür „geschliffenes“ Holz einzusetzen. Doch um die Produktionskosten im Griff zu behalten, setzte man dem Papierbrei stets auch Altpapier zu. Wie viel, das hängt immer von den Ansprüchen an das Endprodukt ab: Soll es helles Papier, braune Pappe oder steifer Karton werden?

Und damit wird die Geschichte kompliziert. Denn abhängig von den gewünschten Papiersorten variieren die Qualitätsansprüche und die Zusammensetzung des benötigten Altpapiers. Für helles Zeitungsdruckpapier zum Beispiel dürfen in der Altware keine Pizzakartons und keine Ebay-Versandschachteln enthalten sein. Will man dagegen Wickelhülsenpappe für Toilettenpapierrollen machen, ist „braunes“ Altpapier durchaus willkommen.

Diese Hintergründe haben sich dem Gros der deutschen Umweltpolitiker nie richtig erschlossen. Nur so ist zu erklären, dass man (mit Ausnahmen in Bayern, Baden-Württemberg und weiten Bereichen der Ostländer) hierzulande vor Jahren „flächendeckend“ die Gemischte Papiertonne den Bürgern vor die Tür gestellt hat, in die sie gefälligst alle in den Haushalten ausgedienten Papier- und Pappeprodukte werfen sollen. Damit wurde zweierlei erreicht: Durch das Durcheinander in der Blauen Tonne entstand eine bunte Mischung, die nur wenige Fabriken unbesehen verarbeiten können. Aber, was viel schlimmer ist, den in der Vor-Mischtonnen-Ära existierenden und bestens funktionierenden Einsammelsystemen wurde über Nacht der Garaus gemacht. Nur dort, wo Sportvereine und Jugendfeuerwehren sich mit dem Verkauf gebündelter Alt-Zeitungen ihre Frühlingsfeste finanzieren, blieb das sortenreine Einsammeln von „hellem, graphischem Altpapier“ erhalten.

Damit ist künftig Schluss. Doch nicht nur diesen Feierabendsammlern macht das im Juni in Kraft tretende neue Kreislaufwirtschaftsgesetz einen Strich durch die Rechnung. Auch die zahlreichen „Aufkaufstellen“, die sich in Anlehnung an das DDR-Sero-System in den neuen Bundesländern intensiv um das sortenreine Rückführen von Papierprodukten kümmern, müssen vermutlich dichtmachen. Denn mit dem neuen Gesetz fällt den Kommunen das Hoheitsrecht über den „Abfall“ Altpapier zu: Sie versteigern es meistbietend (gern nach China) und können bei den derzeit hohen Preisen ihre Etats quersubventionieren. Und - was die Papierindustrie am meisten stört - das Ganze läuft ab, ohne dass Qualitätszusagen gemacht werden. Fabriken, die sich ihren Rohstoff aus der Blauen Tonne besorgen, kaufen eine Wundertüte voller Überraschungen. Das sind Öldosen, gebrauchte Windeln, (tote) Kleintiere und Fahrradschläuche, um nur eine kleine Auswahl dessen zu nennen, was sich in den Blauen Tonnen so alles findet.

150 Euro je Tonne

Ulrich Höke, Chef der auf Zeitungsdruckpapier spezialisierten Papierfabrik im sächsischen Eilenburg des Stora-Enso-Konzerns, klagt, dass sortenreines, helles Altpapier nur noch schwer und zu tendenziell steigenden Preisen zu bekommen sei. Für saubere Ware werden derzeit bis zu 150 Euro je Tonne bezahlt. 430000 Tonnen benötigt sein Werk im Jahr, um daraus in einer Deinking-Anlage brauchbare Sekundärfasern zu gewinnen, wie sie fürs Papiermachen taugen. Nur mit vergleichsweise langen und „verästelten“ Fasern gelingt die sogenannte Blattbildung auf dem Sieb der Papiermaschine, ein recht komplexer Prozess.

Völlig klar ist auch, dass, je heller das aus Altfasern produzierte Zeitungspapier werden soll, umso gründlicher die Druckfarben entfernt werden müssen. Das geschieht während eines Flotationsprozesses: Dabei nutzt man aus, dass nur Fasern sich mit Wasser benetzen lassen, während die hydrophobe Druckfarbe weitgehend „trocken“ bleibt. Seife, Natriumhydroxid und Wasserglas unterstützen den Waschprozess. Um die gelösten Druckfarbenpartikel aus dem Deinkingbrei herauszubekommen, bläst man Luft ein. An den aufsteigenden Blasen hängen sich die Druckfarben an, schwimmen auf und können abgeschöpft werden.

Doch nicht der Deinking-Prozess ist heute ein Problem, schwierig ist das Beschaffen sauberer Ware. Um davon stets genug im Haus zu haben, hat man sich in Eilenburg entschlossen, einen Teil dieses für die Produktion von Zeitungspapier dringend benötigten Rohstoffs selbst herzustellen: So kauft das Werk im Jahr 120 000 Tonnen Mischfraktion aus der Blauen Tonne und sortiert die so lange, bis 30 000 Tonnen Braunes und Unsägliches herausgefischt und letztendlich 90 000 Tonnen „Rohstoff“ gewonnen sind - kein ganz einfaches Unterfangen. Denn während das automatisierte Sortieren von Kunststoffen, Glas und Nichteisenmetallen schon länger befriedigend gelöst ist, bereitete das Auseinanderklabüstern unterschiedlicher Papiersorten lange ernsthafte Schwierigkeiten. Der Grund dafür ist, dass Papier in höchst unterschiedlichen Zuständen ankommt. Zerknüllt, gefaltet und übereinandergelegt, so dass eine automatisierte Sortieranlage das Material erst einmal „vereinzeln“ muss. Es wird locker auf den mit 4,2 Meter je Sekunde dahineilenden Förderbändern verteilt, um an der ersten Station, einem Ballistik-Separator, großflächige Pappen herausnehmen zu können. Dem Rest rückt man mit Hightech zu Leibe: Mit Nahinfrarotsystemen (NIR) wird über die Analyse der reflektierten Strahlen auf die Materialart (Pappe, Papier, Kunststoff) geschlossen. Zusätzlich setzt man Spektralkameras ein und erkennt so die Farbe jedes auf dem Band dahineilenden Stücks Papier oder Pappe. Danach geht alles blitzschnell: Ein leistungsfähiger Rechner sammelt die Informationen und steuert rund 100 quer zum Band angeordnete Luftdüsen an. Mit acht bar Druck wird alles Braune „ausgeblasen“, was im Prinzip zwar zuverlässig funktioniert, aber nicht zuverlässig genug. Daher muss händisch nachsortiert werden.

Diese Arbeit erledigen meist Frauen, die dazu in „Überdruck“-Kammern stehen. Die Luft wird hier ständig abgesaugt, um die Staubbelastung in Grenzen zu halten. Trotz dieser Erleichterung ist das permanente Starren auf das Förderband und das schnelle Greifen nach dem Unerwünschten eine extrem belastende Tätigkeit, die man in der Schweiz niemandem zumuten würde - und auch nicht muss. Denn bei den Eidgenossen, wie auch in Skandinavien, käme niemand auf die Idee, alle Sorten von Altpapier in einer einzigen Tonne zu sammeln.

Das getrennte Erfassen ist in diesen Ländern eine seit langem erprobte Technik. Speziell in der Schweiz hat man sie perfektioniert, und viele Gemeinden profitieren erheblich von den Erlösen aus dem Altpapierverkauf. Sie unterstützen damit Kindergärten und Feuerwehren, so dass sie Spielzeug und neue Spritzenwagen anschaffen können. Dabei sind sie clever genug, den regionalen Markt nach seinen Bedürfnissen abzufragen: Ist eine Zeitungsdruckpapier-Fabrik in der Nähe, werden alte Zeitungen, Magazine und Kataloge zusammengeschnürt zu Bündeln gesammelt. Handelt es sich beim nächstgelegenen Abnehmer um eine Pappenfabrik, bekommt der seine Lieblingsware, braun und weiß gemischt.

Und auch das muss man wissen: In Deutschland produzieren neun Papierfabriken im Jahr rund 2,1 Millionen Tonnen Zeitungsdruckpapier - ausschließlich aus Altpapier. Da jedoch bei jedem Einsatz die Papierfasern dünner und schwächer werden, müssen permanent jungfräuliche Fasern dem Kreislaufprozess zugeführt (und verbrauchte ausgeschleust) werden. Das muss nicht organisiert werden. Die benötigten frischen Fasern stammen aus dem aus Skandinavien und Kanada importierten Zeitungsdruckpapier, immerhin 1,1 Millionen Tonnen jährlich. Zwar setzen auch dortige Hersteller ihrem Papier Altfasern zu, doch nur zu überschaubaren Anteilen. Was nicht an einem unterentwickelten Verständnis für die Vorzüge des Materialrecyclings liegt. Der Grund ist vielmehr das geringe Altpapieraufkommen, bezogen auf die Größe der Frischfaserproduktion, in diesen waldreichen Regionen.

China ist der größte Papierproduzent

Der chinesische Markt saugt das Altpapier der Welt auf. 54 Millionen Tonnen hat man 2010 vor allem aus Amerika und Europa ins Reich der Mitte verschifft (rund ein Viertel des globalen Aufkommens), wo daraus in erster Linie Verpackungsmaterial hergestellt wird. Jahr für Jahr hat China bisher 15 neue, moderne Papierfabriken in Betrieb genommen, mit Jahreskapazitäten von jeweils 400 000 Tonnen. Um sie mit Futter zu versorgen, reicht das importierte Altpapier nicht aus, so dass damit begonnen wurde, das Einsammeln von alten Zeitungen und Magazinen im Land selbst besser zu organisieren. Doch werden die so zusätzlich gewonnenen Mengen bei weitem nicht genügen, den weiter wachsenden Faserbedarf Chinas auch nur annähernd zu decken. Denn, und das haben andere Regionen vorgemacht, der Papierkonsum korreliert eng mit dem Wohlstand einer Volkswirtschaft. Der Papierverbrauch auf der Welt von heute 393 Millionen Tonnen im Jahr wird weiter wachsen. Daran ändert auch die Vorliebe jüngerer Menschen für das papierlose Lesen von Nachrichten auf dem Bildschirm nichts. Denn Hygienepapier und speziell Verpackungspapier sind die großen Renner. Um sie produzieren zu können, werden in Südamerika und Asien riesige Plantagen schnell wachsender Eukalyptusbäume angelegt, während man in Skandinavien und Nordamerika die für einige Papiersorten wichtigen Nadelholzfasern gewinnt - heute fast ausschließlich nach international anerkannten Ökorichtlinien, die eine nachhaltige Waldnutzung und den Schutz der Artenvielfalt gewährleisten.

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Jahrgang 1947, Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

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