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Pirelli-Reifen Geheimes Wissen für die Formel 1

 ·  Niemand erfährt Rezept und Zutaten: Die Entwicklung der Formel-1-Reifen geschieht im Verborgenen. Ein Besuch bei Pirelli.

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© dpa Mechaniker bei der Arbeit: Hier werden die Reifen für das Rennspektakel in Spanien inspiziert

Dieser Mann ist ein Experte. Einer der Besten seiner Branche weltweit, so heißt es. Das Metier von Maurizio Boiocchi sind Reifen, schwarze Gummiwalzen, die er bis in das kleinste Detail analysiert. "Das ist eine Welt, in der so unglaublich viele Dinge entscheidend sind", sagt er und lächelt. Boiocchi ist Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Pirelli. Im vergangenen Jahr sind die Italiener als Exklusivlieferant in die Formel 1 zurückgekehrt, das Engagement soll auch die Serienproduktion der Pneus antreiben. "Wir lernen immer weiter dazu", sagt Boiocchi. Die Produktion von Reifen ist längst zu einer eigenen Wissenschaft geworden.

Die meisten Informationen zählen zum Geschäftsgeheimnis, sie sind wie ein gut behüteter Schatz. "Unsere Reifenmischungen bestehen aus 30 bis 35 verschiedenen Zutaten - und wir haben zuletzt einige Details verändert, nachdem sich auch unser Wissen verändert hat", weiß Boiocchi. Tausende von neuen Reifentypen für alle Einsatzzwecke testet die Industrie jährlich, die Zusammensetzung der Gummimischungen bleibt streng geheim. Die Forscher suchen vor allem nach kürzeren Bremswegen und besserer Haftung auf jedem Untergrund. Grip, Rollwiderstand, Temperaturentwicklung - "normalerweise dauert es ewig, all diese Informationen zu bekommen", referiert der Dreiundsechzigjährige, der seit mehr als 40 Jahren bei Pirelli beschäftigt ist. "Aber nun haben wir 24 Autos, die alle zwei Wochen beinahe eintausend Kilometer fahren und uns damit versorgen. Das ist unglaublich." Zwei Wochen dauere es, alle Daten nach einem Grand-Prix-Wochenende auszuwerten.

Chemiker, Mathematiker und Informatiker: 100 Spezialisten

Das Formel-1-Team von Pirelli besteht aus mehr als 100 Spezialisten - also Chemikern, Mathematikern und Informatikern. Etwa die Hälfte von ihnen ist während der Rennen und der offiziellen Testfahrten an der Strecke. Jeder Rennstall wird von einem eigenen Ingenieur betreut, der die Daten der Reifen überwacht und analysiert. Die Anforderungen an so einen Pneu sind enorm in der Formel 1: Höchstgeschwindigkeiten von 330 km/h und mehr, innerhalb von nicht einmal 40 Meter von null auf Tempo 100, Druck von 2,5 Tonnen bei einer Vollbremsung - das sind nur einige der wirkenden Belastungen. Welche Eigenschaften lassen sich in die Serie übertragen? "Fast alles", sagt Boiocchi. "Der Grip bleibt der Grip, und es ist egal, ob wir von der Formel 1 sprechen oder von einem normalen Straßenwagen. Physikalisch ist es das Gleiche - bei einem Red Bull genau wie bei einem VW Polo. Das haben wir im vergangenen Jahr gelernt." Ein Jahr dauere es, bis die Erkenntnisse aus der Formel 1 in der Serienproduktion umgesetzt würden. Wie sich der Herstellungsprozess genau verändert hat, das will Boiocchi nicht verraten.

Boiocchi spricht lieber über das Image von Pirelli. Die Formel 1 gilt noch immer als die beste Serie des Motorsports, und das passt so genau zu jenem Bild, das die Italiener gern in der Öffentlichkeit abgeben wollen. Der hauseigene Kalender voll mit halbnackten und nackten Frauen sorgt regelmäßig für Schlagzeilen, nun will sich der Reifenhersteller vor allem als Produzent von Premium-Autoreifen etablieren. Dabei sieht Pirelli als Kernmarkt unter anderen Modelle der Hersteller Audi, Mercedes-Benz und BMW. Das Elektroauto ist ein anderes wichtiges Thema. "Wir arbeiten gerade gemeinsam mit Audi an speziellen Reifen für dieses Projekt, das 2015 auf den Markt kommen soll", sagt Boiocchi. Vieles geschieht in der Pirelli-Basis in Mailand, in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Dort arbeiten rund eintausend Forscher und Techniker an neuen Errungenschaften für die Serienproduktion.

Wie viele Millionen Euro sich Pirelli den Spaß mit der Formel 1 kosten lässt, ist und bleibt Betriebsgeheimnis. Angeblich sollen die Millionen gut investiert sein. Da ist zum einen der Werbewert und zum anderen der Technologietransfer. "Nach einem Jahr kann so ein Projekt noch nicht beendet sein", sagt Boiocchi. "Wir haben noch eine ganze Menge zu tun." Während der Formel-1-Weltmeisterschaft 2012 wird Pirelli rund 45 000 Reifen an die Rennställe liefern, jeder einzelne Pneu wird nach seinem Einsatz eingesammelt und zerschreddert. Jedes Team soll für die Ausrüstung angeblich rund eine halbe Million Euro pro Jahr zahlen. Die Reifen für die Königsklasse des Motorsports werden im darauf spezialisierten Werk der Pirelli Fabrik in Izmit in der Türkei produziert. Bis 2013 hat Pirelli das Recht als Alleinausrüster der Formel 1.

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Jahrgang 1981, Sportredakteur.

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