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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Pendeln mit Katamaranen Auf Linie über den Bodensee

 ·  Katamarane verkehren im Stundentakt zwischen Friedrichshafen und Konstanz. Meist nutzen sie Pendler auf ihrem Routineweg. Sie nehmen die Direktverbindung über den Bodensee per Schiff.

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© Abele Gleich legt der Katamaran in Friedrichshafen an - und eine Viertelstunde später schon wieder Richtung Konstanz ab

Es ist noch früh am Sommermorgen. „Katamaran 7:02 Konstanz“ steht auf der Anzeigetafel, die sich mit ihrer leuchtend gelben Schrift deutlich vom bewölkten Himmel absetzt. Zu deutlich: Das Wetter könnte besser sein. Es tröpfelt. Nicht sehr viele Fahrgäste stehen im Wartehäuschen am Hafen von Friedrichshafen die Zeit in den Boden, bis das Schiff kommt. Ein Gähnen hier und dort, das Knistern der ein oder anderen Bäckertüte, oder die Nase steckt in der Zeitung. Pendler auf ihrem Routineweg. In diesem Fall aber eine besondere Pendlerspezies: Sie nimmt die Direktverbindung über den Bodensee per Schiff. Zwei sind im Einsatz, Fahrtzeit rund 45 Minuten in einer Richtung, im Stundentakt rauschen sie hin und her: ÖPNV übers Wasser, öffentlicher Personennahverkehr, tagaus, tagein. Routine seit Juli 2005, als die Schiffe in Dienst gestellt wurden. Und doch etwas Besonderes, erkennbar auch bei dem ein oder anderen Wartenden: Die Morgenstimmung aufnehmend, steht mancher am Hafenbecken, den Blick in die Ferne gerichtet, dort, wo hinterm Wasser und heute hinter Wolken die Schweiz mit Alpenbergen verborgen ist. Es hat etwas Magisches, solchermaßen quasi auf den Wasserbus zu warten.

Und pünktlich fährt das Schiff in die Szenerie, um 6.45 Uhr. Es ist die „Fridolin“, die heute diesen Takt erwischt hat. „Constanze“ heißt das gegenläufige Schwesterschiff, beide sind seit der Eröffnung der Route im Linienverkehr zwischen Friedrichshafen und Konstanz unterwegs. Es gibt ein drittes, etwa um bei der Wartung eines Schiffs den Betrieb aufrechtzuerhalten oder bei Großveranstaltungen einen engeren Fahrplan zu ermöglichen, die „Ferdinand“. Alle drei sind Katamarane: Sie haben zwei Rümpfe. Dadurch sind sie breit und vergleichsweise leicht, liegen stabil auf dem Wasser und ermöglichen höhere Geschwindigkeiten - ein Trumpf, den „Fridolin“ gleich ausspielen wird.

24 Fahrgäste sind an Bord gekommen und haben im Schiffsinnern Platz genommen - die übliche Zahl für so frühe Werktagsfahrt. Kapazität gibt es für 182 Personen plus Fahrräder. Sie wird im Sommer tagsüber mit Touristen oder auch bei Großveranstaltungen, etwa beim Konstanzer Seenachtfest, locker ausgenutzt, dann sind die zehn bis zwölf Minuten, die zum Aus- und Einsteigen zur Verfügung stehen, eher knapp.

Gerhard Fritsche hat den Steuerplatz eingenommen. Er ist für die Strecke nach Konstanz der Schiffsführer. Sein Kollege Andreas Böhler hat den unterstützenden Part: Wegen des starken Wasserfahrzeugverkehrs auf dem Bodensee wird er beispielsweise aus Sicherheitsgründen ebenfalls genau aus den Fenstern schauen. Um einer Monotonie vorzubeugen, werden sie auf der Rückfahrt, grundsätzlich gleichberechtigt mit jeweils vier goldenen Streifen auf den Schulterklappen, die Rollen wechseln.

Fritsche startet die Motoren und gibt Gegenschub. Drei kurze Töne aus dem Horn verkünden anderen Schiffen, dass das Katamaran jetzt rückwärts fährt. Langsam bewegt es sich vom Anleger weg, dreht sein Heck ins Hafenbecken hinein, bewegt sich schließlich mit etwas mehr Schub vorwärts aus dem Hafen hinaus, mit 12 km/h und großer Vorsicht. Erst im freien Wasser drückt Fritsche den Schubhebel stärker nach vorn. Die Motoren brummeln in der Ferne ein gutes Stockwerk tiefer, und das Schiff nimmt Fahrt auf. 37 km/h ist die übliche Reisegeschwindigkeit. Maximal 40 km/h sind auf dem Bodensee erlaubt, und diese Geschwindigkeit war auch Vorgabe bei Bau und Indienststellung der Katamarane. Doch das leicht geringere Tempo lässt Treibstoff sparen, ohne dass der Fahrplan darunter leidet. Das Schiff hat Reserven: „Bei Notfällen, etwa einem Herzinfarkt an Bord, kann es mit 45 bis 47 km/h den nächsten Hafen anrauschen“, schildert Fritsche eine mögliche Ausnahmesituation.

Die Katamarane haben einen Aluminiumrumpf, jeder ist 33,64 Meter lang und 7,60 Meter breit. Der Tiefgang beträgt im beladenen Zustand 1,40 Meter, was eher gering ist - für den Bodensee aber ein Muss. Jetzt, im Sommer, beträgt der Wasserstand in den Häfen rund 4,50 Meter, doch im Winter sind es gut und gern nur um die 2,50 Meter. Zwei Dieselmotoren aus dem Hause MAN sorgen für Vortrieb, jeder mit einer Leistung von 750 PS (552 kW). Wendegetriebe von ZF, der Zahnradfabrik Friedrichshafen nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt, ermöglichen eine einfache Bedienung. Die beiden fünfflügeligen Schiffsschrauben haben einen Durchmesser von einem Meter. Mit dieser Kombination und den Schubhebeln erledigen die Schiffsführer nahezu alle Fahrmanöver, das Bugstrahlruder wird nur in Ausnahmefällen genutzt. Für die schnelle Vorwärtsfahrt sind die Schubhebel zwecks Parallelbetrieb beider Maschinen gekoppelt.

In der Kabine oberhalb der Passagierebene gibt es zwei Steuerstände. Beide sind nahezu identisch ausgestattet, um auch bei Ausfall einer Seite einen sicheren Schiffsbetrieb zu ermöglichen. Der kommandoführende Schiffsführer hat seinen Platz immer rechts. Vor ihm: der Radarbildschirm. Der zweite Radarmonitor vor dem linken Steuerstand ist ebenfalls eingeschaltet, jedoch mit einem etwas größeren Maßstab, um eine bessere Übersicht zu haben. Die Genauigkeit ist hoch: „Sogar Schwäne erfasst das Radar“, erläutert Böhler. Heute ist die Sicht trotz bewölktem Himmel gut. Bei schlechter Sicht wird zudem eine Wärmebildkamera eingeschaltet, auch ein Richtmikrofon steht zur Verfügung, um nach vorn zu lauschen. Ein Echolot zeigt ständig die Wassertiefe an. Eine elektronische Seekarte zeigt nicht nur nautische Informationen, sondern gibt auch die schnurgerade Fahrtroute vor, an welcher das Katamaran entlang fährt - per GPS-Orientierung möglichst genau auf der Linie. Auf der Parallellinie im Abstand von gut 500 Metern ist das Gegen-Katamaran unterwegs. Eine Black Box zeichnet Positionsangaben und Radardaten und über vier Mikrofone alles auf, was in der Steuerkanzel gesprochen wird.

Der Arbeitstag für die Schiffsführer beginnt morgens um 5 Uhr. Sie bereiten das Schiff für den Tag vor - prüfen die Maschinen und die Getriebe auf Ölstand und Kühlflüssigkeit, saugen die Fäkalien ab, bunkern Frischwasser in den 500 Liter fassenden Tank und Treibstoff, Kapazität 4000 Liter, testen den Stromgenerator. Um 6.02 Uhr legt der Katamaran dann zur ersten Fahrt ab. Über den Tag werden je nach Beladung und Wetterbedingungen 1400 bis 1500 Liter Dieselöl verbraucht. Siebenmal geht es in einer Schicht hin und her zwischen Konstanz und Friedrichshafen. Um 12 Uhr ist Feierabend, und die Kollegen der zweiten Schicht übernehmen bis 20 Uhr.

Fritsche leitet ein kaum merkliches Ausweichmanöver ein: Ein größeres Holzstück treibt im Wasser, ihm gilt es auszuweichen, um den Rumpf vor Beschädigung zu schützen. Gleich danach führt er das Schiff wieder auf die Linie der Fahrtroute. „Ganz große Hindernisse melden wir mit Positionsabgabe der Wasserschutzpolizei, die sie dann beseitigt.“ Gut eine halbe Stunde ist verstrichen, und Konstanz ist längst in Sicht. Vor der Hafeneinfahrt arbeiten einige Fischer in ihren Booten. Fritsche umfährt sie mit großzügigem Abstand und einer verringerten Geschwindigkeit von knapp 30 km/h. Bei der Hafeneinfahrt vermindert er nach und nach weiter und tastet sich schließlich mit Schrittgeschwindigkeit an den Anleger heran. Die Fahrgäste stehen schon zum Aussteigen bereit, gegenüber jene zum Einsteigen. Nicht wenige Stammkunden sind dabei, man kennt sich und grüßt. Durchschnittlich 1183 Fahrgäste pro Tag verzeichnete die Reederei für 2011, insgesamt rund 430000. Böhler ist bereits unten an Deck und hat das erste Tau in der Hand, er wird es gleich um den Poller legen, dann ein zweites Tau. Maschinen stopp, und die „Fridolin“ ruht - für 15 Minuten. Dann geht es zurück nach Friedrichshafen.

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