An Warnungen hat es nicht gefehlt. Jeder hat doch einen Bekannten, der seinen Kleinwagen mit dem Aufkleber „Mirko an Bord“ höchst umsichtig im Straßenverkehr bewegt. Und der zum Tier wird, wenn er sich an die Konsole setzt und bei Need for Speed Gas gibt. Solche Jekyll-&-Hyde-Gamer sind immer Männer - oder?
Es begann mit dem Onlinespiel Farmerama, das vor allem Frauen ansprechen soll. Keine Landwirtschaftssimulation, wo man mit einem riesigen Fendt über seine Latifundien brettert. Stattdessen übt frau sich in Karottenanbau und Hasenstall-Ausmisten, macht Waldwiesen urbar und steuert die Aufzucht von putzigen Tierlein wie Fledermäusen. Dazu gibt es eine Marktwirtschaft im Stil von Disney World mit der Währung Moospenny und Tulpgulden. Und in der Gruselnacht um Vollmond herum werden Knochenbüsche und Vampirtomaten abgeerntet.
Im Laufe der Zeit beschäftigte die Spielerin allerdings das Hegen und Pflegen von Parfüm- oder Eierbäumen wesentlich weniger als verwickelte Warenkreisläufe: Mais und Weizen verwandelten sich in Glühwürmchen, die, im Schock billiger eingekauft, als sie sich produzieren ließen, genau dann zu Höchstpreisen auf den Markt geworfen werden mussten, wenn sie wegen eines „Quests“ stark nachgefragt waren. Die Maid mit dem grünen Daumen entpuppte sich als gnadenlos heuschreckige Spekulantenseele, die weniger weitsichtigen Farmern die Erträge ihrer Parzellen für lau abluchste, um sie mit schwindelerregendem Aufschlag wieder abzustoßen. Heute Karotten, morgen Kängurus, es kam nicht darauf an. Es ging zu wie im richtigen Leben: Die Börsenentwicklung bestimmte den Haussegen, Informationen wurden wichtiger als Waren, und wenn Termine drängten, blieb die Küche kalt. Das Bestellen der eigenen Parzellen besorgten längst digitale Erntehelfer.
Seit neuestem kommen aus der Ecke, wo der Flatline-Spiele-PC steht, ganz andere Töne: „Warte, dich mach ich platt.“ Die Spielerin ist in Escaria unterwegs. Über die blaue Weite des digitalen Meeres schippern bewegliche und vergrößerbare Inseln. Auf denen regen sich emsig Industrie und Handwerk zu keinem anderen Zweck als dem, Schiffe und Kriegsvolk zu erzeugen, mit denen die Rohstoffe anderer Inseln ausgeplündert werden. Sehr beliebt sind zum Beispiel solche, deren Eigentümer sich vormittags nicht um ihre Insel kümmern können. Der Orthografie ihrer verbalen Äußerungen nach zu schließen streben sie in dieser Zeit und im wirklichen Leben ohne große Erfolgsaussichten den Hauptschulabschluss an. Tunlichst schließt frau sich einer räuberischen Gilde an und verabredet sich zu Plünderzügen. Diese bösen Allianzen tragen so klangvolle Namen wie „Killerkommando“ und sind voller Kämpfer, die gelobt haben, der „beßte Kriger“ zu werden.
Dabei ist das Bildschirmbild, dessen Zahlen und Zeichen vom Krieg um Rohstoffe, von Schlachten zu Wasser und zu Lande, von Gewinn und Verlust an Material und Menschen erzählen, nichts als traute Meeresbläue - kein animierter Hinweis auf das martialische Tun. Wenn Omi sich anschaut, was die Enkelin auf dem Schirm hat, wird sie keinen schlimmen Verdacht schöpfen. Schon gar nicht, dass ihr Enkelchen gerade einem fiesen Komplott beigetreten ist, um wieder eine Nachbarinsel zu brandschatzen. Ach, waren das noch Zeiten, als sie täglich im Wunschbrunnen Wasser schöpfte und auf der Mondschatten-Aue Duftmoos züchtete in FantasyRama...