70 Tage, 8000 Meilen und 8000 Läufer - das sind die wichtigsten Rahmendaten des Fackellaufs vor den Olympischen Spielen in London, die in zehn Tagen am 27. Juli beginnen. „Der Fackellauf ist eines der stärksten Symbole der Spiele“, schwärmt Stuart Hawker, „aufgeladen mit Werten und Gefühlen“. Der Ingenieur und seine Kollegen von Tecosim Technical Simulation haben in den vergangenen anderthalb Jahren das wichtigste Werkzeug für diese Inszenierung konstruiert - die Olympiafackel 2012. In einer Serie von gut 8000 Exemplaren ist das mit Gas befeuerte Leuchtmittel gebaut worden, seit dem 19. Mai sind die Läufer damit in ganz Großbritannien unterwegs.
Den Entwurf des Designstudios Barber Osgerby haben die Spezialisten für Computer Aided Engineering (CAE) aus Basildon bei London hauptsächlich digital konstruiert, aber ganz lässt sich ein so komplexes Produkt doch nicht am PC verwirklichen. Zum Entwurfs- und Testprozess gehörten auch Windkanal- und Fallversuche mit Prototypen sowie natürlich die Überprüfung, ob die Flamme auch schwerem Regen widerstehen kann - schließlich wird sie zehn Wochen lang durch das für seine plötzlichen Niederschläge berühmte Großbritannien reisen. Am 27. Juli wird dann im Rahmen der Eröffnungsfeier das Feuer im Olympiastadion von London mit der letzten Fackel entzündet.
Hawker hält die Fackel, die sich von der Spitze zur Mitte hin konisch verjüngt und in einen geraden Griff übergeht, zufrieden in der Hand. Das 800 Gramm leichte Gerät mit dreieckigem, an den Kanten abgerundetem Querschnitt besteht aus perforiertem Blech, das in zwei durch einen Luftspalt getrennten Lagen verarbeitet ist. Das sorgt unter anderem für eine gute Isolation der äußeren Grifffläche gegenüber der inneren Haut, die den Brenner hält. Die Designer Edward Barber und Jay Osgerby haben den Aufbau aber auch aus gestalterischen Gründen gewählt. Denn die insgesamt 8000 Löcher der beiden „Metalltüten“ sind so gegeneinander verschoben angeordnet, dass sich beim Blick auf die Oberfläche überall das Olympia-Symbol der fünf ineinander verschlungenen Ringe wiederholt.
Solche Feinheiten in die Serienfertigung zu übertragen war nur eine Herausforderung, der sich die Ingenieure stellen mussten. Wenigstens ebenso anspruchsvoll war die Konstruktion hinsichtlich der Maßgaben für Ergonomie, Sicherheit, Strömungsverhalten am eigens modifizierten Brenner sowie der effizienten Produktion in Kleinserie, wie Hawker sagt. Am Anfang jeder Fackel steht dabei blankes, einen Millimeter dickes Aluminiumblech (AlMg4,5Mn0,4; Werkstoffnummer EN AW 5182), in das nach dem Zuschnitt die Perforationslöcher mit einem Laser geschnitten werden. Anschließend wird das Blech von einer Presse in Form gebracht. Der dreieckige Querschnitt ist nach den Worten Hawkers ein Schlüsselelement: Er soll die dritten Olympischen Spiele in London (nach 1908 und 1948) sowie das Motto „citius, altius, fortius“ (schneller, höher, stärker) symbolisieren. Ferner lasse sich die auch am Griff dreieckige Fackel besonders sicher packen.
Nach dem Formen werden die Längskanten miteinander verschweißt. Weil das Blech an der Nahtstelle vor dem Zusammenfügen nicht durchlöchert werden darf, schneidet man entlang der Naht die Löcher erst zuletzt ein. Am oberen und unteren Rand wird anschließend ein aus einer Aluminium-Silizium-Legierung bestehendes Gussteil aufgesetzt und ebenfalls verschweißt. Danach ist die Fackel so weit fertig und muss nur noch gründlich gereinigt werden, bevor sie einer zweilagigen Oberflächenbehandlung unterzogen wird: Zunächst trägt man eine Nickelschicht auf, über die dann eine golden glänzende Titannitrat-Veredelung gezogen wird. Dazu wird ein als physikalische Gasphasenabscheidung (PVD) bekanntes Verfahren genutzt. „Erst das PVD-Finish bringt den verlangten Glanz und die geforderte Widerstandsfähigkeit“, sagt der Ingenieur.
Von den Fügestellen ist am fertigen Produkt nichts mehr zu sehen. Deshalb wirkt die Fackel wie aus einem Guss und somit auch ein bisschen geheimnisvoll, was durchaus gewollt ist: „Die Leute sollen sich ruhig wundern, wie im Himmel wir das gemacht haben“, sagt Hawker mit einem Schmunzeln. Für die Simulationen haben die britischen Tecosim-Ingenieure mit den Kollegen des deutschen Hauptsitzes der Ingenieursgesellschaft in Rüsselsheim zusammengearbeitet. Auch einige praktische Tests der Prototypen wurden Deutschland vorgenommen. So wurde die Widerstandsfähigkeit gegen Wind (56 km/h dauerhaft und 80 km/h in Böen) sowie die Verlässlichkeit bei Temperaturen zwischen minus fünf und plus 40 Grad im Windkanal von BMW geprüft.
Zwölf Minuten lang zwischen 250 und 400 Millimeter hoch
Am Ende erfüllte die Fackel, die mit einem 500 Gramm schweren Bullfinch-Flüssigkeitsbrenner für ein Butan-Propan-Gemisch ausgestattet ist, alle Voraussetzungen: Die Flamme brennt zwölf Minuten lang zwischen 250 und 400 Millimeter hoch, die Hitze wird durch den doppelschaligen Aufbau effektiv von den Fingern der Träger abgehalten, und auch nach einem Fall aus bis zu drei Meter Höhe lässt sich die Flamme noch sicher abstellen. Die an die Fackel gestellten Anforderungen orientieren sich am „Standard-Fall“, bei dem die Fackel von Läufern getragen wird. Während des „Torch-Relay“ legt die Fackel Strecken auch in mit dem Flugzeug, im Ballon, in einem Boot und der Eisenbahn zurück. Häufig wird die Fackel zudem von Rollstuhlfahrern getragen.
Tecosim hat außer den Fackeln auch Halterungen für das Anbringen an Fahrzeugen, Ständer für den Bustransport sowie einen Sicherheitskäfig konstruiert, in dem die olympische Flamme aus Griechenland mit dem Flugzeug nach Großbritannien gebracht wurde. Dabei reiste das Feuer in Sicherheitslaternen, wie sie früher im Bergbau eingesetzt wurden. In diesen Laternen wird die Flamme auch während des derzeit stattfindenden Fackellaufs in den Begleitbussen mitgeführt. Das dient unter anderem dazu, am Morgen die erste Fackel des Tages zu entzünden. Auf der Strecke geben die Läufer das Feuer jeweils direkt untereinander weiter: beim sechs Sekunden dauernden „Kuss“ der Fackeln.
Kann ich die Fackel auch..
Lutz von Peter (LutzBrux)
- 22.07.2012, 23:07 Uhr
Fragen zur Fackel
Rüdiger Kern (rukern)
- 22.07.2012, 13:59 Uhr