Eine Teilnahme an Olympischen Spielen ist für viele Sportler die Krönung der Karriere. Privilegiert ist, wer auf eine perfekte Wettkampfausstattung zurückgreifen kann. Dabei sind Olympische Spiele für die Ausrüster ein Kraftakt. Beispielhaft für die Branche einige Eckdaten von Adidas: Bei den Sommerspielen in London, die in gut einer Woche beginnen, stattet das Unternehmen 5000 Athleten und 84 000 freiwillige Helfer mit Kleidung und Schuhen aus. Allein 41 Schuhmodelle werden angefertigt. Insgesamt stellt der Sportartikelanbieter aus Herzogenaurach drei Millionen Artikel für die Spiele her.
In 26 Sportarten werden 302 Wettbewerbe ausgetragen - 162 für Männer, 132 für Frauen sowie acht gemischte. Entsprechend groß ist die Bandbreite der Produkte, jede Sportart stellt eigene Anforderungen an Funktion, Material und Passform. Geringes Gewicht spielt eine überragende Rolle, denn je weniger Kraft der Athlet in den Transport seiner Ausrüstung am Körper aufwenden muss, desto mehr steht für die sportliche Leistung zur Verfügung. Udo Müller, Innovationsmanager bei Adidas, bringt es auf den Punkt: „Leicht gleich schnell.“ So wiegt etwa der Kurzstreckenschuh Prime SP von Adidas nur noch 99 Gramm und ist damit 25 Prozent leichter als das vergleichbare Modell der vorherigen Spiele in Peking. Vor vier Jahren sei man noch nicht in der Lage gewesen, so dünnes Material zu verarbeiten und dieselbe Reißfestigkeit zu gewährleisten, teilt der Hersteller mit. Der vollständig verschweißte und damit ohne jegliche Naht gefertigte Schuh besteht nun weitgehend aus 0,6 bis 0,7 Millimeter dünnem Polyester mit aufgedruckten Strukturen und einer Sprintplatte, in die winzige Röhren aus Karbonfasern eingezogen sind. Elastizität, Leichtigkeit und Stabilität würden so gleichzeitig erreicht, sagt Müller.
Dem Gewichtsprimat folgen alle Anbieter. Nike schickt den für Mittel- und Langstrecken geeigneten Laufschuh Flyknit ins Rennen, der Clou: Eine Strickmaschine fertigt die gesamte Oberhaut in einem Arbeitsgang, lediglich an der Ferse befindet sich eine Naht, und das Gebilde wird fest mit der Sohle verschweißt. Socke und Schuh werden in diesem gut 160 Gramm wiegenden Sportgerät also gewissermaßen eine Einheit. Das sei ein Wunsch vieler Athleten gewesen, sagt Martin Lotti, leitender Entwickler bei Nike. Die Idee zu Flyknit habe man schon vor mehreren Jahren gehabt, jedoch habe es keine Fertigungstechnik dafür gegeben, so dass die passende Maschine gleich mitentwickelt worden sei. Sie ermögliche es, Garne und Gewebe nur dort präzise einzusetzen, wo sie benötigt werden, um so das federleichte und passgenaue Obermaterial herzustellen. Wichtiger Nebeneffekt des neuen Fertigungsverfahrens: Es fällt so gut wie kein Abfall an. „Nachhaltigkeit“ ist bei allen Herstellern ein Thema. Schnürsenkel werden recycelt, PET-Flaschen (Polyethylenterephthalat) konvertieren zu Polyestergarn und erleben in Sportkleidung ihren nächsten Frühling.
Die Forderung nach geringem Gewicht ist auch der Grund, warum Adidas Britta Steffens Schwimmanzug weiterentwickelt hat. Die neue zweite Haut heißt Adidas zero gld2 und wiegt lediglich rund 100 Gramm, womit die Schwimmerin zwei Prozent schneller sein soll. 36 Prozent leichter als Konkurrenzmodelle sei der Anzug, behauptet Adidas, und, fast noch wichtiger, er nehme 32,5 Prozent weniger Wasser auf als zuvor, womit er eine optimale Lage der Schwimmerin im Wasser unterstütze. Der Anspruch an die Polyamidfaser war, reißfest und flexibel zugleich zu sein, denn die Bewegung darf selbstredend nicht eingeschränkt werden. Zu teuer darf der Anzug freilich auch nicht werden, denn der Schwimmverband schreibt vor, dass es sich um ein kommerzielles, also von jedermann zu erwerbendes Modell handelt.
Schwimmkleidung mit wissenschaftlichem Anspruch
Einem ähnlichen Anforderungskatalog folgt Speedo, hält sich aber zur Technik sehr bedeckt. Der Hersteller war einer der ersten, der Schwimmkleidung mit einem wissenschaftlichen Anspruch verknüpft hat, und verweist trocken darauf, dass bei den Spielen in Peking 94 Prozent aller Goldmedaillen im Schwimmen im damaligen Anzug LZR Racer geholt worden seien, bei den Männern sogar 100 Prozent. Die neue Ausrüstung aus optimierter Haube, Hose oder Anzug und Brille trägt den Namen Fastskin 3. Die neue Schwimmbrille (“Goggles“) reduziert aufgrund ihrer Konstruktion den Wasserwiderstand um zwei Prozent, die Kappe um drei Prozent; zusammen werden sie ein System und tragen mit insgesamt sechs Prozent bei. Abgesehen von ihrer optimierten äußeren Form: Die Brille sitzt bei weniger Zug auf dem Band dichter am Kopf als das Vorgängermodell, und eine neu konstruierte Linse verbessert die periphere Sicht auf jeder Seite um 20 Grad, was einem um einen Meter weiteren Sichtfeld entspricht. Der neue Anzug punktet an manchen Körperregionen aufgrund seiner Konstruktion ebenfalls mit einem verringerten Wasserwiderstand - es sind beispielsweise über dem Hüftabschluss zehn Prozent. Zugleich bringt er den Körper des Athleten durch abgestufte Kompression in eine strömungsgünstigere Form. Der Prozente nicht genug: Laut Speedo ist der Kraftaufwand des Schwimmers dank der „Fastskin 3“-Kombination im Vergleich zu herkömmlichen Schwimmanzügen elf Prozent geringer. Möglich sei das alles mit Hilfe von Schwimmkanaltests, einem Körperscanning von Kopf bis Fuß und umfangreicher Computersimulation.
Asics stattet für London die deutschen Triathleten mit einem Hauch von Nichts aus: 70 Gramm wiegt der Damenanzug, in dem Anja Dittmer auf die Strecke gehen wird, ein paar Gramm Kleidung mehr trägt ihr Kollege Jan Frodeno aufgrund seiner anderen Statur auf dem Leib. Die Anzüge, ausgelegt für alle drei Triathlondisziplinen, sind an den Nahtstellen für eine möglichst ebene Oberfläche verklebt, was Wasser und Luftverwirbelungen minimieren soll. Belastungszonen sind verstärkt, ermüdete Muskulatur wird durch Kompression unterstützt.
In den Leichtathletikanzug Pro TurboSpeed von Nike sind dem Unternehmen zufolge 1000 Teststunden eingeflossen. Abgesehen von seinem extrem geringen Gewicht weist er, nach Golfball-Vorbild, eine weitere Besonderheit auf: kleine Vertiefungen, die einen geringeren Luftwiderstand bewirken sollen. Im Windkanal, heißt es, habe sich gezeigt, dass der Anzug auf 100 Meter bis zu 0,023 Sekunden schneller sei als das Vorgängermodell. Das könnten die Hundertstel sein, die über einen Platz auf dem Siederpodest entscheiden, deutsche Athleten wie Verena Sailer werden am Ende der Sommerspiele mehr wissen. Ähnlich maßgeschneiderte Anzüge liefert Nike für andere Disziplinen, etwa für den Diskuswerfer Robert Harting.
Für alle Athleten und Helfer gilt gleichermaßen, dass die Kleidung während der Wettkämpfe und zwischendurch andere Anforderungen erfüllen muss als vor vier Jahren in Peking. In China war es heiß und feucht, für London wird mit milderem Klima und Regen gerechnet. Adidas hat in einer Klimakammer im Testzentrum Herzogenaurach Wind, Sonne und Luftfeuchtigkeit simuliert, um Schweißtransport und Klimahaushalt der Kleidung den Gegebenheiten anpassen zu können.
Entwickelt wird längst mittels Computersimulation, aber auch mit Hilfe von Videotests im Labor. Für die Erprobung von Laufschuhen zum Beispiel wird eine Testperson an Schulter, Gesäß, Hüfte, Knie, Schienbein, Becken, Knöchel und Schuh mit Sensoren beklebt. Der Sprint über eine bestimmte, mit Kraftmessplatten versehene Strecke wird von Hochgeschwindigkeitskameras und Infrarot aufgezeichnet. Per Computer lassen sich aus den Bildern Belastungen errechnen, die an Bändern, Muskeln, Knochen und Gelenken entstehen und die durch Veränderungen am Schuh besser verteilt oder minimiert werden können. Dutzende Male wird solch ein Lauf wiederholt, um detaillierte Informationen zu sammeln.
Genaue Analyse verhalf etwa der japanischen Marathonläuferin Yukiko Akaba, einer „Mittelfußläuferin“, zum speziellen Langstreckenschuh Wave Kudos, dessen Sohlengeometrie Ausrüster Mizuno exakt auf diesen Laufstil abgestimmt hat. Beim Mittelfußlaufen werde der Fuß nicht über die Ferse abgerollt, wodurch sich die Geschwindigkeit des Läufers steigere, erklärt das Unternehmen. Eine neuartige Zwischensohle ermögliche eine weichere und frühere Landung als mit herkömmlichen Laufschuhen.
Zwischen 0 und 30 Metern die Beschleunigung unterstützen
Dem Zufall überlassen die Ausrüster nichts. Adidas nutzte für die Entwicklung seiner Sprintschuhe eine Tartanbahn, wie sie in London verlegt ist. Schuh sowie Anordnung und Ausformung der Spikes sind so gestaltet, dass sie zwischen 0 und 30 Metern die Beschleunigung unterstützen, zwischen 30 und 80 Metern die konstant hohe Geschwindigkeit halten helfen und zwischen 80 und 100 Metern dem dann typischerweise eintretenden Kraftabfall entgegenwirken. Die Spikes selbst sind nicht mehr aus Metall, sondern aus Kunststoff gefertigt und müssen einer Belastung von vertikal 3000 Newton und horizontal 1500 Newton standhalten. Vier Jahre Entwicklungszeit stecken im neuen Sprintschuh, lässt Adidas wissen, was zugleich beschreibt, wie es nach Olympia 2012 weitergeht: mit dem Entwurf der nächsten Generation. Denn nach den Spielen ist vor den Spielen, Olympia 2016 haben die Entwickler längst im Blick.
Der Transfer vom Spitzensport in die Serie finde täglich statt, beteuern sie. Beispielsweise Laufschuhe für jedermann wögen heute weniger als 200 Gramm, die Sohlen seien selbstverständlich mit speziellen Dämpfungselementen zum Vermeiden von Verletzungen und Schonen von Knochen und Bändern versehen, die der durchtrainierte Profisprinter nicht benötige. Auch haben die Schuhe fürs Freizeitjoggen und Gassigehen Gummi in der Sohle, schließlich sollen keine großen Unterschiede auf trockenem oder nassem Asphalt spürbar sein. Und ein Ausrutschen des Hobbyläufers soll nach Möglichkeit auch verhindert werden.
Es lebe der Sport
Marvin Parsons (mapar)
- 27.07.2012, 11:31 Uhr