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Wolfsburger Volkswagenwerk : Radfahrer unter Autobauern

Mit dem Rad zum Auto Bild: Pardey

Durch das Wolfsburger Volkswagenwerk rollen Tausende von einfachen Fahrrädern. VW unterhält sogar eine eigene Reparaturwerkstatt.

          Wer nach Wolfsburg kommt, den empfangen zahlreiche Schilder, die ihn zur Autostadt leiten wollen. Diese „Kommunikationsplattform des Volkswagenkonzerns“ beantwortet im Internet selbst die Frage, was sie sei, mit einer Zeile, über die man tiefsinnig werden könnte: „Menschen, Autos und was sie bewegt“. Nun, wenn es um die Menschen nebenan im Volkswagenwerk geht, dann bewegen sich diese in großer Zahl selbst, nicht automobil, sondern mit dem Fahrrad. Gewiss, es gibt zu den gigantischen Parkplätzen für die aktuell rund 54 000 Beschäftigten eigene Buslinien, die zeitweise im Fünf-Minuten-Takt fahren. 75 Kilometer ist das Straßennetz lang auf dem mehr als sechs Quadratkilometer großen Werksgelände am Mittellandkanal. Das VW-Werk Wolfsburg gilt als die größte zusammenhängende Autofabrik der Welt. Ihr Schienennetz ist 70 Kilometer lang, und die überbaute Fläche der Hallen umfasst 1,6 Quadratkilometer. Orientierungsgröße: Das Fürstentum Monaco hat eine Fläche von 2,02 Quadratkilometer.

          Hans-Heinrich Pardey

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Auf den Stichtag des Besuchs genau 6292 Fahrräder verwaltet Meike Bernhardt vom Service-Center Transportfahrzeuge. Das ist bei VW auch für Flurförderzeuge wie Gabelstapler oder Hebegeräte zuständig. Während deren Instandhaltung mit einer 3000 Quadratmeter großen Werkstatt gleich angegliedert ist, werden die Fahrräder in einer eigenen Fahrradwerkstatt durch das Netzwerk Wolfsburg als externer Dienstleister gewartet. Die gemeinnützige GmbH bietet Soziale Dienste für psychisch Kranke und Behinderte an und betreibt auch in der Stadt eine Fahrradwerkstatt als Betrieb zur beruflichen Integration. Leiter der Werkstatt im Werk, die vier Mitarbeiter hat, drei Männer und eine Frau, ist der Zweiradmechanikermeister Ingo Schoone. Er erklärt mit Meike Bernhardt das System.

          Die Wege sind weit zwischen den Montagehallen
          Die Wege sind weit zwischen den Montagehallen : Bild: Pardey

          Die mehr als 6000 Räder, zu denen man noch einige Hundert von Fremdfirmen benutzte hinzurechnen müsste, sind kein Fahrradverleih. Jedes Rad ist einem konkreten Mitarbeiter und einer Kostenstelle zugeordnet. Die Räder sind auch nicht dafür da, um auf den Straßen zwischen den Hallen von einem Ende des Werksgeländes zum anderen zu fahren. Dafür gibt es ja die Shuttle-Busse. Man darf mit dem Rad nicht nach Hause oder zum Zug radeln. Die Fahrräder werden überwiegend in den Hallen eingesetzt, die so ineinander übergehen, dass der Fremde den Wechsel von einer zur anderen kaum bemerkt und meint, in einer einzigen riesengroßen unterwegs zu sein. 80 bis 100 Räder hat die Werkstatt immer in der Mache, zehn bis zwölf werden am Tag auf Vordermann gebracht. Das meiste, was anfällt, sind Defekte an Bremsen und Reifen. Abgesehen davon, dass es keinen Fahrradverkauf gibt und dass die Räder einander sehr ähnlich sehen, geht es ziemlich so zu wie beim Fahrradhändler um die Ecke, wenn Saison ist. Räder werden gebracht und abgeholt, nur bezahlt wird nicht. Die Abrechnung, das heißt die Belastung der jeweiligen Kostenstelle, das regelt die Verwaltung des Service-Centers.

          Auch die Art, wie man als VW-Mitarbeiter zu einem Werksfahrrad kommt, ist ein Verwaltungsakt. Der Vorgesetzte muss es beantragen, es wird geklärt, was für ein Rad es sein sollte, schließlich stellt die Werkstatt es bereit: mit Inventarnummer und eigener TÜV-Plakette. Ganz wie in der Autowelt: Wenn die abläuft, bekommt man womöglich einen Hinweis dran gehängt: kein Knöllchen, nur die Aufforderung, das Rad durchsehen zu lassen.

          Wer hier geht, hat es nicht weit oder viel Zeit
          Wer hier geht, hat es nicht weit oder viel Zeit : Bild: Pardey

          Einen Zungenschnalzer der Begeisterung können die Fahrräder einem Liebhaber nicht entlocken. Mit dem Wort bieder sind sie sehr wohlwollend beschrieben: Normalerweise gibt es keine Gangschaltung, und die Farbe ist schwarz. Werkstattleiter Schoone bemüht sich um Vereinheitlichung und folgt in gemächlichem Tempo dem technischen Fortschritt. So gibt es zwar V-Brakes, aber der Dynamo ist immer noch ein Seitenläufer. Eine Gangschaltung haben nur die Lastenräder; die dürfen dann schon etwas über 200 Euro kosten. Und die Räder in den Kraftwerken sind gelb. Warum? Tradition.

          Ein seltsames Gefühl: Draußen ist es winterlich mit Tendenz zu Schietwetter, und hier drinnen schweben strahlende SUVs von Herstellungsschritt zu Herstellungsschritt. Die Fahrradtour, die einer Reise in die Vergangenheit bis zurück zur Lackiererei gleicht, wird mit einem geliehenen Rad unternommen, das auch mal wieder bei Ingo Schoone durchgesehen werden könnte. Doch steht die Rundfahrt unter besten Voraussetzungen: Die Temperatur ist angenehm, die Begleitung nett, größere Steigungen sind nicht auszumachen; nur den Flurförderzeugen sollte man aus dem Weg gehen. Und zum Glück baut Volkswagen Autos mit wesentlich höherem technischen Anspruch als dem, der bei den Werksfahrrädern angelegt wird.

          Quelle: F.A.Z.

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