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Legendäres Motorradtreffen : „Wheels and Waves“: Unbeschreiblich und weiblich

„Wheels and Waves“ im Jahr 2015 Bild: j.kuenstle.de, Jörg Künstle

Alte Karren, junge Kerle und erstaunlich viele Frauen: Das „Wheels and Waves“-Festival in Südfrankreich ist Dreh- und Angelpunkt einer neuen Motorradkultur.

          Motorradtreffen können ganz schrecklich sein. Versammlungen der Bierbauchbiker mit erdrückendem Männerüberschuss, der Gaskranken, die am Ortsausgang den ersten Gang bis Tempo 100 hochjubeln, der Weekend-Warrior, die zum „Born to be wild“-Grölen kommen und sich mit Totenkopfkrempel behängen. Es kann wirklich schlimm sein. Aber es geht auch anders.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Als 2012 in Biarritz zum ersten Mal eine Zusammenkunft unter dem Titel „Wheels and Waves“ stattfand, trafen sich 80 Leute. Strand, Surfen, Motorräder, Musik. Ein Jahr später waren es 1000. 2014 kamen 3000 - darauf war keiner gefasst, mittleres Chaos. Da hatten ein paar Typen aus Toulouse, die sich „Southsiders“ nennen und immer nur lose verabredet hatten, ehe sie ihrem Treffen einen organisatorischen Rahmen gaben, eine Massenbewegung in Gang gesetzt. Unvorstellbar ohne die Lauffeuerfunktion des Internets. Jetzt waren es rund 10 000.

          Das Treiben in der südwestlichsten Ecke Frankreichs als bunt und laut zu beschreiben wäre maßlos untertrieben. In der Hauptsache: Männer, Mädels und Maschinen. Letztere können nicht alt genug sein, alles andere dagegen ist erstaunlich jung. So erstaunlich jung, dass sich gut erhaltene Motorradfahrer um die fünfzig, die anderswo mitten im Altersdurchschnitt liegen, beim „Wheels and Waves“ wie Veteranen fühlen, denen dämmert, dass sie allmählich der nächsten Generation Platz machen müssen. Das sind sie nicht gewöhnt, ebenso wenig wie die vielen jungen Frauen um sich herum, die mit frech umgebauten Motorrädern anknattern.

          Nach nur vier Jahren ist „Wheels and Waves“ schon legendär, gilt als Fixpunkt einer neuen, jungen Motorradkultur aus lässigen Old-School-Klamotten und klassischen, auf kreative Weise veränderten Hobeln. Serienmäßiges ist unerwünscht, Langweiliges verpönt. Im Getümmel von Biarritz sehen Neufahrzeuge merkwürdig alt aus. Was mangels ernsthaften Umbaus oder fröhlichen Gefrickels dem Serienzustand entspricht, wird zwar geduldet, aber bei der Anfahrt freundlich aussortiert und auf Parkplätze außerhalb des Festgeländes verwiesen. Jeder Haufen Metall, jede 200-Kubik-Gurke, und sei sie noch so verschraddelt, erntet mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung als ein fabrikfrischer 20 000-Euro-Tourer mit Vollausstattung. Verkehrte Welt.

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          Mühlen, die lange Zeit keiner haben wollte, stehen mit einem Mal hoch im Kurs und bollern, irgendwie modifiziert, als eine Art Kunstwerk herum. Die Vielfalt der Umbauten ist überwältigend. Es wimmelt von simplen, nach heutigen Maßstäben schlappen Bobbern, Scramblern, Café Racern und Choppern, die Mode waren, als die meisten Besucher noch lange nicht geboren waren. „Zurück zu den Wurzeln“ lautet die Devise. Aber natürlich nicht ohne das iPhone.

          Es ist nicht ganz eindeutig, wie hoch der Anteil der Mitläufer und nur als Hipster Verkleideten ist. In erster Linie zieht das Festival wohl tatsächlich Menschen mit wahrer Motorrad-Leidenschaft und starkem Interesse daran an, was andere sich so einfallen lassen. Sie rumpeln in langen Kolonnen über die Grenze ins spanische Baskenland, wo auf der Passstraße des Jaizkibels in Sichtweite des Atlantiks Bergsprint-Rennen veranstaltet werden, schwärmen gemeinsam in die Landschaft aus. Und abends ein Bier oder zwei.

          Es tut sich etwas in Richtung Verjüngung

          Der allgemeine Fahrstil ist anarchisch, die Polizei anscheinend recht tolerant - und die Motorradindustrie wie elektrisiert: Endlich tut sich etwas in Richtung Verjüngung, hat das „Bike“ wieder etwas Rebellisches an sich. Hohe Herrschaften aus Konzernzentralen in Europa, Japan und Amerika lassen sich blicken. Strategen wie Harley-Davidsons Chefdesigner Ray Drea tauchen ein ins Gewimmel, sehen sich genauestens um, den Trends auf der Spur. Customizing-Koryphäen nutzen die Bühne, BMW und Yamaha verbünden sich inzwischen mit den Schraubenzieher-Gurus, um demonstrieren zu lassen, was sich aus ihren Serienfahrzeugen machen lässt.

          Auch Triumph und Ducati zeigten dieses Jahr in Biarritz Flagge. Harley präsentierte unter anderem die Ergebnisse eines europaweiten Umbau-Wettbewerbs („Custom King“) auf Basis ihres Einstiegsmodells Street 750. Marketingmann Frank Klumpp: „Der Besuch solcher Veranstaltungen hat mittlerweile ein hohes Gewicht. Wir wollen junge Leute ansprechen und die Marke für diese Zielgruppe sichtbar machen.“

          Nichts dergleichen in Biarritz

          Für aberwitzige Leistung und Assistenzsysteme zur Zügelung derselben interessiert sich in dieser Zielgruppe keiner. Beim „Customizing“ werden Zweckmäßigkeit und Nutzen der Show untergeordnet, dem persönlichen Stil, der reinen Lust am Verändern. Die Veranstaltung am Atlantik erscheint wie ein heiteres Happening zur Verhöhnung des TÜV.

          Totenköpfe? Kaum. Peinliche Warnwesten? Fehlanzeige. Hightech-Membrankombis, Klapphelme, böse Kutten, verbiesterte Mienen, dicke Oberarme, die demonstrativ zur Schau getragen werden? Nichts dergleichen in Biarritz. Sagte ein Frankfurter, der sein Gesäß im knackigen Sattel seiner Harley ein paar tausend Kilometer lang („immer nur Landstraße“) strapazierte, um mal dabei zu sein: „Das Beste, was ich je erlebt habe.“

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